Interview

Blaue Kartoffeln, hochwertige Speiseöle und Grassamen: Die St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft sieht heute ganz anders aus als vor 100 Jahren 

Die St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft feiert am Wochenende ihr 100-Jahr-Jubiläum. Sie ist die einzige ihrer Art in der Ostschweiz. Geschäftsführer Christoph Gämperli gibt Auskunft über Strategien zum Erfolg.

Interview: Tobias Söldi
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Christoph Gämperli, Präsident der St. Galler Saatzuchtgenossenschaft, mit einer der acht Pressen auf dem Areal in Flawil. Bild: Tobias Söldi

Christoph Gämperli, Präsident der St. Galler Saatzuchtgenossenschaft, mit einer der acht Pressen auf dem Areal in Flawil. Bild: Tobias Söldi

«Faszination des Wandels» – so heisst das Buch, mit dem die St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft mit Sitz in Flawil ihren 100. Geburtstag feiert. In der Tat hat sich die Genossenschaft seit ihrer Gründung 1919 massiv verändert. Was mit der Produktion von Getreidesaatgut begann, um die Versorgungskrise nach dem Ersten Weltkrieg zu überwinden, ist heute eine Organisation, die Nischenprodukte wie Leinsamenöle und blaue Kartoffeln produziert und verarbeitet.

In den 80er- und 90er-Jahren haben sich viele Saatzuchtorganisationen aufgelöst. Was hat die St. Galler Genossenschaft richtig gemacht?

Christoph Gämperli: Speziell ist, dass wir immer sehr klein waren und wir uns hier in der Ostschweiz in einer Randregion des Ackerbaus befinden. Wir konnten uns nie darauf verlassen, dass die Anbauvoraussetzungen optimal sind, im Gegensatz etwa zum Bernbiet oder der Waadt. Das hat dazu geführt, dass wir es uns nie bequem machen konnten, uns immer neue Sachen überlegen mussten.

Zum Beispiel die Produktion von Qualitätsöl – weit weg vom Gründungsgedanken.

Es fasziniert mich, wie die Italiener oder Spanier ihr Olivenöl zelebrieren, wie sie vom Öl aus ihrem Heimatdorf schwärmen, auch wenn sie hier in der Schweiz wohnen. Eine solche Kultur wollen wir mit unseren Ölen auch hier erreichen. Es geht darum, dem Konsumenten den Wert und den Charakter eines Lebensmittels näherzubringen.

Welche Öle werden hier in Flawil hergestellt?

Rapsöl, Sonnenblumenöl und Leinöl sind am umsatzstärksten. Wir stellen aber auch Spezialitäten wie Mohn-, Leindotter-, Hanf-, Hasel- und Walnussöl oder Traubenkernöl her. Dafür haben wir acht Pressen auf dem Areal. Die Ölsamen liefern uns unsere Landwirte.

Wie können sich die St. Galler Öle gegen die Konkurrenz behaupten?

Wir stellen Öl ausschliesslich im Kaltpressverfahren her. Die Öle sind extra nativ, das heisst naturbelassen und ohne jegliche Hilfsstoffe hergestellt. Nur aus den besten Samen kann gutes, genussvolles Öl entstehen. Wir streben mit unseren Produzenten höchste Qualität auf ihren Feldern an. Bei der Ernte müssen die Ölsamen gesund, unbeschädigt und keimfähig sein; unsere Produzenten und Felder werden mehrmals kontrolliert. So ein System funktioniert nur, wenn alles überschaubar ist.

Was passiert mit den Samen, die nicht den Qualitätsanforderungen entsprechen?

Die werden an Ölraffinerien verkauft.

Die Versorgungskrise 1918: Der Rasen des St. Galler Klosters wird gepflügt, allerdings fehlt es an gesundem Saatgut. (Bild: PD)

Die Versorgungskrise 1918: Der Rasen des St. Galler Klosters wird gepflügt, allerdings fehlt es an gesundem Saatgut. (Bild: PD)

Qualität vor Quantität also. Ist die Genossenschaft auch in Bezug auf ihre Mitglieder ein «exklusiver Klub»?

Uns ist wichtig, dass sich die Landwirte mit der Sache identifizieren können und zueinander passen. Alle versuchen, für die Sache zu funktionieren. Wir haben darum auch eine fünf Jahre dauernde Wartezeit, bis jemand Mitglied werden kann. Und weil jeder jeden kennt, ist die soziale Kontrolle gross. Für den Kunden ist das die beste Qualitätssicherung.

