«Untauglich»: Der Gemeinderat von Flawil übt harsche Kritik an der Spitalstrategie der Regierung - Unterstützung erhält das Konzept dafür aus Wil

Der Flawiler Gemeinderat lehnt die neue Spitalstrategie «vollumfänglich» ab. Stattdessen will er ein regionales MedPlus-Spital. Wil äussert sich positiv zur Strategie.

Tobias Söldi
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Das Spital Flawil soll zu einem Gesundheits- und Notfallzentrum werden. Der Gemeinderat wehrt sich dagegen.

Das Spital Flawil soll zu einem Gesundheits- und Notfallzentrum werden. Der Gemeinderat wehrt sich dagegen.

Bild: Ralph Ribi

«Unverständlich», «befremdend», «untauglich»: Der Flawiler Gemeinderat übt harsche Kritik an der Spitalstrategie der Regierung. Diese Woche hat der Rat auf die Vernehmlassung über die Weiterentwicklung des St.Galler Spitalverbundes geantwortet. In seiner mehr als vier Seiten umfassenden Stellungnahme lehnt er die Strategie «4plus5» «vollumfänglich» ab. Stattdessen fordert er ein ambulantes und stationäres Basisangebot der allgemeinen und inneren Medizin in Flawil.

Um was geht es?

Im Oktober hat die Regierung des Kantons St.Gallen die Strategie «4plus5» zur Weiterentwicklung der St.Galler Spitalverbunde präsentiert. Diese sieht ein Zentrumsspital in St.Gallen, drei Mehrspartenspitäler in Grabs, Uznach und Wil sowie fünf Gesundheits- und Notfallzentren zur wohnortnahen Versorgung in Flawil, Altstätten, Rorschach, Walenstadt und Wattwil vor.

Wo sieht der Flawiler Gemeinderat die Probleme von «4plus5»?

Aus der Sicht des Gemeinderates basiert die Strategie auf zwei Falschannahmen. Die eine bezieht sich auf die Patientenbewegungen: Der Verwaltungsrat der Spitalverbunde rechnet in seinem Grobkonzept von 2018 damit, dass 25 Prozent der Fälle, die aktuell im Spital Flawil behandelt werden, nach Wil gehen. Der Gemeinderat von Flawil ist aber überzeugt, seine Bevölkerung besser zu kennen: Maximal zehn Prozent gingen nach Wil, der Rest suche die Spitäler St.Gallen oder Herisau auf oder gehe gleich zu einem privaten Anbieter. Die Annahme des Verwaltungsrates, die der Strategie «4plus5» zugrunde liegt, führe zu falschen Wachstumszahlen insbesondere für das Spital Wil, argumentiert der Rat. Es ergebe sich keine unternehmerische Sicherheit für die Spitalregion.

Welches ist für den Gemeinderat die zweite Falschannahme?

Auch die finanzielle Situation der Spitäler werde falsch eingeschätzt, schreibt der Gemeinderat. So basiere die «4plus5»-Strategie auf Zahlenmaterial des Kantonsspitals St.Gallen, das ebenfalls dem – bereits erwähnten – Grobkonzept des Verwaltungsrates entstammt. Darin werde die finanzielle Situation aller Spitalverbunde «viel zu pessimistisch» dargestellt. Dies bilde eine «untaugliche Basis zur Beurteilung der künftigen finanziellen Situation der Spitalverbunde». Der Gemeinderat ist «befremdet», dass die Annahmen des Grobkonzeptes weder durch den Lenkungsausschuss noch durch die Kantonsregierung hinterfragt wurden.

Was hat Flawil gegen die Gesundheits- und Notfallzentren?

Diese seien weder zielführend noch überlebensfähig, kritisiert der Gemeinderat. Das zeige die geplante «minimalistische personelle und medizinische Ressourcenausstattung». So könne keine «qualitativ hochstehende Medizin mit teilweiser stationärer Behandlung» angeboten werden.

Präsentiert der Gemeinderat einen eigenen Vorschlag?

Der Gemeinderat fordert am Standort Flawil entweder eine Spezialklinik des Kantonsspitals oder ein ambulantes und stationäres medizinisches Basisangebot der allgemeinen und inneren Medizin, ein regionales MedPlus-Spital. Letzteres soll aufgrund der Nähe zum Wohn- und Pflegeheim Flawil mit Zusatzangeboten der Altersmedizin und der Palliativmedizin ergänzt werden. Es soll ausserdem während 24 Stunden pro Tag und an 365 Tagen im Jahr einen «Walk-in-Notfall» betreiben, spezialärztliche Sprechstunden anbieten und über einen Operationssaal für ambulante Eingriffe verfügen.

