BAZENHEID/KIRCHBERG: «Bedingungen im Toggenburg sind ideal»

In den letzten Tagen haben die Angehörigen des Führungsunterstützungsbataillons 24 (FU Bat 24) ihren militärischen Wiederholungskurs im Toggenburg absolviert. Mit der 29-jährigen Eva Steiner führte eine Frau und Juristin die Kompanie.

Beat Lanzendorfer
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Hauptmann Eva Steiner leistet mit ihrer Einheit noch bis Ende Woche Militärdienst im Toggenburg. (Bild: PD)

Hauptmann Eva Steiner leistet mit ihrer Einheit noch bis Ende Woche Militärdienst im Toggenburg. (Bild: PD)

Beat Lanzendorfer

beat.lanzendorfer@

toggenburgmedien.ch

Eva Steiner, wie spricht man Sie militärisch korrekt an?

Ganz korrekt wäre Hauptmann Steiner oder Frau Hauptmann. Für die meisten bin ich allerdings der «Kadi» oder Eva, was darauf zurückzuführen ist, dass wir im Bataillon sehr eng miteinander zusammenarbeiten.

Leisten Sie mit Ihrer Kompanie zum ersten Mal Dienst im Toggenburg?

Meines Wissens ist das Führungsunterstützungsbataillon 24 zum vierten Mal in Bazenheid stationiert. Ich als Kommandant der Kompanie bin zum zweiten Mal im Toggenburg.

Was ist das Einsatzgebiet des Führungsunterstützungsbataillons 24?

Wir sind für die Territorialregion 4 ­zuständig, welche die Kantone Zürich, Schaffhausen, Glarus, Thurgau, St. Gallen und beide Appenzell umfasst. Das ­ FU Bat 24 stellt über seine Ein­- satz­stelle Telematik die Einsatzfüh- rung der Funk- und Informatikmittel des Hauptquartiers, der Direktunterstellten der Territorialregion 4 sowie der Führungs­staffel/Kommandantenstaffel sicher. Ebenso sind wir für den Einsatz des integrierten militä- rischen ­Fernmeldesystems nach Planungs­vorgaben der Führungsunterstützungsbasis für das Hauptquartier zuständig.

Ist das Toggenburg dafür geeignet, Ihre Aufgaben wahrzunehmen?

Es ergibt hier sehr viel Sinn, weil die Unterkunft auf rund 200 Personen ausgelegt ist. Meine Kompanie umfasst ungefähr 300 militärische Angehörige, davon sind effektiv etwa 250 im Wiederholungskurs, daher brauche ich in entsprechend grosse Räumlichkeiten – Bazenheid ist dafür geeignet. Die meisten sind in der Unterkunft im Ifang untergebracht, der Rest sowie der Bataillonsstab in Kirchberg. Abgesehen davon, das Toggenburg liegt in unserem Einzugsgebiet sehr zentral und ist daher ideal.

Sie stehen der Kompanie als Kommandant vor. Gehören nebst Ihnen noch weitere Frauen der Einheit an?

Nebst mir gibt es noch einen Zugführer, einen Feldweibel und einen Wachtmeister, deren Funktionen von Frauen wahrgenommen werden. Hinzu kommen zwei Soldaten, die aktuell aber keinen Dienst leisten.

Kommen im Militär eigentlich nur die männlichen Dienstgrade zur Anwendung?

Das ist so. Es heisst tatsächlich zum ­Beispiel nur Hauptmann oder Wachtmeister, auch wenn es sich dabei um eine Frau handelt.

Was ist Ihre Motivation, als Frau Dienst bei der Schweizer Armee zu leisten?

Unser primärer Auftrag hier in der Schweiz ist der Schutz von Land und Leuten. Das können Unterstützungsaufträge für das World Economic Forum (WEF) sein oder wie zuletzt beim Bergsturz in Bondo. Wir, das Militär, kommen immer dann zum Einsatz, wenn die zivilen Behörden uns anfordern. Gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz müssen wir zusammenarbeiten. Wir sind auf unser Kollektiv- und Milizsystem angewiesen. Für mich ist das Militär ein Bestandteil davon. Wir erbringen Leistungen zugunsten des Ganzen. Das sind Aspekte meiner Motivation – ich möchte etwas für mein Land tun.

Was für eine Faszination geht für Sie vom Militär aus?

Die Faszination für mich ist jeder Wiederholungskurs als solches. Wir schaffen es, einen Dienstbetrieb innerhalb von drei Tagen von null auf hundert hochzufahren. 250 militärische Angehörige sind innert kürzester Zeit einsatzfähig und können in der ganzen Schweiz für Bereitschaftsaufträge eingesetzt werden. Menschen, die sich sonst nicht kennen, schaffen gemeinsam Aussergewöhnliches.

Wie viele Diensttage haben Sie schon hinter sich?

Es sind etwas über 600.

Ist der Weg von Frau und Mann ­ im Militär identisch?

