«Bei den Reitlehrern und Vereinen geht es um deren Existenz»: Warum der Lockdown bei regionalen Reitbetrieben für rote Köpfe sorgt

Die bisherigen Lockerungsmassnahmen sind für die regionalen Reitbetriebe befremdlich. Sie bestehen deshalb auf ihre sofortige Wiedereröffnung.

Miguel Lo Bartolo
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Die Pferde regionaler Reitschulen und -vereine sind zu Kollateralschäden des Lockdowns geworden. Ihre Unterhaltskosten sind für viele Betriebe nicht länger tragbar.

Die Pferde regionaler Reitschulen und -vereine sind zu Kollateralschäden des Lockdowns geworden. Ihre Unterhaltskosten sind für viele Betriebe nicht länger tragbar.

Bild: Tom Ulrich / Fotomtina

«Es droht das Aus der Reitschulen und eine ungewisse Zukunft für die Pferde», schreibt der Schweizerische Verband für Pferdesport (SVPS) in einer Mitteilung. Während am Montag diverse Geschäfte – darunter Coiffeur- und Kosmetiksalons, Tattoostudios und weitere – den Betrieb wiederaufnehmen konnten, müssen Reitschulen weiterhin geschlossen bleiben. Diese Regelung stösst auf Unverständnis.

Martin Richner, Präsident von «Swiss Horse Professionals» (SHP).

Martin Richner, Präsident von «Swiss Horse Professionals» (SHP).

Bild: Christian Tschümperlin / LTA

Bei den wiedereröffneten Geschäften handelt es sich nämlich um solche mit personenbezogenen Dienstleistungen, bei denen Körperkontakt partout nicht zu vermeiden ist. Im Reitunterricht hingegen liesse sich dieser zumindest auf ein Minimum reduzieren, wie Martin Richner, Präsident des Vereins Swiss Horse Professionals (SHP), sagt.

Für die einzelnen Reitbetriebe ist es zudem «schwierig bis unmöglich», so Richner, Kurzarbeit anzumelden. Der Zeitaufwand für die Haltung der Pferde sei nämlich unverändert geblieben; so auch die Kosten für deren Unterhalt. Gerade für kleinere Betriebe können Umsatzeinbussen schwerwiegende Folgen haben. Laut Martin Richner sind derzeit zwei Dinge entscheidend: eine zeitnahe Wiedereröffnung der Reitbetriebe und eine nachträgliche Entschädigung für deren bisherigen Einbussen.

Reitschulen sind bereit, sich zu fügen

«Der Reitsport wurde vom Bundesrat von Anfang an –wie alle anderen Sportarten – als Freizeitbeschäftigung kategorisiert», sagt Richner.

«Diese Kategorisierung wird aber unserer Ansicht nach dem vielseitigen Angebot der Reitbetriebe nicht gerecht.»

Das therapeutische Reiten werde beispielsweise völlig ausser Acht gelassen. Ebenso die Tatsache, dass erfahrene Reiter wohl kaum mehr auf direkten Kontakt mit ihren Instruktoren angewiesen seien.

Man ist derweil beim SHP durchaus dazu bereit, sich strengen Bedingungen für eine Wiedereröffnung zu fügen, so Richner. Diese Meinung teilen auch die Reitbetriebe aus den Regionen Wil und Toggenburg. Antonia Koller, die im vergangenen Monat in Niederwil ihren Reitbetrieb eröffnete (unsere Zeitung berichtete), sagt etwa:

Antonia Koller, selbstständige Reitlehrerin in Niederwil.

Antonia Koller, selbstständige Reitlehrerin in Niederwil.

Bild: PD
«Wenn wir Masken tragen müssen, dann ist es eben so.»

Koller schliesst sich Richner auch in puncto Hygienevorschriften an: «Im Einzelsetting ist es gar kein Problem, Abstandsregeln einzuhalten.»