Warum ist das besser?

Der Vorschlag richte sich nach den demografischen Entwicklungen aus, schreibt der Gemeinderat. So wünschten sich doch viele ältere und betagte Menschen eine sinnvolle und wohnortnahe medizinische Betreuung. Ausserdem brauche der Kanton St.Gallen neben einem starken Zentrumsspital individuelle regionale Lösungen.

Was, wenn die Regierung dieser Forderung nicht nachkommt?

Falls die Regierung des Kantons St.Gallen dazu nicht bereit ist, verlangt der Gemeinderat Flawil die Veräusserung der Spitalliegenschaft an die Privatklinikgruppe Swiss Medical Network. Flawil hat in den vergangenen Monaten bereits entsprechende Gespräche mit der Waadtländer Privatklinikgruppe geführt, die in Flawil Altersmedizin anbieten würde.

Die Regierung stellt sich aber auch gegen einen Verkauf des Spitals an Private. Warum?

Ein Verkauf des Spitals Flawil löse neue Patientenströme aus mit negativen Konsequenzen für die anderen Spitalstandorte, befürchtet die Regierung. Flawil ist anderer Meinung. Ein privater Mitbewerber würde die verbleibenden Mehrspartenspitäler fordern, sich mit hoher Fach- und Dienstleistungsqualität zu beweisen.

Wil unterstützt das Konzept

Ganz anders als der Flawiler Gemeinderat äussert sich der Stadtrat Wil zur Spitalstrategie «4plus5». Er hat diese Woche ebenfalls seine Vernehmlassungsantwort veröffentlicht, in der er sich hinter das Konzept der Regierung stellt. Das überrascht kaum, ist Wil doch einer der vier Spitalstandorte, an denen gemäss dem Konzept «4plus5» die stationäre Grundversorgung konzentriert und sogar ausgebaut werden soll. So heisst es in der Vernehmlassungsantwort denn auch:

«Das Spital Wil soll auch weiterhin eine zentrale Stellung in der kantonalen Spitallandschaft einnehmen. Das ist insbesondere für die über 120000 Menschen im Einzugsgebiet ein wichtiges Bekenntnis.»

Für Wil stellt die vorgelegte Strategie ein «wohnortnahes stationäres Angebot für alle Regionen des Kantons St. Gallen auf einem hohen qualitativen Niveau» sicher. Gerade für einen Ringkanton sei es zwingend, dass die Spitäler regional verteilt bleiben und in starken regionalen Zentren vielfältige Dienstleistungen angeboten werden.

Wil als «Kompetenzpool Gesundheit im Alter»

Der Stadtrat übt aber auch Kritik und weist auf verschiedene Punkte hin, bei denen aus seiner Sicht Handlungsbedarf besteht. Dazu gehört etwa die Stärkung der regionalen Spitäler, schreibt der Stadtrat:

«Das Detailkonzept der Regierung zeigt insgesamt nur wenige Massnahmen auf, wie die regionalen Spitäler gestärkt werden können. In dieser Thematik müssen weitere Anstrengungen unternommen werden.»

Weiter thematisiert er die Frage der Patientenströme. Ähnlich wie Flawil äussert er Bedenken bezüglich der Prognosen der Regierung:

«Patienten aus dem Toggenburg und aus dem Einzugsgebiet des heutigen Spitals Flawil werden sich künftig nicht einfach automatisch in Wil behandeln lassen. Hierfür sind umfangreiche kommunikative Anstrengungen nötig beziehungsweise eine Intensivierung der Massnahmen im Bereich des Zuweisungsmanagements.»

Ein weiteres Thema sind für den Stadtrat die Synergien mit der Thurvita AG, welche in Wil ein umfassendes Angebot für betagte Menschen anbietet. Diese sollen ausgebaut werden. Wil könnte dadurch zu einem «Kompetenzpool Gesundheit im Alter» werden.

Gesichert ist der Standort Wil aber noch nicht, ist die Spitalregion Fürstenland-Toggenburg doch auf einen Sanierungsbeitrag von 70 Millionen Franken angewiesen. «Ohne diesen Beitrag steht der ganze Spitalverbund in Frage und damit die Versorgung einer ganzen Region.»

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