Bodycheck der Erinnerungen

Aus, vorbei, finito! Er hätte nicht hierherkommen dürfen. Warum muss er sich auch immer allem aussetzen? Weshalb kann er sich drohendem Schmerz, einer angekündigten Gefühlswallung nicht entziehen, indem er zu Hause bleibt?

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Aus, vorbei, finito! Er hätte nicht hierherkommen dürfen. Warum muss er sich auch immer allem aussetzen? Weshalb kann er sich drohendem Schmerz, einer angekündigten Gefühlswallung nicht entziehen, indem er zu Hause bleibt?

Aber das Klischee stimmt, es ist wie beim Sport: Man muss dahin gehen, wo's weh tut, man darf den Bodycheck nicht scheuen – das gilt für Eishockeyspieler wie für Journalisten – und für pensionierte Lokalredaktoren erst recht!

Fritz Studli ist der einzige Gast im Uzwiler Eisbahncafé. Er blickt auf die Eisfläche. Und es ist wie einst. Auf der einen Seite Schlittschuhläuferinnen. Und gleich gegenüber, durch eine Abschrankung getrennt, jugendliche Männer, die dem Puck nachjagen.

Studli sitzt vor seinem erkalteten Kafi fertig, Dackel Erich dösend zu seinen Füssen. Und wartet darauf, dass sie kommen: die Erinnerungen – und mit ihnen die Traurigkeit. Studli liebt das Eisbahn-Café, gerade wegen seiner augenschreienden Schäbigkeit, er liebt Erinnerungen und Geschichten, die sich hier abgelagert haben. Er kommt seit Jahrzehnten hierher, und heute ist es das letzte Mal. Sie schliessen es, reissen es ab. Studli mag nicht daran denken.

Wie oft hat er beschrieben, was er hier alles erlebt hat: trunkene Siegesfeiern, die Erlösung nach der Schlusssirene, die Diskussionen nach dem Spiel. Einmal weigerte sich der EHC Uzwil, frisch in die Nationalliga B aufgestiegen, das erste Spiel gegen den Zürcher SC zu bestreiten, weil die Zürcher auch in gelben Trikots spielen wollten. Da wurden enttäuschte ZSC-Fans handgreiflich, und Studli mittendrin, durchflutet von Adrenalin und Ärger. Atemlose, körperliche Anspannung, wenn Andy Ton zu einem seiner Sololäufe ansetzte. Ungläubiges, sekundenlanges Staunen, nachdem Don McLaren direkt vom Bullypunkt ins Toreck getroffen hatte. Die verstockten Aufschreie, wenn Urs Räber doch irgendwie diesen Schuss gehalten hatte, den alle schon im Tor sahen. Der Geruch von Schweiss, Alkohol, Rauch, Frittierfett und Ammoniak. Das Gedränge, der Lärm, das Gelächter.

Studli kann sich keinen anderen gastronomischen Raum vorstellen, nicht in Uzwil und nicht in der ganzen Welt, wo so viel passiert ist, wo so viel gefühlt und gelebt wurde.

Hier auf dem Dach standen sie, als anderswo kein Platz mehr war beim entscheidenden Aufstiegsspiel gegen den EV Zug. Hier haben die Spieler nach einem Saisonabschluss-Match aus lauter Übermut die Wirtin kopfüber aus dem Fenster gehoben und sich an ihrem Kreischen ergötzt. Hier haben Männer wie Willi Grob, Jean Morgenthaler oder Ivan Griga senior ihre Söhne spielen und heranwachsen sehen.

Fritz Studli erhebt sich. Er hat längst schon bezahlt. Dackel Erich streckt sich, gähnend. Ohne sich noch einmal umzusehen, verlässt Studli rasch das Café. Die Erinnerungen sind da, aber er fühlt – nichts.

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen. Seine Ode ans ehemalige Eisbahn-Café wurde in der Wiler Zeitung vom 13. März 2010 publiziert.

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