Brocki stapelt hoch: «Wir erhalten zurzeit mehr Ware, als wir verarbeiten können.»

TV-Shows, die einem beim Aufräumen helfen und Menschen, die einen minimalistischen Lebensstil lobpreisen, erhöhen die Warenspenden in vielen Brockenhäusern. Auch in Wil stapeln sich die Bananenkisten.

Joëlle Ehrle
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«Eine richtig grosse Menge»: Seit der Weihnachtszeit stapeln sich Kisten voll Warenspenden im Lager des BrockiShops Wil. (Bild: PD)

«Eine richtig grosse Menge»: Seit der Weihnachtszeit stapeln sich Kisten voll Warenspenden im Lager des BrockiShops Wil. (Bild: PD)

In der Netflix-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» werden Tipps und Tricks weitergegeben, die für Ordnung im Haushalt sorgen. Die Sendung der Japanerin verspricht, durch Entrümpelungsaktionen und Beseitigung von Altlasten mehr Platz für Lebensfreude zu schaffen. Viele Menschen auf der ganzen Welt machen es ihr gleich und entrümpeln ihre kompletten Wohnungen. Derart effizient, dass manche Brockenhäuser einer Warenflut gegenüberstehen und amerikanische Brockenhäuser gar vom «Marie-Kondo-Effekt» sprechen.

Menge auf Rekordhöhe

Kommt also das geerbte Besteck selten zum Einsatz? Verstaubt die Popcorn-Maschine im Keller? Verliert das Kindertrampolin an Reiz? Solche Dinge finden dank Brockenhäuser neue Besitzer, welche diese wieder zu schätzen wissen. Im BrockiShop des Blauen Kreuzes in Wil häufen sich aber im Moment die Bananenkisten. «Die eingehenden Warenspenden sind um einiges höher als im letzten Jahr», sagt Jakob Schweizer, Betriebsleiter des Brocki Wil und Gesamtleiter der vier BrockiShops der Hilfsorganisation Blaues Kreuz Schweiz. Die Menge der anvertrauten Waren bewegt sich verglichen mit den letzten 20 Jahren auf Rekordhöhe.

Brocki-Team kann nicht Schritt halten

Jakob Schweizer, Gesamtleiter BrockiShops

Jakob Schweizer, Gesamtleiter BrockiShops

Angefangen habe es laut Schweizer im Dezember 2018. «Seit da verzeichnen wir einen spürbar höheren Eingang an Warenspenden.» Zeitweise sei dieser gar höher gewesen, als ihn das Team des Brockenhauses bearbeiten konnte. «Eigentlich ist es Ziel, die eingehende Ware sofort zu verarbeiten und bei allfälligem Überschuss nur die sortierten und mit Preisen versehenen Waren einzulagern», sagt der passionierte Brocki-Leiter. Doch sei dies in den letzten drei Monaten nicht immer möglich gewesen. «Im Lager hat sich eine richtig grosse Menge an unsortierten Vorräten angesammelt.»

Ausmisten und Raum für Neues schaffen, klingt zwar wie ein banaler Neujahrsvorsatz, ist aber mittlerweile eine populäre Freizeitbeschäftigung. Das grüne Gewissen und das Spenden von nicht mehr benötigten Gegenständen an eine gemeinnützige Organisation, sind laut Jakob Schweizers Erkenntnissen nach wie vor sehr trendig. «So müssen die Gegenstände nicht teuer entsorgt werden und es werden Ressourcen geschont», begründet er. Diesen Trend spürt man auch in den Brockenhäusern der Stiftung Tosam in Flawil und Degersheim. Martin Grob, Geschäftsführer der Brockenhäuser Tosam und Gründer der gleichnamigen Stiftung sagt dazu:

«Besonders dort, wo man den Menschen das Abgeben erleichtert, spüre ich eine Zunahme»
Martin Grob, Geschäftsführer Tosam Brockis

Martin Grob, Geschäftsführer Tosam Brockis

Dem zur Stiftung gehörenden Second-Hand Warenhaus in Herisau werden täglich durchschnittlich 14 Tonnen Waren angeliefert. «Darunter mehr Brauchbares, als wir dort verkaufen können, weshalb ein Teil davon nach Flawil und Degersheim verschoben wird», sagt Grob. Dass der Wareneingang allerdings viel grösser als der Abverkauf ist, kommt den Käufern zugute. «Man findet heute in einem Brockenhaus viel schönere Sachen als früher», sagt Martin Grob und Jakob Schweizer meint: «Für die Kunden bedeutet es zudem, noch mehr Schnäppchen als sonst machen zu können.»

Hälfte der Kleinwaren bleiben unverkauft

Doch nicht alles, was gespendet wird, sei laut Schweizer auch verkäuflich. «Von den eingehenden Warenspenden im Kleinwarenbereich muss knapp die Hälfte als nicht verkäuflich ausgeschieden werden.» Bei der Stiftung Tosam blieben die Sachen ohnehin nicht lange im Laden. «Weil wir viel bekommen, können wir die Durchlaufzeit kürzen. Im Haushalt wird das nicht Verkaufte spätestens nach drei Monaten entsorgt, was für uns zu Entsorgungskosten führt», sagt Martin Grob.

Ferner sei dem Leiter des BrockiShops Wil aufgefallen, dass zurzeit mehr Spender als gewöhnlich ihre Kostbarkeiten vorbeibringen, den Shop aber ohne einen Rundgang gemacht zu haben wieder verlassen. «Wie ich in vielen Gesprächen feststellen konnte, befinden sich momentan viele Detailhändler und Brockis in einer Konsumflaute», sagt er.

Deshalb stellt er sich die Frage, ob sich das klassische Januarloch verschoben hat. Dass sich dies nach hinten verschoben haben soll, ist hingegen kein Thema im Brockenhaus der Stiftung Tosam. Betriebsleiterin in Flawil, Renate Kurath, spürte in diesem Jahr bislang weder ein Januar- noch ein Februarloch: «Unsere Kunden sind weiterhin sehr kauffreudig.» Dies bestätigt auch Geschäftsführer Martin Grob: «Die Nachfrage ist praktisch überall gross. Mehr Eingänge als Verkäufe haben wir aber bei den Büchern.»

Und obschon das Lager des Wiler Brockis aus allen Nähten zu platzen scheint, sagt Brocki-Leiter Schweizer: «Wir nehmen nach wie vor sehr gerne alle Arten von Warenspenden entgegen!»

Brockenstube setzt auf Planeten

Ein neuer Planet ist am Sternenhimmel des weltweiten Netzes erschienen. Nach dem Karten- und dem Buchplaneten können nun auch Bilder über den Onlineshop der Tosam-Brockenhäuser bezogen werden.
Andrea Häusler