Ja, sie machen den gleichen Weg. Sie absolvieren die gleiche Aushebung und aufgrund der körperlichen Leistungs­fähigkeit wird dann entschieden, wer wo eingeteilt wird.

Wie weit kann es eine Frau in der heutigen Struktur der Schweizer Armee bringen?

Die Karrieremöglichkeiten sind dieselben wie jene der Männer. Wir sehen dies ja bei Frau Brigadier Germaine Seewer. Sie ist die erste Frau in diesem Rang, die exakt den gleichen Weg wie die Männer zurückgelegt hat.

Wie hoch ist eigentlich die Frauenquote im Schweizer Militär?

Sie liegt, so glaube ich, aktuell bei etwa acht Prozent.

Ist es einer Frau mit eigener Familie noch möglich, Militärdienst zu leisten?

Militärdienst ist für alle Angehörigen der Armee eine Organisationsfrage. Man fehlt zwischen drei und vier Wochen am Arbeitsplatz, und das Zivilleben ist in dieser Zeit etwas eingeschränkt. Mein Feldweibel ist zum Beispiel Mutter zweier Kinder. Es ist keine Geschlechterfrage, sondern eine Organisationssache.

Bringt der Dienst in der Armee für Sie als Frau im zivilen Berufsleben eher Vor- oder eher Nachteile?

Beides. Ein Nachteil ist sicherlich das Fehlen am Arbeitsplatz. Häufig ist dies nicht das, was sich der Arbeitgeber vorgestellt hat. Es gibt aber auch Arbeitgeber, die den Wert erkennen. Stichwort einsatzfähig, führungserfahren. Für mich als Person bringt der Dienst in der Armee definitiv nur Vorteile. Ich bin krisenresistenter, kann Sachen planen und gehe mit schwierigen Situationen viel besser um.

Wie viel Zeit beansprucht Ihr Militärdienst im Jahr?

Als Kommandant leiste ich rund sechseinhalb Wochen. Dies beinhaltet die ganze WK-Vorbereitung, Kadertage, obligatorische Weiterbildungen, den Kadervorkurs sowie den Dienst mit der Truppe.

Zurzeit lässt der Bundesrat prüfen, ob die Dienstpflicht in Zukunft auch für Frauen obligatorisch sein soll. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich wäre dafür. Ich bin der Meinung, dass es eine Bereicherung ist, wenn Frauen Dienst leisten. Ohne sie würde sehr viel Wissen verloren gehen. Zudem würde der Topf, aus dem man das Personal auslesen kann, grösser. Truppengattungen, bei denen Frauen dabei sind, funktionieren aus meiner Sicht besser. Mal abgesehen davon: Für die Gleichberechtigung wäre es normal, wenn alle dasselbe täten. Dienstpflicht für alle ist die Möglichkeit für alle, etwas für ihr Land zu leisten.

Ist denn die Möglichkeit, dass Frauen Militärdienst leisten können, ein weiterer Schritt zur Gleichberechtigung?

Durch die Möglichkeit, dass die Frauen bereits Militärdienst leisten können, ist die Gleichberechtigung teilweise umgesetzt. Es gibt noch sehr viele Bereiche, wie beispielsweise die Lohngleichheit, wo dies noch nicht so ist. Gleichberechtigung hat aber zwei Seiten. Zum einen gibt es Rechte, zum anderen sind da Pflichten. Wenn wir Frauen mit unserem Anliegen glaubwürdig sein wollen, dürfen wir nicht nur die Vorteile geniessen. Mit einer Dienstpflicht für Frauen würden wir einen Schritt in die richtige Richtung machen und positive Signale senden.

Früher wurden Frauen im Militär eher belächelt. Sind die Vorurteile mittlerweile abgebaut?

Frauen sind im Militär vielleicht aufgrund der tiefen Quote Exoten. Militärintern sind die Vorurteile sicher weitestgehend abgebaut. Ich erhalte eigentlich vor allem von Personen, welche nichts mit dem Militär zu tun haben, Reaktionen auf meine Tätigkeit im Militär. Oft sind diese aber sehr positiv.

Gab es in Ihrer Militärlaufbahn auch Situationen, in denen Sie als Frau fehlenden Respekt verspürten?

Ich hatte tatsächlich einen Militärkameraden, der ein Problem mit mir als Frau hatte. Unsere gemeinsamen – männlichen – Kameraden haben ihn aber diesbezüglich zurechtgewiesen. Für mich war dieses Erlebnis letztlich positiv, weil ich erkannt habe, dass ich mich auf meine Kameraden verlassen kann und die nötige Unterstützung auch in schwierigen Situationen erhalte.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die den Wunsch verspüren, Militärdienst zu leisten?

Sie sollen sich informieren. Es gibt sehr gute Informationsquellen der Armee, bei denen sich Frauen schlau machen können, welche Möglichkeiten das Militär bietet. Ich empfehle aber auch, nicht alles zu glauben, was man über das Militär hört. Am besten macht «frau» die Erfahrungen selber.