Bismark träumt von Ghana

Migranten in Wil – Teil 7: Bismark Osei Bonsu kam 1986 als Asylbewerber aus Ghana in die Schweiz. Er kann sich eine Rückkehr in seine Heimat gut vorstellen.

Friedrich Kugler
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Bismark Osei Bonsu lebt seit 27 Jahren in der Schweiz. (Bild: Friedrich Kugler)

Bismark Osei Bonsu lebt seit 27 Jahren in der Schweiz. (Bild: Friedrich Kugler)

WIL. Wie kommt es, dass ein stämmiger Afrikaner mit dem an das alte deutsche Adelsgeschlecht von Bismarck erinnernden Vornamen Bismark in Wil landet? Die Geschichte beginnt in Sunyani, einer Stadt mit der Grösse von St. Gallen im Herzen von Ghana. Dort lebte eine Apothekerfamilie namens Bonsu. Aufgrund einer geschäftlichen Beziehung mit Deutschland taufte der Vater einen seiner Söhne Bismark Osei. Dieser liess sich zum Automechaniker ausbilden. Von 1981 bis 2001 wurde das Land nach einem Putsch von Jerry Rawlings regiert. Dieser Sohn eines Schotten und einer ghanaischen Frau nahm es mit den Menschenrechten nicht so genau. Die Freiheit von Bismark Bonsu geriet aufgrund von politischen Aktivitäten in Gefahr.

Via Mailand in die Schweiz

Als 26-Jähriger setzte sich der junge Mann in ein Flugzeug von Accra nach Mailand. Drei Tage später brachte ihn ein Italiener mit dem Auto in die Schweiz. Der Ghanaer gehörte nicht zu jenen Afrikanern, die ihre Ausweispapiere vor der Einreise in die Schweiz verschwinden lassen und ihre Herkunft verschleiern. So stellte Bismark Bonsu in St. Gallen korrekt einen Asylantrag. In Amden wurde er vorerst während eines halben Jahres in einem Asylzentrum einquartiert. «Ich wurde als politischer Flüchtling anerkannt und fand in einem Restaurant in Rapperswil eine erste Arbeit. Die Leute haben mich dort gut aufgenommen», erinnert er sich.

Später arbeitete Bismark Bonsu, der aufgrund seiner Hautfarbe gelegentlich mit Rassismus konfrontiert wurde, auf Baustellen und reinigte in den Bahnhöfen Wil und St. Gallen SBB-Bahnwagen. «Ich war mir für keine Arbeit zu schade. Ich arbeitete immer gerne», betont der Mann aus Westafrika, der stolz seinen am 26. Januar 2010 ausgestellten Ausweis zeigt, der auf die Niederlassungsbewilligung C verweist. Doch dann erkrankte Bismark Bonsu, der vor acht Jahren eine Landsmännin geheiratet hatte, schwer. Zwei Wochen lang lag er im Koma. Mit 53 Jahren ist er heute IV-Rentner, was ihn belastet. Zum Glück sind da noch seine Frau und sein mittlerweile viereinhalb Jahre alter Sohn, der den Kindergarten besucht und sowohl Englisch als auch Deutsch spricht. Bismark Bonsu selber spricht neben Englisch und Deutsch als Muttersprache Aschanti, eine westafrikanische Akan-Sprache. Seine Frau arbeitet für einen grossen Salat- und Gemüseproduzenten in der Region Frauenfeld und fährt täglich mit dem Auto zur Arbeit.

Arm, aber Sonne im Herzen

Klagen will Bismark Bonsu nicht. «Ich fühle mich recht wohl in der Schweiz. Aber manchmal bin ich doch etwas traurig und mich überkommt Heimweh. In Ghana ist die Mehrheit der Menschen arm, aber sie haben viel Sonne im Herzen und sind meistens glücklich. Die Schweizer empfinde ich als sehr arbeitsam, aber viele sind unzufrieden und reagieren auf Fremde vorwiegend kühl und verschlossen», erklärt der Westafrikaner. Kontakte knüpft der praktizierende Christ vor allem in der Neuapostolischen Kirche Wil, wo der einzigen schwarzen Familie in dieser Freikirche offen und freundlich begegnet wird. So wächst bei Bismark Bonsu und seiner Familie die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die schöne Heimat, die heute ein friedliches Land ist und wo die mehrheitlich christliche Bevölkerung mit anderen Religionen friedlich zusammenlebt. In Ghana hat Bismark Bonsu nichts mehr zu befürchten. Ende Januar feierte die kleine Familie in Ghana ein Wiedersehen mit Verwandten und Freunden. Der Vater von Bismark ist inzwischen gestorben. Bis zur endgültigen Rückkehr muss die Familie noch etwas Geduld aufbringen: «Ich muss mich noch regelmässig zur ärztlichen Kontrolle begeben. So wird das Telefon noch eine Weile unser direkter Draht in mein Heimatland bleiben», erzählt der kräftig gewachsene Westafrikaner.

Tip: Brasilien schafft es

Ein ausgesprochener Fussballfan ist der an der Hörnlistrasse wohnhafte Bismark Bonsu nicht, aber natürlich drückt er den «Black Stars», wie die Nationalmannschaft von Ghana auch genannt wird, die Daumen. Sein Tip: Brasilien wird es im eigenen Land schaffen.

In Wil leben Menschen aus ziemlich genau hundert Nationen. In einer Serie stellt die Wiler Zeitung Menschen aus jenen 32 Ländern vor, die an der Fussball-WM 2014 in Brasilien vertreten sind.

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