Bilder zweier bewegter Leben

Besucherrekord im Hof zu Wil: Die Volkshochschule lud am Sonntagmorgen zum Gespräch mit der im Thurgauer Dorf Fruthwilen wohnhaften Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek und dem Wiler Arzt Christoph Niederberger.

Pablo Rohner
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Die deutsche Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek erzählte aus ihrem Leben. (Bild: Pablo Rohner)

Die deutsche Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek erzählte aus ihrem Leben. (Bild: Pablo Rohner)

WIL. Als Roland Poschung 1966 beim befreundeten Hausvermieter den Fernseher einschaltete, hatte er zum erstenmal in seinem Leben Angst vor einer Frau. Es lief der Kriminalfilm «Melissa» mit Ruth Maria Kubitschek in der Titelrolle. Knapp fünfzig Jahre später, im gut gefüllten Gewölbekeller des Hofs zu Wil, hatte Poschung die Furcht definitiv abgelegt. Der Bronschhofer Medienmann plauderte mit der charmanten Grande Dame des deutschen Fernsehfilms über Glauben, Zeitgeschichte und ihr Leben – ein Leben, reich an Wendungen, das mit einer Flucht so richtig begann.

Zwei Fluchten

Nachdem die Rote Armee im Frühling 1945 die Tschechoslowakei befreit hatte, überquerte die damals dreizehnjährige Tochter eines böhmischen Kohlebergwerkleiters zu Fuss das Erzgebirge und gelangte so nach Ostdeutschland, wo sie ihre Ausbildung zur Schauspielerin begann. Als Ruth Maria Kubitschek am Sonntagmorgen von ihrer Ausbildung in der DDR erzählte, geriet die heutige Autorin und Malerin ins Schwärmen. Sie erinnerte sich an «Kommunisten im feinsten Wortsinn», an die «wunderbaren Lehrer», die sie in Leipzig hatte. Aber auch daran, wie sie schon vor ihrer Errichtung von der Mauer träumte und wie sie deshalb die zweite Flucht ihres Lebens unternahm: diejenige in den Westen. Neben ihr sitzt Christoph Niederberger, Arzt aus Wil und in seinen Ferien in den Elendsgebieten der Welt unterwegs, um medizinische Hilfe zu leisten. Schon der Vater war Arzt, doch wer in Niederbergers Werdegang bloss die Erfüllung einer vorbestimmten Laufbahn sah, wurde eines Besseren belehrt. Lange wusste er nicht, was aus ihm werden sollte und es dauerte seine Zeit, bis sich das Interesse an der Medizin in ihm zu regen begann. Heute bezeichnet sich der Allgemeinpraktiker als Menschen, «der froh ist, glücklich zu sein». Einen Teil seines Glücks schöpft Niederberger aus seinen Einsätzen für die Hilfsorganisation «German Doctors», die ihn schon in Slums in Bangladesch geführt haben. Als «Rolling Clinic» ist er im Team und mit vollem Medizinschrank von Ort zu Ort unterwegs, um Krankheiten zu behandeln. Medizinisch gesehen, seien die Fälle in den Tropen oft einfacher gelagert als hier, erzählte Niederberger auf die Frage eines Zuhörers. Die dominierenden Infektionskrankheiten liessen sich mit Medikamenten meist gut behandeln. Die Herzlichkeit, die einem als Arzt bei diesen Einsätzen entgegenschlage, sei eine Erfahrung, die süchtig mache, sagte Niederberger.

Spirituelle Persönlichkeiten

Berufshalber ist auch die 83jährige Schauspielerin in der Welt herumgekommen. Unter anderem stand sie in der Indischen Provinz Rajasthan vor der Kamera. Vielleicht auch unter dem Eindruck dieses religiösen Schmelztiegels entwickelte Ruth Maria Kubitschek ein starkes Interesse an Spiritualität und Glauben, ein Aspekt, der im Hof zu Wil ebenfalls zur Sprache kam. Beide Gäste nennen sich spirituelle Menschen und beide trennen individuellen Glauben und Institution Kirche. Der gekreuzigte Jesus an einer Kirchenwand – da bekommt es die Schauspielerin mit der Angst zu tun.

Während des Gesprächs entfalteten sich die Geschichten der beiden Gäste als anekdotenbespickte Bilderbögen, auch dank Poschungs zurückhaltend lenkender Moderation. So dürften viele der 131 Gäste gegen Ende des Gesprächs bereits voller Vorfreude über mögliche Gäste fürs nächste «Persönlich im Hof zu Wil» abgestimmt haben. Auf der Kandidatenliste waren unter anderen die Namen Viktor Giacobbo, Fabian Schär und Paola Felix zu lesen.

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