BERUFSWAHL: Mehr Metzgerin als Bäuerin

Fleisch dressieren, wursten, portionieren und vakuumieren liegt der zierlichen Silvia Siegfried aus dem Hinterthurgauer Weiler Sitzberg mehr als Traktor fahren und mit dem Heubläser hantieren.

Ruth Bossert
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Silvia Siegfried erlernte die Fleischverarbeitung von ihrem Mann Godi Siegfried. (Bild: Ruth Bossert)

Silvia Siegfried erlernte die Fleischverarbeitung von ihrem Mann Godi Siegfried. (Bild: Ruth Bossert)

Ruth Bossert

redaktion@wilerzeitung.ch

Die Aussicht übers hügelige Voralpengebiet ist an diesem kalten Novembertag fantastisch. Mit 800 Metern über Meer liegt der Hof von Silvia und Godi Siegfried in Sitzberg in der Bergzone 2 noch knapp auf Thurgauer Boden. Eigentlich sei sie keine richtige Bäuerin und stehe nicht täglich mit Gummistiefeln im Stall, fahre nur sehr ungern Traktor und überhaupt habe sie Kinderpflegerin gelernt und eine Ausbildung zur Bäuerin habe sie gar nie gemacht, erklärt die zierliche Frau mit den blonden Locken am Küchentisch. Aufgewachsen ist Silvia bis ins Primarschulalter im zürcherischen Schmidrüti, später übernahm ihre Mutter das Restaurant Sternen auf dem Sitzberg, nur ein Ballwurf vom Hof entfernt, den sie nun seit über 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann Godi bewirtschaftet.

Wollte Mann mit Anzug und Krawatte

«Meinen Vorstellungen zum Traummann entsprach Godi Siegfried damals ganz und gar nicht», lacht die 52-Jährige heute. «Ich träumte von einem Mann, der täglich mit Anzug und Krawatte zur Arbeit gehen würde.» Trotzdem sei die Sache bislang gut gelaufen, erzählt sie fröhlich, auch wenn die Schwiegermutter anfangs nicht ganz zufrieden war, dass der Sohn «eine aus der Beiz» auf den Hof brachte. Bescheiden habe das Paar damals angefangen. Mit 16 Kühen konnten sie überleben, aber viel mehr sei für die wachsende Familie mit den beiden Buben, die heute längst erwachsen sind, nicht zu erwarten gewesen. Ideen waren gefragt. Um diese war ihr Mann Godi nie verlegen, erzählt sie. Früher war es üblich, dass die Störmetzger auf die Höfe kamen und das Fleisch direkt in den Bauernhofküchen verarbeiteten. Weil vielerorts der Platz fehlte und die Bäuerinnen die Metzgete nicht mehr in den eigenen Küchen haben wollten, boten Godi und Silvia Siegfried ihre praktisch gelegene grosse Waschküche für das Metzgen an. Das Angebot wurde immer beliebter. Godi stellte einen Metzger an, der ihn, den gelernten Landwirt, das Metzgen von der Pike auf lehrte. Die Kundenmetzgerei, die heute als Biometzgerei zertifiziert ist, florierte. In Spitzenzeiten wurden pro Jahr mehr als 300 Tiere verarbeitet, heute sind es noch ungefähr die Hälfte.

Als der angestellte Metzger ausfiel, war je länger je mehr die Hilfe von Silvia gefragt. «Learning by doing», sagt sie rückblickend und schildert, wie Godi ihr die ersten Schritte der Fleischverarbeitung beibrachte.

Hält dem Mann den Rücken frei

Heute ist Silvia drei Tage in der Woche mit der Verarbeitung der halben Schweine, Kälber, Schafe oder manchmal auch Kühe beschäftigt. Nach Wunsch der Kundschaft, die ihre lebendigen Tiere jeweils am Freitag zum Metzgen bringen, verarbeiten die Siegfrieds das Fleisch in gewünschte Portionen, dressieren die Fleischstücke, stellen Würste und Hackfleisch her und verpacken, vakuumieren und beschriften die fixfertigen Pakete für den Verkauf in den Hofläden oder für den Eigenverbrauch der Kunden. «Das Fleischige liegt mir», sagt sie. Ekel habe sie nie gekannt. Wer im Gesundheitswesen gearbeitet hat, ekle sich nicht. Auch die Freude am Fleischessen sei ihr nicht vergangen. Blutwurst und frischer Schweinemagen, gewürzt mit Aromat, liebe sie nach wie vor. Dass sie nun tagelang an der Seite ihres Mannes, einem echten Alphatier, arbeite, störe sie nicht. «Wir haben ein gutes Verhältnis, ich weiss mit seinem Tatendrang, seinen innovativen Ideen und seinen unterschiedlichen Ämtern umzugehen.» Es komme aber vor, dass er von der Arbeit weglaufe, um anderweitig zum Rechten zu schauen. Dann sei es an ihr, den Wünschen ihrer Kundschaft gerecht zu werden, während sich ihr Mann mit seinen Aufgaben als Präsident der Volksschulgemeinde Fischingen, als Präsident der Produzenten-Milchverwerter-Organisation PMO Züger/Forster und als Gemeinderat beschäftigt. Ist Silvia die starke Frau hinter dem starken Mann? Das könne man so sehen, sagt sie lächelnd: «Wir ergänzen uns gut.» Er der starke Mann an der Front, sie die pingelige Schafferin zu Hause. Auf dem Betrieb, den sie vor 20 Jahren auf Bio umgestellt haben, sei er es, der zum Rechten schaue. Gummistiefel trage sie nicht jede Woche und Traktorfahren sei für sie kein Thema. Auch mit dem Heubläser mag sie sich nicht herumschlagen. Viel lieber säubere sie die hügeligen Weiden mit dem Rechen. Neben den 16 Milchkühen, von denen Silvia alle Namen und die Herkunft kennt, halten die Siegfrieds auch drei Schweine und ein bis zwei Rinder. «Unsere Tiere haben es gut», sagt sie. Die Milchleistung sei nicht das oberste Ziel, und eine zweite Chance hätten auch ihre Tiere immer verdient.

Liebt die Wärme und das Meer

Und wie erholt sich die Bäuerin, die eher Metzgerin ist? Auch wenn ihr Hof im Thurgauischen liege, habe sie sich immer gegen das Tösstal hin orientiert. Seit über 20 Jahren besuche sie in Turbenthal die Frauenriege, mache Aquafit und geniesse das Zusammensein mit den Frauen. Dass diese meist in anderen Berufen tätig sind, erachtet sie als Horizonterweiterung. «Ich finde es wichtig, den Blick immer ein bisschen in die Ferne schweifen zu lassen», sagt sie und erzählt, wie sie vor ein paar Jahren das Reisen mit dem Wohnmobil entdeckt haben. Noch begnügt sich das Paar mit zwei Wochen im Jahr. Doch wenn sie pensioniert sind, könnten es dann auch mal zwei Monate werden, die sie liebend gerne an der Wärme am Mittelmeer verbringen würden.