Blitzlichtgewitter an der Edixa-Sohmer-Horror-Picture-Show

Eine spezielle Ausstellung findet zurzeit in der Galerie Fafou in Oberuzwil statt. «Kamera» zeigt den Prozess der Bildentstehung, wobei die Zuschauenden sich in der Kamera aufhalten. Vernissage ist erst am Ende der Ausstellung.

Michael Hug
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Die Fotografen vor den ersten Negativabzügen: Urs Sohmer und Daniella Di Lei. (Bild: Michael Hug)

Die Fotografen vor den ersten Negativabzügen: Urs Sohmer und Daniella Di Lei. (Bild: Michael Hug)

Wer im falschen Moment vor die Galerie Fafou fährt, wird geblitzt. Doch keine Radarfalle hat ausgelöst, es ist ein Fotoblitz aus der Galerie. Drinnen wird fotografiert. Wie bei einem Portraitfotografen sitzt das Modell vor der Kameralinse. Assistent Dany Zingg hilft beim Einrichten, drückt dem Model den Auslöser in die Hand. Dann warten, bis der Fotograf hinter der Kamera sein OK gibt. Jetzt lächeln, auslösen, Blitz – das Selfie ist geschossen.

Nun die Kamera drehen, um das Bild zu sehen, geht nicht. Urteilen, ob es gut oder nicht so gut gelungen ist, geht beim Handy, nicht bei dieser Kamera. Sie ist fest in eine Wand montiert, der Fotograf steht hinter der Wand und lässt sich nicht in seine Arbeit gucken. Das Bild kriegt das Modell vorerst nicht zu sehen und es wird dann auch nicht sehr erfreut sein, was es sieht.

Camera obscura: Aus Negativ wird Positiv

Das geschossene Bild aus dieser obskuren Kamera ist ein Negativ. Was sonst dunkel ist, wird auf dem lichtempfindlichen Fotopapier hell, dunkle Haare sind plötzlich weiss, das Weiss in den Augen wird schwarz. Ein gespenstiges Bild aber durchaus gewollt. Frau Edixa, die Fotografin, sagt: «Jedes analoge Foto ist zuerst mal ein Negativ. Erst durch den Abzug auf ein Silbergelatinepapier im Labor wird es positiv, sieht so aus wie das Motiv, das man fotografiert hat.» Damit erklärt die Künstlerin in zwei Sätzen die analoge Fotografie. Eine Reproduktionstechnik, die bis zur Erfindung der digitalen Fotografie noch nicht als «analog» bezeichnet wurde, und die einzige Technik überhaupt war, mit der man Bilder festhalten konnte.

Frau Edixa, die bürgerlich Daniella Di Lei heisst, und Urs Sohmer haben sich der analogen Fotografie verschrieben. Es ist ihre Ausstellung «Willkommen in der Kamera», die noch bis zum 16. Februar läuft.

«Willkommen in der Kamera»

«Willkommen in der Kamera» ist kein leerer Titel. Die Betrachter der Bilder in der Ausstellung finden keine solchen, sondern können beim Entstehen zusehen. Dazu stehen sie in der Kamera zwischen der Linse mit 950 Millimeter Brennweite und dem Fotopapier mit 40 x 50 Zentimeter, gemeinhin «Film» genannt. Die Kamera, bzw. der «Balgen» ist ein Dunkelraum – «camera obscura» neben dem Galerieraum, in dem nach der Belichtung gleich der Entwicklungsvorgang am Bild mitverfolgt werden kann. Wobei Urs Sohmer und Daniella Di Lei Erläuterungen zu ihrem Tun abgeben.

Eine Ausstellung also, bei der man auch noch etwas lernt. Und bei der das gängige Schema einer Ausstellung umgedreht wird: Bilder sind erst an der Finissage, die damit zur Vernissage wird, zu sehen. Denn die auszustellenden Bilder müssen ja erst noch gemacht werden. An den Haken im Galerieraum hängen vorerst nur die Negative. Was dem Raum etwas Schauerliches gibt, eine Edixa-Sohmer-Horror-Picture-Show.