Berufsbildung im Umbruch: Die Region macht Druck, die Ausbildungsmodelle weiterzuentwickeln

Vertreter aus Wirtschaft und Politik wollen mit einer Absichtserklärung die Weiterentwicklung der Berufsbildung vorantreiben.

Tobias Söldi
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Ein Blick in die Praxisräume der Fahrzeugberufe: Was die Schüler lernen, können sie hier gleich praktisch anwenden.

Ein Blick in die Praxisräume der Fahrzeugberufe: Was die Schüler lernen, können sie hier gleich praktisch anwenden.

Bilder: Tobias Söldi

Am BZWU in Uzwil herrscht Aufbruchsstimmung. «Nur weil etwas gelobt wird und erfolgreich ist, heisst das nicht, dass man es nicht hinterfragen darf», sagt Rektor Marco Frauchiger. Er spricht an diesem Abend über die Herausforderungen, mit denen die Berufsbildung konfrontiert ist – auch in der Region.

Marco Frauchiger, Rektor des BZWU

Marco Frauchiger, Rektor des BZWU

Es sind einige: Die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt, führt Frauchiger aus, hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Google hat das Lexikon abgelöst, Whatsapp den Brief, flexible Arbeitszeiten ersetzen die Stempeluhr, Internetshops den Laden, Roboter den Menschen. Heute müsse die Bildung ganz andere Kompetenzen vermitteln als noch vor einigen Jahren. Das Problem dabei:

«Unsere Bildung fusst noch immer auf analogen Zeiten.»

So beruhe sie beispielsweise noch allzu oft auf einem starren – und einschränkenden – System aus Schulzimmern, Klassen, Lektionen, Fächern und Noten.

Kompetenzen für das 21. Jahrhundert

Das muss sich ändern. Davon ist nicht nur Frauchiger überzeugt, sondern auch Lucas Keel, Gemeindepräsident von Uzwil und Mitglied der Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP). Letztere hat am Montagabend ins BZWU geladen, um über die Weiterentwicklung der Berufsbildung zu diskutieren. In einer entsprechenden Absichtserklärung sollen Vertreter aus Wirtschaft und Politik der Weiterentwicklung von Kompetenzen in der Berufsbildung ihre Unterstützung aussprechen.

Doch wie soll die Bildungslandschaft sich in Zukunft entwickeln? Wie soll den Schülerinnen und Schülern die sogenannten «21th-Century-Skills» – Kompetenzen für das 21. Jahrhundert – vermittelt werden, etwa Kreativität, eigenverantwortliches Handeln, Ideenvielfalt oder Reflexionsfähigkeit? Als Antworten kursieren Begriffe wie flexibles Lernen, individuelle Lernplanung, erlebbare Bildungsinhalte und Innovationskompetenz. Sie klingen gut, doch was das konkret bedeutet, ist nicht immer ganz leicht vorstellbar.

Lernlandschaften für bis zu 60 Schüler

Das BZWU ist daran, einige dieser neuen Ideen umzusetzen. So gibt es in Uzwil ein futuristisch anmutendes Schulzimmer namens «Class Unlimited». Mittels Kameras, Bildschirmen, Laptops und Mikrofonen kann der Unterricht hier theoretisch orts- und zeitunabhängig durchgeführt werden.

Über «Class Unlimited» können auch Schüler, die im Ausland weilen, am Unterricht teilnehmen.

Über «Class Unlimited» können auch Schüler, die im Ausland weilen, am Unterricht teilnehmen.

Weiter wird im Sommer am Standort in Wil die Learning Factory eröffnet, eine 350 Quadratmeter grosse «Lernlandschaft», in der bis zu 60 Schüler in unterschiedlicher Umgebung arbeiten können. Wichtig ist dabei immer die enge Verknüpfung von Praxis und Theorie. «Schule soll Freude machen», ist Rektor Frauchiger überzeugt. Erst dann könne man das volle Potenzial der Schülerinnen und Schüler ausschöpfen.

