Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Bei den Wasserbüffeln in Schwarzenbach statt im Krieg: Ein Eritreer will in der Schweiz Bauer werden

Der Wasserbüffelhof der Familie Künzle in Schwarzenbach hat einen Praktikanten aufgenommen: Fithawi Bereket ist aus Eritrea geflüchtet. Er will mittels Integrationsprogramm im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss fassen.
Dinah Hauser
Fithawi Bereket füttert die Wasserbüffel auf dem Hof der Familie Künzle. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Fithawi Bereket füttert die Wasserbüffel auf dem Hof der Familie Künzle. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Acht Monate war er mit dem Auto, Schiff und Zug gereist bevor der Eritreer im Sommer 2015 in die Schweiz kam. Fithawi Berekets Asylgesuch wurde angenommen; auch seine Frau und sein Sohn leben mittlerweile im Fürstenland. Nun möchte der 28-Jährige in der Schweizer Arbeitswelt Fuss fassen. «Mein Wunsch ist es Bauer zu werden», sagt Bereket.

Der Eritreer ist Teil des landwirtschaftlichen Ausbildungsprogramms des Trägervereins Integration St. Gallen (TISG). Dieses hatte Anfang Jahr mit zwölf Teilnehmern gestartet. Nach zwei Monaten intensivem Unterricht in Deutsch, Mathematik und berufsspezifischer Fachkunde an der Schule «rheinspringen» in St. Gallen folgt nun die Praxis: Ein rund viermonatiges Praktikum auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. «Für alle Personen konnte ein Platz gefunden werden», sagt Serge Baumgartner vom TISG (siehe Zweittext unten).

Verständigung mit Händen und Füssen

So ist Bereket Anfang März auf den Wasserbüffelhof von Jan Künzle gekommen. Künzle lobt:

«Fithawi ist sehr fleissig. Und er führt seine Arbeiten sehr genau aus.»

Mittlerweile kontrolliere er nicht mehr, denn er weiss, dass er sich auf seinen Praktikanten verlassen kann.

Zu Beginn jedoch haperte es mit der Kommunikation; Bereket kannte die deutschen Ausdrücke noch nicht. «Ich habe dann alles vorgezeigt und dabei gesprochen, sodass er die deutschen Begriffe lernen konnte», sagt Künzle. Nach knapp einer Woche sei dann die Routine da gewesen. Bereket ist nun für die Sauberkeit im Stall zuständig und für das Füttern der Kälber und der grossen Büffel. Künzle war erstaunt darüber, dass Bereket keinerlei Scheu vor den Tieren zeigte – auch nicht vor den kräftigen Büffeln. «Meine Grossmutter in Eritrea hatte auch Tiere», sagt der 28-jährige Praktikant. Das Arbeiten auf dem Hofe mache ihm Spass.

Auch die kleinen Hoftiere bekommen ihr Futter. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Auch die kleinen Hoftiere bekommen ihr Futter. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Auch das Leben in der Schweiz gefällt Bereket:

«In Eritrea ist man Soldat bis zum Tod. In der Schweiz herrscht Frieden und ich kann arbeiten.»

Bereket selbst wurde 2011 von der eritre­ischen Armee eingezogen. Er sei dann krank geworden und habe seine Familie vermisst. Daher kehrte er zu ihr zurück. Ein paar Monate später holte ihn dieser Entscheid aber ein: Desertieren wird in Eritrea mit Gefängnis bestraft. Als er nach sechs Monaten frei kam, machte er sich auf die Reise, die in der Schweiz endete.

Ohne Traktor geht nichts

Zurück auf dem Wasserbüffelhof fährt ein Traktor vorbei. Auch Bereket darf auf dem Hofgelände mit der grossen Maschine fahren. Motoren kennt er, da er in Eritrea als Mechaniker gearbeitet hatte. Aber Erfahrung in der Fahrpraxis hatte er kaum. Kurzerhand hat Künzle ihn instruiert. «In der Landwirtschaft geht ohne Traktor gar nichts», sagt Künzle. Serge Baumgartner stimmt dem zu:

«Auch wir sind bemüht, im Unterrichtsteil Theorie und Praxis zu vermitteln.»

Die Vorbereitung auf den Traktor-Führerschein ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. «Je nach Sprachkenntnissen ist dies früher oder später möglich», sagt Baumgartner.

