Berufsleben in der Bücherwelt

Die 24jährige Oberuzwilerin Silvana Rüfli schloss vor wenigen Wochen die seltene Ausbildung als I+D-Assistentin ab. Im Gespräch erzählt sie, wie es dazu kam und was sich hinter der den meisten unbekannten Bezeichnung verbirgt.

Mario Fuchs
Drucken
Teilen

Oberuzwil. Etwas eng ist es zwischen den hohen Regalen. Hier, im Magazin der St. Galler Kantonsbibliothek Vadiana, warten Tausende Bücher darauf, ausgelehnt zu werden. Hier befindet sich auch Silvana Rüflis Arbeitsplatz. Oder zumindest einer von vielen. Denn die Aufgaben einer I+D-Assistentin sind vielfältig – haben aber immer mit ein- und demselben zu tun: Informationen.

Bibliothekarin, aber nicht nur

I+D? Wer sich darunter nichts vorstellen kann, ist in bester Gesellschaft. So zumindest die Erkenntnis des Schreibenden aus einer Umfrage im Bekanntenkreis. I+D, das ist die Abkürzung für Information und Dokumentation. Fragende Blicke kennt die 24jährige Oberuzwilerin nur zu gut. «Aber wenn ich dann den Leuten erkläre, dass ich in einer Bibliothek arbeite, können sich die meisten einen Reim daraus machen.» I+D-Berufe umfassen die Tätigkeiten der drei traditionellen Berufe Bibliothekar, Archivar und Dokumentalist (siehe Kasten).

Wenige Lehrstellen

Silvana Rüfli liest gerne. Doch das sei nicht der Grund gewesen, warum sie sich für eine Lehre als I+D-Assistentin entschieden habe. Zeichnerisch begabt und gestalterisch geschickt, absolvierte sie in St. Gallen die Fachklasse als Grafikerin. Als die vier Schuljahre um waren, hatte sie genug: «Ich ging immer in die Schule. Ich wollte endlich mal arbeiten, etwas Praktisches.» Das Grafische habe ihr zwar gefallen, sei ihr aber «zu schwammig» gewesen.

Die Berufsberaterin half, händigte ihr eines Tages ein Infoblatt aus: «I+D-Assistent/in». Auf der Liste der Lehrbetriebe in der Ostschweiz und Zürich: Elf Einträge. Die noch offenen Lehrstellen konnte sie an einer Hand abzählen. Der Kantonsbibliothek Vadiana schickte sie ihre Bewerbung, wurde zum Infotag eingeladen, dann zum Gespräch. Der Mann, der ihr gegenübersass, hatte zuvor als Sekundarlehrer gearbeitet. Er verstand Silvana Rüflis Wunsch nach Veränderung, nach «mehr Praxis».

«Ich führe eine Liste»

In drei Jahren lernte sie den I+D-Beruf in allen Facetten kennen. Nicht nur in der «Vadiana». Zur Ausbildung gehörten diverse Praktika, etwa im Stadtarchiv, in der Unibibliothek, auf der Dokumentationsstelle des Deza, im Information Center der Zürcher Kantonalbank. Ausleihe, Magazindienst, Katalogisierung oder Archivierung zählten zu den Aufgaben. In den Regalen stehen Sachbücher, Kriminalromane, Lehrmittel. «Ich begegne täglich Büchern, die ich gerne lesen möchte.» Diese stapelten sich jedoch nicht auf dem Nachttisch. «Ich führe eine Liste. Ich hab die Bücher ja immer um mich, kann sie holen, wann ich will.» Sie lese gerne, aber «im normalen Rahmen». «Ist von Vorteil, sonst verzettelt man sich nur bei der Arbeit.»

Keine Angst vor der Zukunft

Ende Juli war die Ausbildung zu Ende. An der Universität St. Gallen fand Silvana Rüfli eine Stelle. Ein neues Umfeld, neue Technologien. So leiht die Unibibliothek beispielsweise auch E-Books aus, elektronische Ausgaben, die auf mobilen Geräten gelesen werden. «Diese ganze Veränderung ist natürlich ein Riesenthema», sagt Silvana Rüfli.

Vor der Zukunft, einer Zukunft ohne Bibliotheken, habe sie aber keine Angst: «Bibliotheken gibt es nicht, weil es Bücher gibt, sondern weil die Leute Informationen brauchen. Es kommt nicht auf den Träger an.» Googeln könne heute jeder, gezielt eine Datenbank oder ein Archiv durchsuchen nicht. «Mein Beruf wird deshalb auch mit der digitalen Revolution nicht aussterben.»

Die Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen ist öffentlich. Sie ermöglicht allen Bevölkerungsgruppen kostenlosen Zugang zu Information und Wissen. Die Vadiana umfasst 800 000 Medien zu sämtlichen Wissensgebieten und berücksichtigt die Vielfalt der Literaturformen. www.sg.ch/home/kultur/kantonsbibliothek.html

Aktuelle Nachrichten