Bluesen, bevor sich die alten Balken biegen

Degersheim. Dass man den Lichtschalter im Treppenhaus nicht findet, macht nichts. Eine Kerze nach der anderen weist den Weg hinauf, so lange, bis es nicht mehr weiter hinauf geht. Ein Konzert im Estrich – das hat seinen ganz eigenen Charme.

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Degersheim. Dass man den Lichtschalter im Treppenhaus nicht findet, macht nichts. Eine Kerze nach der anderen weist den Weg hinauf, so lange, bis es nicht mehr weiter hinauf geht. Ein Konzert im Estrich – das hat seinen ganz eigenen Charme. Und dass es sich dann gar um jenen in einer altehrwürdigen Grauer-Liegenschaft handelt, macht die Atmosphäre nur noch urchiger. Blues im Dachstock – eine Premiere.

Und zwar ganz ohne Spinnweben und herumstehendes Gerümpel, sondern mit drei gestandenen Bluesern an Bass (George «Kay» Kozel), E-Gitarre (Jerry Campbell) und Schlagzeug (Jan Kozel – ja, der Sohn des Ersteren).

Begleiter der ganz Grossen

Die George Kay Band entwickelte sich aus der seit 1991 bestehenden Formation Blue Hi-Way um Jerry Campbell, Kasha Jahn und George Kay und machte sich einen Namen als Vorgruppe und Begleitband von Eric Burdon, Brian Auger, Supercharge, Louisiana Red oder Alvin Lee.

Die Band tourte in Europa, USA, Goa, Indien und nannte sich zeitweise auch GK Brothers Blues Band. Das letzte Album «Together» nahmen die Virtuosen 2003 mit Lubos Andrst, einem Mitmusiker von BB King und Paul Jones, auf. Es folgten mehrere TV-Auftritte in Tschechien, der Heimat von Vater und Sohn Kozel.

Neues Konzertsaal-Bijou

Über zu wenig Arbeit kann sich die George Kay Band also keineswegs beklagen – und nach harter Arbeit tönen die Songs im Grauer-Dachstock an diesem Samstagabend denn auch nicht.

«Got my Mojo Working», der Muddy-Waters-Klassiker, erfüllt als Erstes den hölzernen Konzertsaal, der von der Grauer & Co. AG nach rund 20 Jahren des ungenutzten Brachliegens diesen Sommer mit einer Bar samt Einbauküche sowie Toiletten versehen wurde und künftig regelmässig für Konzerte genutzt werden soll. Die rund 70 Zuhörenden wippen sich gemächlich die Beine in den Bauch.

Ein Schluck Bier hier, ein Schwätzchen an den etwas unglücklich im Blickfeld der Sitzplätze postierten Stehtische dort. Erst Jimi-Hendrix-Akkorde lassen die Vor-und-Zurück-Bewegungen des Fusses zu einem nervös-freudigen Zappeln, gutwillig auch als Tanzen zu bezeichnen, heranwachsen. Der kraftvolle Bass von George Kay und die stets präzise dosierte, aber deshalb nicht minder geballte Schlagkraft seines Sohnes bieten für die herrlich heulende Gitarre von Jerry Campbell einen

Soundteppich, der gar zum fliegenden Teppich wird und sowohl Macher als auch Geniesser in höhere Blues-Sphären zu transportieren vermag.

Zweifach berauschend

«Shake your Money Maker», «Messin' With the Kid», «Gimme All Your Lovin'» – gespickt mit Solos aller drei Protagonisten und liebevoll mit langen, leisen Intros und umso lauteren Outros arrangiert – grosses Kino, was einem der Kulturverein Degersheim hier bietet.

Als Jan Kozel zu aller Überraschung den «Bombtrack» von Rage Against The Machine inbrünstig mit Händen und Stimme umsetzt, wird das Konzert definitiv zum berauschenden Erlebnis. Fast noch schöner dürfte nur noch die Tatsache sein, dass damit einer der wohl sympathischsten Konzertsäle in der Region aktiviert wurde und man auf viele Nachfolgeveranstaltungen hoffen darf, bevor sich die Balken altershalber biegen. Mario Fuchs

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