Bettina – erst glücklich als Niklaus

Niklaus Flütsch kam als Frau zur Welt. Heute leitet der 51-Jährige die Sprechstunde für transsexuelle Menschen am Triemlispital und tourt mit seinem Buch. Am Mittwoch war er Gast in der Uzwiler Bibliothek.

Andrea Häusler
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Im Anschluss an die Lesung signierte Niklaus Flütsch die Bücher, die über die Bibliotheks-Theke gingen. (Bild: Andrea Häusler)

Im Anschluss an die Lesung signierte Niklaus Flütsch die Bücher, die über die Bibliotheks-Theke gingen. (Bild: Andrea Häusler)

UZWIL. Der letzte Stuhl war besetzt, die Plätze auf den Sitzpodesten ebenfalls. Das Buch «Geboren als Frau – Glücklich als Mann» interessierte. Fast mehr noch aber die Person Niklaus Flütsch, der Autor, der sich nicht als solcher bezeichnet. «Ich bin Gynäkologe», machte er gleich zu Beginn der Lesung klar.

Und dann begann er zu erzählen, der Mann, der als Mädchen zur Welt kam, sich jedoch stets als Knabe fühlte. Über das Ei, die Schwangerschaft, das menschliche Gehirn mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen und über die stets erste Frage nach der Geburt eines Kindes: Mädchen oder Knabe? Allein aufgrund äusserer Körpermerkmale, sagte Niklaus Flütsch, würden Neugeborene kategorisiert: Blau – Rosa, Autos – Puppen, Hose – Rock. «Der Beginn eines grossen Leidensweges für jene Menschen, die sich mit den zugewiesenen Rollen nicht identifizieren können.» Denn, Transidentität sei nicht eine erworbene psychische Störung, sondern angeboren.

Cowboys statt Puppen

Auf die Leinwand projizierte Fotos aus Flütschs Kindheit und Jugend zeigten ein Mädchen, das keine Prinzessin sein wollte. Nur einmal, sagte Niklaus Flütsch, habe er der Mutter zuliebe einen Rock angezogen, gelitten, und beschlossen, sich dies nie wieder anzutun. Manchmal, da habe er seine zerzausten, ungeliebten Puppenkinder angeschaut und sich gefragt, weshalb er sie ablehnte, stattdessen mit Cowboys und Indianern spielte. Zu einer Puppe nur, einem Bübchen, habe er eine Beziehung gehabt: «Sie repräsentierte den Knaben, der ich nicht sein konnte.»

In seinem Buch, aus dem er Passage um Passage vorlas, setzt sich Flütsch mit den Konflikten während der Pubertät auseinander, der Frage, warum er anders fühlte als andere Mädchen, Frauen anziehend fand, die wachsenden Brüste und runden Hüften hasste. «Lange verstand ich nicht, weshalb ich anders bin.» Selbstzweifel und Ängste führten ihn in eine Depression und zum Psychiater.

Amtlich eine Frau

Den Entscheid, sich einer Hormontherapie und geschlechtsangleichenden Operationen zu unterziehen, traf Niklaus Flütsch erst mit 46 Jahren. «Es war, als spränge ich aus einem Flugzeug, ohne zu wissen, ob der Fallschirm aufgeht. Man steht vor dem Nichts. Bange Fragen quälen: Werden die Leute das akzeptieren?» Bereut hat er den Schritt nie: «Ich vermisse nichts aus der Zeit als Bettina, habe vielmehr das Gefühl, nach Hause gefunden zu haben.» Flütsch ist heute 51 Jahre alt und legal verheiratet; mit einem Mann. Das war möglich, weil er auf eine Personenstandsänderung verzichtet hat, sein amtliches Geschlecht weiblich geblieben ist. «In meinem Pass steht ein <f>», sagte er.

Niklaus Flütsch sah sich mit einer Flut von Fragen aus dem Publikum konfrontiert, die er ausdauernd beantwortete. Nur eine Antwort blieb er schuldig. Jene, ob er auch eine genitalangleichende Operation habe ausführen lassen: «Was in meiner Hose ist», sagte er, «ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.»