Briefmarken sind bei Jungen out

Der Philatelistenverein Toggenburg-Wil hatte einst 260 Mitglieder, heute sind es nicht einmal mehr hundert. Mangeln tut es vor allem an Nachwuchs, wie Präsident Dieter Weigele erklärt. Aber auch die Post mache es den Sammlern nicht einfach.

Natalie Brägger
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Das Lachen und die Freude nicht verloren: Vereinspräsident Dieter Weigele beim Lesen eines Briefmarkenkatalogs. (Bild: nb.)

Das Lachen und die Freude nicht verloren: Vereinspräsident Dieter Weigele beim Lesen eines Briefmarkenkatalogs. (Bild: nb.)

Wil/Wattwil. Wenn ein Mitglied des Philatelistenvereins Toggenburg-Wil zwischen 40 und 55 Jahre alt ist, darf es sich zu den «Jungen» zählen. Das Durchschnittsalter der im Verein zusammengeschlossenen Briefmarkensammler beträgt nämlich rund 62 Jahre. «Wir haben durchaus auch über 80-Jährige in unserem Verein», erklärt Präsident Dieter Weigele, der mit seinen 77 Jahren diese Grenze ebenfalls bald knacken wird. Die Überalterung des Vereins führt dazu, dass immer mehr Mitglieder altersbedingt austreten.

So mussten im vergangenen Jahr neben einem Eintritt sieben Austritte hingenommen werden. «Viele treten aus, weil sie altershalber nicht mehr so gut sehen», weiss Dieter Weigele. Immerhin hat er für die kommende Hauptversammlung ein neues Vorstandsmitglied finden können, das erst um die 40 Jahre alt ist. «Ein Glücksfall», wie der Vereinspräsident aus Wattwil sagt.

Computer ist wichtiger

Doch was ist der Grund dafür, dass sich keine Jungen für Briefmarken sammeln interessieren? «Wir können sie nicht vom Computer weglocken», ist Dieter Weigele, der dem Philatelistenverein schon seit 1974 als Präsident vorsteht, überzeugt. Dieses Phänomen könne man auch bei Sportvereinen beobachten, auch diese hätten mit Mitgliederschwund zu kämpfen.

Briefmarken würden die Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren begeistern, dann komme das Interesse am Computer, und die Briefmarkenalben würden irgendwo in einem Schrank verschwinden.

Jugendkurse abgesagt

Dieser Lebenswandel der Jugendlichen hin zum Computer hat auch Auswirkungen auf die Jugendkurse, die Dieter Weigele in den vergangenen 30 Jahren regelmässig angeboten hat.

«Seit drei Jahren konnte ich keinen Kurs mehr durchführen, da die Teilnehmer gefehlt haben», erklärt der Markensammler aus Wattwil und fügt an, dass es sehr schwierig sei, überhaupt an die Jungen heranzukommen. Im Herbst startet Weigele – trotz seines Alters ein bewundernswert engagierter Vereinspräsident – nun einen neuen Versuch, um genügend Kursteilnehmer zusammenzubringen.

Post nutzt Sammler aus

Dass die Briefmarkensammler immer weniger werden, ist nicht nur ein regionales Phänomen, sondern zeigt sich in der ganzen Schweiz. So hatte die Schweizer Briefmarken-Zeitung einst 220 000 Abonnenten, heute sind es nur noch rund 50 000. Der Hauptgrund dafür ist sicherlich der fehlende Sammlernachwuchs, aber auch die Post spielt laut Dieter Weigele «eine miese Rolle». Das Geschäft mit den Sammlern sei für sie rentabel, und deshalb würde die Post «für jede Hundsverlochete» eine Sonderbriefmarke herausgeben.

Als Beispiel nennt Weigele die Sonderbriefmarke zum 250. Geburtstag von Johann Peter Hebel – kein Schweizer, sondern ein deutscher Dichter. Für Weigele ist es darum nicht verständlich, warum Johann Peter Hebel eine Schweizer Briefmarke gewidmet wurde. Dieses Spiel der Post würden aber nicht alle Sammler mitmachen. «Wir sind doch nicht die Melkkuh der Post», stellt Dieter Weigele klar.