Und finanziell? Zahlt es sich für die Mitglieder aus, für die Genossenschaft zu produzieren?

Wer gute Arbeit leistet und unseren Qualitätsvorstellungen entspricht, dem soll das auch entsprechend abgegolten werden.

Eine Pioniertat der Genossenschaft ist die Produktion von Grassamen.

Wir haben versucht, selbst Grassamen zu vermehren – die kommen oft nicht aus der Schweiz, obwohl hier das Gras sehr gut wächst. Damit konnten wir eine weitere Nische besetzen. Wir haben dafür eine besondere Erntetechnik entwickelt. Eine der Sorten, Wiesenfuchsschwanz, können wir kostendeckend zu Weltmarktpreisen produzieren, sodass es rentiert. Das ist für die Schweizer Landwirtschaft einmalig.

Gab es auch misslungene Versuche?

Ja, verschiedene sogar. Wir hatten etwa die Idee, sogenannte «Freileinschweine» auf abgeernteten Leinfeldern als Resteverwerter einzusetzen. Das Projekt ist gut gestartet. Wir konnten wunderbaren Schinken produzieren.

Woran ist es schliesslich gescheitert?

Das Problem war, dass wir für unsere Qualitätsansprüche eine eigene Metzgerei und Fleischtrocknerei benötigt hätten. Ausserdem wollten wir uns auch nicht zu fest von unserem Hauptzweig, der pflanzlichen Produktion, entfernen.

Angesichts all dieser Projekte, ist der Name Saatzuchtgenossenschaft dann nicht unzureichend?

Es ist in der Tat ein uralter Name. Marketingtechnisch müsste man sich wohl umbenennen. Aber es ist doch auch eine schöne Sache, wenn eine Genossenschaft immer noch so heisst wie seit ihrer Gründung vor 100 Jahren. Das Wort Züchten taucht aber bei der Kartoffelsorte «Blauer St. Galler» wieder auf.

Was hat es mit dieser auf sich?

Jede unserer Nischen ist anders entstanden. Wir kamen über Pro Specie Rara mit alten Kartoffelsorten in Kontakt. Die blaufleischigen Sorten faszinierten. Allerdings hatte es keine darunter, die den heutigen hohen Ansprüchen der Konsumenten genügte. Also habe ich ein paar Kreuzungen gemacht. Daraus ist der «Blaue St. Galler» entstanden. Die Sorte ist mittlerweile geschützt. Für die Saatzuchtgenossenschaft ist der «Blaue St. Galler» eine Chance, weil er exklusiv ist. Das Saatgut darf nur von unseren Mitgliedern produziert werden.

2018 hat die Genossenschaft mit der Brauerei Schützengarten einen grösseren Braugerstenbau gestartet.

Das ist unser neustes Projekt. Die Idee ist, ein Landbier aus ausschliesslich einheimischen Rohstoffen zu produzieren. In der Schweiz gibt es aber keine Mälzerei mehr, die aus Braugetreide Malz herstellt. Das wird in Deutschland gemacht, was aufwendig ist, wegen der Transportwege und weil die Mälzereien auf grosse Mengen ausgerichtet sind.

Welche Herausforderungen kommen auf die Genossenschaft zu?

Das ist schwierig zu sagen. Die Gründer der Saatzuchtgenossenschaft hätten sich wohl nie vorstellen können, dass hundert Jahre später hochwertige Speiseöle, Grassamen und blaue Kartoffeln die Standbeine der Organisation bilden. Genauso wie wir uns heute kaum vorstellen können, dass zur Krisenbewältigung wieder Saatgut für die Ernährungssicherung der Schweizer Bevölkerung angebaut werden soll.

In welche Richtung wird sich die Genossenschaft entwickeln?

Wir werden wohl in der Nische bleiben. Im schweizerischen Agrar- und Lebensmittelmarkt sind die Claims abgesteckt und so ist es, schwierig zu wachsen. Es ist auch gar nicht unser Ziel. Wir sind klein und können uns so in unseren Nischen schnell und wendig bewegen.

Hinweis: Diesen Samstag, 25. Mai, lädt die Saatzuchtgenossenschaft von 10 bis 16 Uhr zu einem Tag der offenen Tür an den Mattenweg 11 in Flawil.