Der Unterhalt der Pferde ist ein hartes Stück Arbeit

Die derzeitigen Umstände sind für keine der angefragten Reitschulen länger tragbar. Alle drängen auf eine Wiedereröffnung. Und alle sind wegen der bislang ausgebliebenen finanziellen Unterstützung entrüstet. Fredi Näf vom Reitbetrieb Schwendihof in Wildhaus ist verzweifelt:

«Ich bin den ganzen Tag mit Ausreiten beschäftigt.»

Näf führt den Reitbetrieb mit seiner Frau. Er hat keine Angestellten und deshalb keine Möglichkeit, das Ausreiten zu delegieren. Sechs Pferde zählt der Kleinbetrieb. Näfs Arbeitsaufwand ist seit dem Lockdown bedeutend gestiegen. Und eine Wiederaufnahme des Tagesgeschäftes scheint auch für ihn noch in weiter Ferne zu liegen. «Wir finanzieren den Unterhalt unserer Pferde mit Reitstunden und Ausritten», sagt Näf. Die anfallenden Kosten lassen sich längst nicht mehr mit den Einkünften decken. Näf fühlt sich im Stich gelassen: «Während diverse Geschäfte einen Mieterlass erhalten, sind die Reitbetriebe weiterhin auf sich alleine und vor eine ungewisse Zukunft gestellt.»

«Das Freizeit-Argument ist löchrig»

Monika Winkler-Bischofberger, Leiterin Voltige Lütisburg.

Monika Winkler-Bischofberger, Leiterin Voltige Lütisburg.

Bild: PD

Es sind nicht nur kleinere Reitschulen, die unter den Lockdown-Massnahmen leiden. Auch grosse Reitsportvereine sind betroffen. Monika Winkler-Bischofberger, Leiterin der Voltige Lütisburg, berichtet von enormen finanziellen Rückschlägen, die einigen Pferdehaltern schon tragische Entscheidungen abverlangt hätten:

«Ich kenne Leute, die ihre älteren und nicht mehr unterrichttauglichen Pferde haben einschläfern lassen.»

«Sie waren aus finanzieller Sicht fast zu diesem Schritt gezwungen. Denn so bleibt ihnen immerhin mehr Geld, um die anderen durchzufüttern», sagt sie. Auch Voltige Lütisburg bleibe von einer derartigen Entscheidungsnot nicht mehr lange verschont, wenn die gegenwärtige Situation nicht bald umschlage. Ein Pferd koste die Voltige pro Monat zirka 900 Franken. «Das sind Fixkosten, die wir ohne Einnahmen nicht viel länger decken können», sagt Winkler-Bischofberger.

Die bisherige Argumentation des Bundesrates, Reitschulen und -vereine würden in die Kategorie der Freizeitbetriebe fallen und ihre Inbetriebnahme könne deshalb noch weiter hinausgezögert werden, findet Winkler-Bischofberger löchrig.

«Auf die Reitschüler mag das ja zutreffen. Aber bei den Reitlehrern und Vereinen geht es um deren Existenz.»

Im Übrigen liesse sich auch über die Notwendigkeit von Tätowierungen und lackierten Nägeln streiten.

Die Leiterin der Voltige Lütisburg hofft darauf, dass die Vereinsmitglieder weiterhin und trotz des Ausfalls ihre Beiträge bezahlen. Auch vom Bund erhofft sie sich trotz ausgebliebener Kurse die entsprechenden Gelder. Es fehlen nämlich bereits gut 30'000 Franken in der Vereinskasse.

Swiss Olympics stellt Antrag an den Bundesrat

Der nationale Dachverband des Schweizer Sports Swiss Olympics strebt laut Richner eine einheitliche Regelung für die Wiederaufnahme sämtlicher Sportarten an. Die letzten Sitzungen zu einem entsprechenden Konzept seien am Freitag abgehalten worden. Schon diese Woche soll ebendieses im Bundesrat besprochen werden. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis die Reitbetriebe immerhin Gewissheit über den weiteren Verlauf erlangen. Das einzig Ungewisse bleibt derweil, ob sie denn auch für ihre Einbussen entschädigt werden. Sollte dies nicht der Fall sein, dürfte es wohl für einige tatsächlich das Aus bedeuten.

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