BERUFSWAHL: «Eine sehr stressige Zeit»

Die Jugendarbeit Wil hat Jugendliche zu ihren Erfahrungen mit Lehrstellensuche und Bewerbungen befragt.

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Habe ich mit meinen Noten eine Chance auf eine Lehrstelle in meinem Traumberuf? Welcher Beruf hat Zukunftsaussichten? Finde ich einen passenden Lehrbetrieb? Die Lehrstellensuche beschäftigt alle. Daher hat die Jugendarbeit Wil fünf Jugendliche zu diesem Thema befragt und ihnen die Möglichkeit eingeräumt, ganz direkt und in ihrer eigenen Sprache ihre Meinungen zu äussern.

Der Übergang von der obligatorischen Schule in eine Lehre oder weiterführende Schule stellt einen wichtigen Schritt im Jugendalter dar. Die Angst vor Arbeitslosigkeit oder davor, den Berufseinstieg nicht zu meistern, ist allgegenwärtig. Denn es ist bekannt, dass längere Perioden der Arbeitslosigkeit während dem Jugendalter grosse Folgen für die weitere Entwicklung der Jugendlichen haben können. Dies erzeugt Druck, wie eine Untersuchung der Jacobs Foundation aus dem Jahre 2015 deutlich aufzeigt. Für 46 Prozent der befragten Jugendlichen gehören Stress, Leistungsdruck und Überforderung zum Alltag. Die Gründe dafür liegen vor allem bei der Schule, der Ausbildung, der Uni und dem Beruf. So sind 56 Prozent der Jugendlichen dabei häufig bis sehr häufig gestresst und überfordert. «Ich habe den ganzen Bewerbungsprozess als mega stressig empfunden. Besonders, weil sich alle nur für die Schulnoten interessieren und der Mensch dahinter gar nicht mehr zählt», erinnert sich Angi (18 Jahre, Praktikantin). Janine (15 Jahre, 3. Oberstufe) fügt hinzu: «Die Lehrstellensuche ist eine sehr stressige Zeit. Sich mit erst 13, 14 Jahren entscheiden zu müssen, in welche Richtung es beruflich gehen soll, ist viel zu früh!» Und Altin (16 Jahre, 1. Lehrjahr) ergänzt: «Vor allem, da es sich um eine wegweisende Entscheidung für die Zukunft handelt.»

Mehr Wert aufs Schnuppern legen

Ein junger Mann (20 Jahre, 3. Lehrjahr), der anonym bleiben möchte, bringt noch ein weiteres Argument in die Diskussion mit ein: «Bereits das Finden von Schnupperlehrstellen war eine Herausforderung, denn viele Betriebe möchten sich nicht mehr die Zeit dafür nehmen. Ausserdem ist der ganze Bewerbungsprozess richtig teuer. Die finanziellen Ausgaben für die Bewerbungsmappen, Briefmarken und Umschläge, die Multichecks und Anreisen für die Kennenlerntermine zählen sich ganz schön.» Fiona (17 Jahre, 3. Lehrjahr) und Janine stimmen mit ein und betonen die Wichtigkeit der Schnuppererfahrungen. So findet Janine: «Mir ist bewusst geworden, dass eine schlechte Erfahrung beim Schnuppern quasi den Beruf zerstören kann. Da man sich danach nicht mehr vorstellen kann, auf diesem Beruf zu arbeiten.» Und Fiona fügt hinzu: «Ich finde, dass generell mehr Wert aufs Schnuppern gelegt werden sollte. Denn so können sich beide Seiten kennen lernen und einen besseren Eindruck voneinander bekommen.»

Die von der Jugendarbeit Wil befragten Jugendlichen haben aber auch Tipps, was man besser machen könnte, damit der Bewerbungsprozess nicht so stressig wird. So meint Angi: «Ich empfehle den Eltern, weniger Druck auf ihre Kinder auszuüben. Denn ich erinnere mich noch genau, wenn ich jeden Tag hörte, dass ich noch Bewerbungen schreiben müsse, habe ich überhaupt keine geschrieben, weil ich es einfach nicht mehr hören konnte.» Altin fügt hinzu: «Ich denke, Eltern sollten Jugendliche unterstützen und ihren Rücken stärken, auch wenn sie mal Mist gemacht haben.» Janine wiederum nimmt auch die Ausbildner in die Pflicht: «Die Verantwortlichen in den Lehrbetrieben erwarten, dass sich die Lernenden im Betrieb erwachsen und professionell verhalten und dies während der Pubertät, wo man manchmal einfach spinnt.» Daher fügt Altin an: «Wenn ich Chef wäre, würde ich mir Zeit für die Lehrlinge nehmen, um so ihre Einstellung herauszufinden. So könnte ich abschätzen, ob eine Vertrauensbasis besteht.» Altin fügt auch einen Tip an die Lehrpersonen an: «Lehrpersonen sollten mehr auf die Jugendlichen zugehen und Verständnis für die Pubertät und die vielen Veränderungen in deren Leben haben.» Schliesslich gibt Angi noch einen Tipp: «Ich empfehle allen Jugendlichen, die Bewerbungen persönlich vorbeizubringen und auf Pünktlichkeit und höfliche Umgangsformen zu achten. Denn den ersten Eindruck gibt es nur einmal.» (pd)