Bierschwemme, Poulets und ein Loki-Denkmal

Auf den Tag genau heute vor 50 Jahren fand beim Bahnhof Degersheim das unvergessliche erste Dampflokifest statt. Es wurde von über 7000 Personen besucht und hinterlässt noch heute Erinnerungen. Anlass für das Fest war damals die Ehrung des lokalen Eisenbahnpioniers Isidor Grauer.

Michael Hug
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Von 1965 bis 2004 stand das «Lokidenkmal» im Degersheimer Bahnhofpärkli – hernach wurde es ins Tessin verschenkt. (Bilder: pd)

Von 1965 bis 2004 stand das «Lokidenkmal» im Degersheimer Bahnhofpärkli – hernach wurde es ins Tessin verschenkt. (Bilder: pd)

DEGERSHEIM. Beim Dampflokifest – dem ersten von mehreren Bahnhofsfesten bis 2003 – war der Anlass die Ehrung des Degersheimer Bahnpioniers Isidor Grauer. Mit dem Fest sollte der Initiant der Bodensee–Toggenburg-Bahn endlich einen angemessenen Platz in der Geschichte erhalten. Grauer galt zwar als Visionär und Financier der Bahn zwischen Boden- und Zürichsee, die Ehre als Erbauer war ihm aber nie zuteil geworden. Am 25. und 26. September 1965 erst erhielt er posthum die adäquate Würdigung für seine Idee.

Als treibende Kräfte hinter dem Fest standen der damalige Gemeindeammann Max Sauder und Walter Kesselring als Direktor der Bodensee–Toggenburg-Bahn. Als Chef des Organisationskomitees wurde Herrmann Stutz bestimmt. Stutz durfte auf über 500 Helfende zählen, «Frauen und Männer, Mädchen und Burschen», wie er im Festführer schrieb. Rund 7200 Besuchende hatte man an den beiden Tagen gezählt, ein Grossteil davon kam aus der Region, denn es wurden 2700 parkierte Autos gezählt und knapp 6700 Spezialbillette gelöst, welche die BT für zwei Franken (St. Gallen retour) verkaufte.

«Die Flippers» aus Deutschland

Stutz und sein OK scheuten keinen Aufwand, ein attraktives Fest auf die Beine zu stellen. Es gab 14 Festbeizen vom «Bremser-Lokal» über die «BT-Remise» bis zur «Rangier-Halle» (alkoholfrei). Am «Heliomaltstand» wurde das entsprechende Getränk angeboten und eine Flasche «Hürlimann» kostete überall 1.20 Franken. Im Festzelt gab es Darbietungen des Musikvereins, der Riegen des Turnvereins und Zäuerli vom Jodlerchörli. Es spielten «Die Flippers» aus Deutschland zum Tanz auf und in der Tombola gab es als Haupttreffer ein «Einerzimmer im Wert von 1535 Franken», gestiftet von der Fa. Heiniger AG, zu gewinnen. Der letzte Programmpunkt am Samstag hiess um Mitternacht «Charleston» der Damenriege. BT und Postauto fuhren Extrakurse und die katholische Kirche setzte am Sonntag gleich drei Gottesdienste an. Das offizielle Fest begann am Samstagnachmittag mit einem Apéro der Vertreter von Gemeinde und Bahn im St. Galler Hotel Walhalla.

Selbst die Kühe staunten

Mit einem Extrazug, gezogen von der letzten gebauten Maffei-Dampflokomotive Eb 3/5, die jahrelang im Dienste der BT stand und heute, 105jährig, als Zugmaschine des «Amor-Express» immer noch in Betrieb ist, fuhr die Festprominenz dann nach Degersheim. Sogar die Kühe hätten den «Dampflokizug» aus St. Gallen bestaunt, schrieb der «Volksfreund» am Montag nach dem Fest. Fotografen seien auf elektrische Leitungsmasten geklettert, um den geschmückten Zug zu fotografieren. Aus Zürich und Frauenfeld kamen Dampfzüge und aus Stuttgart die Dampfkomposition «Der liebe Augustin». Im Minutentakt trafen die vier Züge in Degersheim ein.

88 000 Franken Gewinn hatte das Fest eingebracht, schrieb Stutz in seiner Abrechnung. Es seien 11 000 Bratwürste und 900 Poulets, 7150 Liter Bier und 1800 Liter Wein sowie gut 12 000 Flaschen Mineralwasser konsumiert worden. Alle Beteiligten arbeiteten ehrenamtlich, der Gewinn floss vollumfänglich in den Fonds für einen Saalneubau. Das Fest liess längst vergangene Dampfbahnzeiten aufleben (die BT-Strecke wurde schon 1932 elektrifiziert).

«Was der Gegenwart Ende ist der Zukunft Beginn...» sagte BT-Direktor Kesselring in seiner Festansprache. Nicht nur dieses Bonmot ist noch heute Gegenstand mancher Stammtischdiskussion im Dorf. Isidor Grauer erhielt sein Denkmal, und zwar in Form eines Gedenksteins und einer Dampflokomotive. Die ausrangierte Lok BT Eb 3/5 No. 6 der Bodensee–Toggenburg-Bahn erhielt als Andenken an den Eisenbahnbauer einen Ehrenplatz im Bahnhofpärkli gleich neben dem Gedenkstein.

Dort stand sie bis 2004, doch weil Degersheim nicht willens war, 30 000 Franken für die Restauration aufzuwenden, wurde sie einem Nostalgiebahnverein in Mendrisio verschenkt. Der Verein versprach damals, die erste Fahrt nach der Wiederinbetriebnahme nach Degersheim zu unternehmen. Doch Nummer 6 ist (bisher) hier nie mehr gesichtet worden.

Die von Pius Piller entworfenen Plakate warben für das Dampflokifest.

Die von Pius Piller entworfenen Plakate warben für das Dampflokifest.