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Bloss keine Umstände um uns im Tod

Fritz Studli, Journalist im Ruhestand, räsoniert über Tod, Bestattung und Glaube.
(Bild: Donato Caspari)

(Bild: Donato Caspari)

Versonnen sitzt Fritz Studli auf einer Bank im katholischen Friedhof in Niederuzwil, Dackel Erich hat sich vor ihm ausgestreckt. Eigentlich wollte Studli bis zur Badi weiterspazieren, aber dann entschied er sich für eine Lesepause. Er nestelt das neue «Uzwiler Blatt» aus seiner hinteren Hosentasche. Dann fühlt er einen Stich im Herzen.

Just hier, auf diesem Friedhof, liest er, wie wohl auch überall in der Schweiz, würde immer weniger Platz für die Toten benötigt. Die Feuerbestattung boomt, Urnen nehmen viel weniger Platz ein. «Das eigene, bepflanzte Grab ist auf dem Rückzug», steht da, und bald würden, so der amtliche Text in amtlichem Deutsch aus dem Uzwiler Gemeindehaus, «parkähnliche Landschaften» entstehen.

Fritz Studlis Gedanken rasen. Er ist weit über siebzig Jahre alt, noch recht munter, sein Testament ist gemacht, der Tod ist für ihn eine Realität wie die tägliche Villiger Krumme zum Zweierli Saint-Saphorin. Zu viele Freunde hat er bereits an Freund Hein verloren. Aber wie kommt es, fragt er sich, dass die Leute sich lieber kremieren lassen als dass der tote Körper im Grab verwest? Wie würde er als ehemaliger Redaktor das mit spitzer Feder kommentieren?

Fleisch, Knochen, Fett verbrennen, zischend, knackend, explodierend zu Asche – statt dass der Körper vermodert: Warum? Aus Rücksichtnahme? Bloss keine Umstände um uns als Leiche, um uns im Tod, aber Hightech-Medizin und Körperkult bis zuletzt im Leben? Oder sind es Kostengründe? Folgt der Ökonomisierung des Lebens die Ökonomisierung des Todes? Denken wir, wenn wir ans Jenseits denken, wirklich in Franken? Ist den Leuten das Geld so viel wichtiger als die Religion, als ihr Glaube, den sie bei anderer Gelegenheit doch so gerne hochhalten und in dessen Namen noch immer Kriege wüten und Terror verübt wird? Was entsteigt denn den Gräbern am Tag des Jüngsten Gerichts? Eine Aschewolke, kein Gerippe? Kann Gott das wirklich wollen?

Oder, führt Studli, noch immer aufgewühlt, seinen Monolog fort, oder ist alles nicht einfach völlig in Ordnung in einer Zeit, da die Menschen zumindest hier eigentlich nur Frieden und Wohlstand kennen? Schwerter zu Pflugscharen, Friedhöfe zu Pärken: eigentlich ein beruhigender Gedanke.

Dackel Erich hat sich längst von seinem sinnierenden Herrchen davongestohlen und sich auf einem Stück Wiese in der Sonne ausgestreckt. Er döst, unter sich fühlt er das sanfte, kühle Gras, und darunter liegen unzählige Tote, die ihm und Fritz Studli vorangegangen sind und von denen wir sicher nur wissen, dass schönes, sanftes, kühles Gras aus ihnen gewachsen ist.

Fritz Studli kommentiert in loser Folge das Lokalgeschehen.

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