Begleitet von Kuhglocken und Pleitegeiern

Über den FC Wil, der einst als FC Stella das Licht der Welt erblickte, aber nicht immer glänzte wie ein Stern

Ursula Ammann
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Nicht immer hatten die FC-Wil-Spieler Grund zum Lachen. (Archivbild: Keystone/Regina Kuehne)

Nicht immer hatten die FC-Wil-Spieler Grund zum Lachen. (Archivbild: Keystone/Regina Kuehne)

Ständige Trainerwechsel, Verhaftungen, Stadionausbau, offene Lohnforderungen: Der FC Wil macht in letzter Zeit nicht gut von sich reden. Doch ein Blick in die Geschichte des über 100-jährigen Vereins zeigt: Skandale und Skandälchen gab es auch vor der türkischen Übernahme schon. Dies und anderes über den berühmt berüchtigten Wiler Fussballclub von A bis Z.

A wie Angebot: Die spanische Firmengruppe New Building Design bot im Jahr 2003 an, Geld in den FC Wil zu investieren. Dieses hatte der Club nach der Veruntreuung des ehemaligen Präsidenten (siehe «C») dringend nötig. Der neue Investor, der sich hauptsächlich in Person des Mitinhabers Igor Belanow (siehe «I») zeigte, war nicht allen geheuer. Die Unternehmung existierte erst seit kurzer Zeit, verfügte am Firmensitz in Barcelona über keinen Telefonanschluss und war als Firma für Bau- und Immobiliengeschäfte eingetragen. Nicht als Investmentgesellschaft im Bereich Sport, wofür sie sich ausgab.

B wie Busse: Vor 20 Jahren schlug ein ausser sich geratener Zuschauer bei einem Spiel zwischen dem FC Wil und dem FC Lausanne mit einem Stuhl auf den Kopf des Schiedsrichters ein. Es handelte sich um einen Anhänger des FC Wil. Der Club wurde deshalb mit Busse und Spielsperren bestraft.

C wie Chaos: Der ehemalige FC- Wil-Präsident Andreas Hafen, von Beruf Banker bei den UBS, veruntreute rund 50 Millionen Franken und stürzte den Verein in einen chaotischen Zustand.

D wie Domizil: 1920 kaufte die Stadt das Areal beim Lindengut und verpachtete es an den FC Wil. Seit 1963 spielt der Verein im Bergholz.

E wie Entstehung: Der Fussball wurde um 1900 von zwei Stricker-Praktikanten aus England nach Wil geschleppt und gewann bei den älteren Schülern und Lehrlingen schnell an Bedeutung. Man kickte an Abenden und an Sonntagen.

F wie Flucht: Um eine Million Franken erleichterte Ruedi Hasler, ein ehemaliger Spieler des FC Wil, die Raiffeisenbank Münchwilen. Er setzte sich daraufhin mit dem Geld nach Thailand ab.

G wie Gross’sche Mission: Nachdem Trainer Christian Gross vom Aufenthaltsort Haslers (siehe «F») erfuhr, reiste er ihm nach Thailand nach. Er wollte den entflohenen Fussballer zur Rückkehr bewegen. Ohne Erfolg. Ein Jahr nach der Tat wurde Hasler verhaftet und in die Schweiz ausgeliefert.

H wie Häme: In einer satirischen Randspalte schrieb die NZZ nach dem Sieg der Wiler gegen GC im Frühjahr 2004: «Wer ausser einer Handvoll Wiler ohne anständiges Hobby wird sich jemals für den FC Wil interessieren?»

I wie Investor: Der ehemalige ukrainische Fussballer Igor Belanow übernahm 2003 die Aktienmehrheit beim FC Wil. An einer Pressekonferenz gab der Mehrheitsbesitzer laut NZZ über eine Dolmetscherin zu verstehen, dass er im Club ein grosses Potenzial sehe, um seine Ideen zu verwirklichen.

J wie Jubel: Im April 2004 gewann der FC Wil überraschenderweise den Schweizer Cup.

K wie Kuhglocken: Mindestens 1000 Wiler reisten im Juli 1949 zum Spiel zwischen dem FC Wil und Töss, das mit einem Sieg der Wiler endete. «Die ganz Begeisterten liessen schon am Sportplatz ihr Feuerwerk los oder läuteten mit hergebrachten Kuhglocken übers Schlachtfeld», schrieb die Wiler Zeitung.