Jan Künzle ist mit seinem Praktikanten zufrieden: «Fithawi hat den Willen zum Arbeiten. Und wo ein Wille ist, da findet sich bestimmt ein Weg, auch wenn es mit der Sprache anfangs noch nicht so klappt.» Auch Bereket findet, seine Sprachfertigkeiten reichen noch nicht aus: «Falls ich nach dem Praktikum nicht direkt Arbeit finde, dann möchte ich zuerst noch besser Deutsch lernen.»

Fithawi Bereket erledigt auch andere anfallende Arbeiten auf dem Wasserbüffelhof. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Fithawi Bereket erledigt auch andere anfallende Arbeiten auf dem Wasserbüffelhof. (Bild: Gian Ehernzeller/Keystone)

Die Gemeinden spannen zusammen

Ziel der vom Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen (TISG) angebotenen Programme ist es, die Geflüchteten möglichst gut in die Gesellschaft zu integrieren. «Das ist für alle Beteiligten am nachhaltigsten», sagt Serge Baumgartner vom TISG. Dieser gründet auf eine Vereinbarung zwischen allen 77 St. Galler Gemeinden, mit dem Ziel gemeinsam die Integration umzusetzen. Jede Gemeinde leistet einen Beitrag gemäss der Einwohnerzahl. Damit werden die verschiedenen Projekte finanziert.

Baumgartner ist Leiter der Integrationsprojekte und der Regionalen Potentialabklärungs- und Arbeitsintegrationsstellen (Repas). Jeder Gemeinde steht ein Repas-Coach zur Verfügung, der die geflüchteten Personen bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt und ihnen als Ansprechpartner dient. So werde eine individuell angepasste Betreuung ermöglicht. Cornelia Mestka ist unter anderen für den Eritreer Fithawi Bereket zuständig. «Wir Coaches führen Gespräche mit den Geflüchteten, um herauszufinden, welche Stärken und Wünsche eine Person hat und welche Förderung Sinn macht», sagt Mestka. Aufgrund dieser Potentialabklärungen wird ein Integrationsplan erstellt, in dem die nächsten Schritte festgehalten werden.

Bis zur erfolgreichen Integration begleitet

Wenn die Wünsche mit den bereits erworbenen Kenntnissen vereinbar sind, wird versucht, dem Wunsch zu entsprechen. Einer von Mestkas Klienten wolle beispielsweise im Pflegebereich arbeiten. Er hatte mitgeholfen seine Grossmutter zu pflegen. «So versuche ich Schnuppertage und Praktika zu organisieren. Dabei kann die Person auch erleben, was es heisst den Beruf in der Schweiz auszuüben.» Neben Berufserfahrung wird auch das Deutschniveau gefördert. «Für eine erfolgreiche Integration braucht es mindesten Kenntnisse auf dem A2-Level», sagt Mestka.

So begleiten die Coaches der Repas die Geflüchteten bis diese erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert sind. Dabei bewegt sich die Repas in einem Beziehungsdreieck: «Die Repas-Coaches sind das Bindeglied zwischen den Klienten, den Sozialämtern und den Arbeitgebern. Dank der guten Zusammenarbeit stellen sich Erfolge bei der Integration in unseren Arbeitsmarkt ein», sagt Baumgartner.

Programme in verschiedenen Bereichen

Das neu gestartete landwirtschaftliche Ausbildungsprogramm reiht sich neben andere Projekte ein, wie beispielsweise jene in der Holz-, Fleischverarbeitungs- und Bäckerbranche. Daneben bietet der TISG mit dem Amt für Berufsbildung in der Regel einjährige Integrationsvorlehren in den Bereichen Gastronomie, Polybau, Mechatronik und Gleisbau an. «Wir arbeiten eng mit den jeweiligen Branchenverbänden zusammen», sagt Baumgartner. So wurden beispielsweise Praktikumsplätze mit Hilfe des St. Galler Bauernverbandes gefunden.

Das Ziel der Programme sei jeweils das gleiche: möglichst rasche und vollständige Integration der Personen. Dabei spiele die praxisnahe Erfahrung eine wichtige Rolle. «Praxis kann nicht nur durch Theorie erlernt werden», sagt Baumgartner. So ist beispielsweise die Projektwoche ein fester Bestandteil der zweimonatigen Beschulung vor dem Praktikum. Dabei lernen die Geflüchteten verschiedene Arbeitsbereiche kennen und erhalten so einen ersten Einblick in den Beruf. (dh)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.