Belcanto berührte die Herzen

WIL. Am Baronenhauskonzert trat der junge Schweizer Tenor Andreas Früh auf. Sein Liederprogramm bestand aus deutschen und italienischen Liedern vorwiegend der klassischen Epoche.

Carola Nadler
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Am Sonntag konzertierte der Tenor Andreas Früh zusammen mit seinem Begleiter Dominique Bertschinger im Baronenhaus. (Bild: can.)

Am Sonntag konzertierte der Tenor Andreas Früh zusammen mit seinem Begleiter Dominique Bertschinger im Baronenhaus. (Bild: can.)

Am Beginn standen zwei Lieder von Ludwig van Beethoven, dessen Kunstliedschaffen eher unbekannt ist. «Adelaide», eine düster-romantische Liebesklage, sowie «Der Wachtelschlag»: Darin ruft der Sänger den Christen auf, Gott zu loben, zu lieben und zu fürchten. Dieser Ruf, «Lobe Gott, lobe Gott» findet sich im Ruf der Wachtel wieder.

Schnell wurde klar, dass Andreas Früh seine ungeheuer mächtige Tenorstimme gut zu dosieren weiss und so waren es vor allem die feinen Nuancen und Zwischentöne, die die Herzen des Publikums berührten. Waren die Ausrufe «Adelaide!» oder «Fürchte Gott!» noch machtvoll intoniert, gab Früh auch dem leisen Trauern und zaghaften Fragen eine Stimme.

Symphatisch

Wo Beethovens Lieder noch eine gewisse Strenge aufwiesen, floss Robert Schumanns «Dichterliebe»-Zyklus in sanften Wogen dahin und boten Andreas Früh erst Recht Gelegenheit, die ganze Bandbreite seiner stimmlichen Nuancen auszuschöpfen. Ein warmes Piano in dunklen, angstvoll fragenden Momenten überraschte ebenso wie das Heiter-Neckische, das Verzweifelte und das selbstbewusste «Ich grolle nicht!». Man könnte meinen, wer solch einen strahlenden Tenor hat, der schmettere seine Lieder und Arien hinaus und ruhe sich dann auf dem eingeheimsten Triumph aus. A la Pavarotti. Dass der junge Tenor jedoch das ganze Spektrum seiner stimmlichen Möglichkeiten ausschöpft, macht ihn ungemein sympathisch und es war nicht verwunderlich, dass sich das Publikum berührt zeigte. Grosse Weisheit strahlte die Interpretation zuletzt in «Die alten, bösen Lieder» aus: Der alte Schmerz soll vernichtet, begraben werden, losgelassen. Ein durchaus psychologischer Moment in Heinrich Heines Gedichtzyklus, den Andreas Früh mit grossen Momenten der Stille geschehen liess.

Schlank und schlicht

Nach einer Pause wandte sich Andreas Früh mit seinem sehr präsent, aber immer diskret spielenden Begleiter Dominique Bertschinger dem Opernfach zu. Mit schlanker, klarer Stimme sang er zwei Arien des Don Ottavio aus Mozarts Don Giovanni, wunderschöne Kleinode aus dieser Oper, allerdings durch den fehlenden Zusammenhang ihrer eigentlichen schmerzlichen und rachsüchtigen Bedeutung beraubt.

Vincenco Bellini ist der Meister des Belcantos, seine sparsamen Klavierbegleitungen ermöglichen dem Sänger eine grosse Entfaltungsmöglichkeit. Andreas Früh gab den drei Liedern eine lyrisch-leichte Note, bevor er sich der Arie des Nemorino aus Donizettis «Liebestrank» zuwandte. In Talentshows wird immer wieder kritisiert, dass sich die Kandidaten berühmte Lieder auswählen und zwangsläufig daran scheitern. Solch eine Hürde ist eben diese Arie, die von Liebe und Schmerz erfüllt ist, aber nicht «triefen» darf. Andreas Früh gelang dieser Spagat wunderschön, ergreifend, ohne ins Kitschige abzudriften.

Am Ende des Konzertes stand «Mattinata» von Ruggero Leoncavallo, welches der Komponist Enrico Caruso gewidmet hatte und das mit seiner eleganten Italianità an die «O Sole Mio»-Zugaben eines Pavarotti erinnerten – und sich somit am Ende eines Belcanto-Konzertes ausnehmend gut machte. Die eigentliche Zugabe jedoch bestand aus «Caro mio ben» von Giuseppe Giordani, in welchem Andreas Früh zu der schlanken, schlichten Stimme des Barock zurückkehrte.