L wie Lohn: Drei Speaker klagten Ende 2003 gegen ihren Arbeitgeber, den FC Wil. Sie warfen der Obrigkeit Mobbing vor und warteten noch immer auf ihren Novemberlohn. Die ukrainischen Investoren hatten offenbar die Anweisung gegeben, den drei Speakern keine Löhne mehr zu überweisen.

M wie Marionette: Ende Dezember 2003 stellte der FC Wil den ostdeutschen Trainer Joachim Müller ein. Ob dieser aber mehr sei als nur die Marionette der ukrainischen Investoren, sei auf einem anderen Blatt geschrieben, hiess es in der Zeitung.

N wie Name: Der FC Wil hiess nicht immer so. Der Verein wurde zuerst auf den Namen FC Stella getauft. 1902 wurde er zum FC Fors und 1907 zum FC Wil.

O wie Orte des Trainings: In der jüngeren Geschichte des FC Wil gab es noch keine richtigen Spielstätten. Man trainierte an verschiedenen Orten. Unter anderem auf dem harten Bleicheplatz oder auf Wiesen, die Landwirte zur Verfügung stellten.

P wie Polizei: An der Innsbrucker Sportwoche von 1947 stand der FC Wil der Polizei gegenüber. Es handelte sich allerdings nur um ein Spiel, dass die Wiler gegen den Polizeisportverein Innsbruck 3:0 verloren.

Q wie Quantensprung: Der FC Wil besiegte den FC St. Gallen im November 2002 mit 11:3.

R wie Rücktritte: Nach dem 0:2 gegen Thun unterschrieb FC-Wil-Trainer Joachim Müller sein Rücktrittsschreiben. Es gab Differenzen mit Igor Belanow. Mit Müller trat auch Generalmanager Fredy Strasser per sofort zurück.

S wie Sonderling: In einer Motion des SVP-Ständerats Maximilian Reimann wurde der Europarat aufgefordert, die sich häufenden Engagements ukrainischer und russischer Investoren in Fussballclubs unter die Lupe zu nehmen. Als Beispiele wurden Spitzenclubs wie Chelsea genannt, als «weniger prominenter Sonderling» der FC Wil.

T wie Teamgedanke: Trotz der widrigen Umstände im Club habe sich die Formation des FC Wil auf dem Spielfeld gut geschlagen, hiess es im April 2004 in einem Matchbericht der NZZ. In der Equipe des FC Wil stehe der Teamgedanke in seiner ureigensten Form im Vordergrund.

U wie Ukrainisierung: Nach der Übernahme des Vereins durch die ukrainischen Investoren war in den Medien immer wieder vom «ukrainisierten» FC Wil zu lesen.

V wie Vertragsbruch: Das Jahr 2004 läutete die Trennung mit den ukrainischen Investoren ein. Diese sind vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und haben zugesicherte Summen nicht überwiesen, wie die NZZ berichtete.

W wie Weihnachten: Einige Monate nach Bekanntwerden des Veruntreuungsdelikts des ehemaligen FC-Wil-Präsidenten Andreas Hafen (siehe «C») schrieb die NZZ in einer Glosse: «Über Wil bremst der Pleitegeier erfreut ab. Im Stadion Bergholz herrscht vorweihnachtliche Ruhe. Doch der Schein trügt. Dem Personal des FC Wil wurden die Skiferien ersatzlos gestrichen. Die Fussballer arbeiten in der örtlichen UBS-Filiale die Millionen ab, die ihnen von ihrem (ehemaligen) Vorgesetzten in den letzten Monaten grosszügigerweise ausbezahlt wurden.»

X wie Xamax: Der FC Wil ist nicht der einzige Verein, der das Interesse ausländischer Investoren auf sich zieht. 2011 stieg der Tschetschene Bulat Tschagajew beim Traditionsverein Xamax ein. Wenige Monate später war dieser pleite.

Y wie Young Boys: Wegen finanzieller Intransparenz erhielt der FC Wil 2004 keine Lizenz. Leidensgenosse waren die Young Boys. Grund war dort eine hohe Überschuldung.

Z wie zarar: Das Wort zarar bedeutet auf Türkisch «Verlust» oder «Schaden». Bleibt zu hoffen, dass die türkischen Investoren den FC Wil davor bewahren.

Ursula Ammann