Beat Bollinger, Leiter der Raiffeisenbank Wil und Umgebung

Beat Bollinger, Leiter der Raiffeisenbank Wil und Umgebung

Neue Wege geht auch das KV4.0. Beat Bollinger, Leiter der Raiffeisenbank Wil und Umgebung, der das Ausbildungsmodell vorstellt, sagt dazu:

«Die klassische KV-Ausbildung ist starr, langweilig und nicht mehr attraktiv.»

Entsprechend fehle es an Schulabgängern, die einen KV-Beruf wählen. Das Neue am KV4.0 besteht darin, dass die Ausbildung vier statt drei Jahre dauert. Im dritten Jahr sammeln die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen im Ausland und in anderen Betrieben. Das Programm am BZWU in Wil startet im August mit einer Pilotklasse. Mit dabei sind zurzeit 20 Betriebe.

Druck auf den Kanton ausüben

Diese Weiterentwicklung der Bildungslandschaft soll «vorzugsweise in Kompetenzzentren» geschehen, wie die VSGP in ihrer Absichtserklärung festhält. Die drei Standorte des BZWU sollen ein klares Profil erhalten, das sich auch aus den dort angesiedelten Unternehmen ergibt: Industrie und Technik in Uzwil; Informatik, Dienstleistungen und Handel in Wil; Lebensmittel in Flawil.

Von dieser teilweise bereits ausgeführten Konzentration erhofft man sich eine Erleichterung in der lernortübergreifenden Zusammenarbeit und eine engere Verknüpfung zwischen Unternehmen und Schulen. Natürlich stecken auch finanzielle Überlegungen dahinter: Lernorte mit spezieller, moderner Infrastruktur sind teuer. Je mehr Lernende sie nutzen können, desto besser.

In diesem Schulzimmer werden Polymechaniker sowie Anlagen- und Apparatebauer ausgebildet.

In diesem Schulzimmer werden Polymechaniker sowie Anlagen- und Apparatebauer ausgebildet. 

Mit der erwähnten Absichtserklärung beziehungsweise ihren Unterzeichnern soll auch Druck auf den Kanton ausgeübt werden, eine Berufsbildungsstrategie zu erarbeiten – eine Strategie, die gemäss Lucas Keel weitgehend fehle. Die Region, so seine Hoffnung, könnte so zu einem der «besten, fortschrittlichsten Berufsstandorte der Schweiz» werden.

Der Inhalt der Absichtserklärung

Die «Absichtserklärung für die Weiterentwicklung von Kompetenzen in der Berufsbildung» enthält drei Stossrichtungen:

Die konsequente neue Ein- und Ausrichtung. Das bedeutet: Berufe entlang der Prozesskette ausbilden; praxisnahe, moderne Ausbildungsumgebung bereitstellen; die Geschwindigkeit des Wandels in der Infrastruktur beachten; Lehrkräfte miteinbeziehen.

Die Weiterentwicklung der Verbundsaufgabe. Dabei geht es um eine lernortübergreifende Ausbildung, um den Ausbau der Kooperation zwischen Schule und Betrieben und darum, die politischen und wirtschaftlichen Kräfte der Region zu bündeln.

Die Bildungsorten zu Kompetenzzentren machen. Die Standorte sollen dabei folgende Profile erhalten: Wil Informatik/Dienstleistung/Handel, Uzwil Technik/Industrie und Flawil Lebensmittel. Dadurch soll dem dualen Bildungssystem ein sichtbarer Wert gegeben werden. Die Konzentration soll aber nicht andere Lernorte konkurrenzieren, heisst es in der Erklärung noch.

Die Absichtserklärung ging an Kantonsräte, Arbeitgeber-Organisationen und Gemeindevertreter. Sie sind aufgefordert, die Erklärung bis Mitte März zu unterzeichnen. Idee dahinter ist, dass möglichst viele Vertreter aus Politik und Wirtschaft am selben Strick ziehen und sich für eine Weiterentwicklung der Berufsbildung in der Region aussprechen. (pd/tos)