«Böse, liederlich oder unehelich geboren»: Ein Buch bringt Licht in ein dunkles Kapitel des Oberuzwiler Platanenhof

Zum 125-Jahr-Jubiläum beauftragte das Jugendheim Platanenhof Historiker mit der Aufarbeitung der Geschichte.

Christof Lampart
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Historikerin Verena Rothenbühler (von links), Heimleiterin Dagmar Müller und die Autoren Heinz Looser und Oliver Schneider haben die 125-jährige Geschichte des Oberuzwiler Platanenhofs aufgearbeitet.

Historikerin Verena Rothenbühler (von links), Heimleiterin Dagmar Müller und die Autoren Heinz Looser und Oliver Schneider haben die 125-jährige Geschichte des Oberuzwiler Platanenhofs aufgearbeitet.

Bild: Christof Lampart

Die Heimleiterin des Platanenhofs, Dagmar Müller, konnte am Montagabend auf dem Begegnungsplatz über 50 Gäste begrüssen, darunter auch die St.Galler Regierungsräte Fredy Fässler und Martin Klöti. Den Ort habe sie mit Bedacht gewählt, gestand Müller, denn «genauso, wie wir nachher für die Vernissage reingehen, haben die Historiker mit dem Buch Licht ins Dunkel unserer Heimgeschichte gebracht».

«Von der Besserungsanstalt zum Kantonalen Jugendheim», ist ein Werk, das viele Facetten der an Hochs und Tief reichen Heimgeschichte des Platanenhofs zeigt. Was über die 125 Jahre gleich blieb, ist der erzieherische Auftrag. Was sich jedoch im gleichen Zeitraum deutlich gewandelt hat, waren die pädagogischen Vorstellungen und Massnahmen.

Wer nicht spurte, wurde «gezüchtigt»

Im Zentrum des Heimalltags stand die Arbeit; wer nicht spurte, hatte mit körperlichen Züchtigungen zu rechnen – bis hin zur Isolationshaft in der berüchtigten «Arrestzelle». Aus heutiger Warte ist es nur schwer verständlich, dass sich noch Mitte 1973 beim Personal Widerstand gegen die Abkehr von der Körperstrafe regte – was protokolliert ist.

Was hingegen über alle die Jahre gleich blieb, war der Mangel an Platz und Geld. Denn der Platanenhof hatte schon in seinen Anfangsjahren weit mehr «verwahrloste» und «kriminelle» Jugendliche aufgenommen als eigentlich Plätze vorhanden waren. Der Grund dafür war einleuchtend: Für die hier eingelieferten Jungen mussten die Gemeinden ein Kostgeld zahlen und zum anderen wurde vom Betrieb die einfache Gleichung «mehr junge Burschen = mehr billige Arbeitskräfte = mehr Gewinn aus dem Landwirtschaftsbetrieb» aufgemacht.

«Der Platanenhof war ein Mosaikstein»

Historikerin Verena Rothenbühler verdeutlichte, dass die Errichtung des 1889 von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen beschlossenen und 1894 in Zusammenarbeit mit dem Kanton St.Gallen realisierten Platanenhofs zur «Rettung verwahrloster Knaben im Alter von 12 bis 16 Jahren» keineswegs ein Einzelfall seiner Zeit gewesen sei. Im Gegenteil: «Er war ein Mosaikstein in der sehr grossen Anstaltslandschaft der Schweiz des 19. und 20. Jahrhunderts», so Rothenbühler.

Heute sei klar, dass den Jungen im Platanenhof oft physisches und psychisches Unrecht angetan wurde. «Die staatliche Fürsorgepolitik hat oft zu Massnahmen gegriffen, welche fundamental in die Grundrechte der Menschen eingriffen», sagte Verena Rothenbühler. Dies zeigten auch die Einweisungsgründe, welche sich mit den Jahrzehnten wandelten. Kamen anfangs vor allem Jugendliche nach Oberuzwil, die «böse, liederlich oder unehelich geboren» waren, so reichte es in den 1950ern schon aus, wenn man lange Haare trug, Töfflis frisierte oder sich in der Halbstarken-Szene tummelte.

Betroffene kommen zu Wort

Es sei dem Platanenhof als Auftraggeber wie auch den Historikern deshalb ein grosses Anliegen gewesen, dass die Selbstzeugnisse von Heimbewohnern einen grossen Platz in der Publikation einnehmen, sagte Rothenbühler weiter. Und gerade diese erzählen in «Von der Besserungsanstalt zum Kantonalen Jugendheim» von harten Körperstrafen, seelischen Demütigungen, Überwachung, anstrengender Arbeit und fehlender Liebe und Zuwendung über viele Jahre hinweg.

Anfangs der 1980er-Jahre kam es dann zum Bruch mit dem Erziehungsmodell, das die Zöglinge zu arbeitsamen und zuverlässigen Menschen erziehen wollte, welche dem Staat nicht auf der Tasche liegen sollten. Mit der Übernahme des Heimes durch den Kanton St.Gallen war erstmals eine finanzielle Basis vorhanden, welche es erlaubte, die individuelle Betreuung der Jugendlichen in den Vordergrund zu rücken – so wie sie bis heute im Platanenhof gehandhabt wird.