BAZENHEID: Reise-Ideen aus der blauen Kiste

Mit Esther Burkhalter geht im Juli eine Lehrerin in Pension, welche die Primarschule während mehr als drei Jahrzehnten mitprägte. Ihr aufgeschlossenes Wesen ist bei Gross und Klein angekommen.

Beat Lanzendorfer
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Esther Burkhalter mit ihrer geheimnisvollen blauen «Reise-Ideen-Kiste». (Bild: Beat Lanzendorfer)

Esther Burkhalter mit ihrer geheimnisvollen blauen «Reise-Ideen-Kiste». (Bild: Beat Lanzendorfer)

Beat Lanzendorfer

beat.lanzendorfer@

toggenburgmedien.ch

«Was, Sie sind schon so alt, meine Grossmutter war da schon lange gestorben», bekam Esther Burkhalter von einer Schülerin zu hören, als sie ihrer Klasse erklärte, dass sie am Ende des Schuljahres in den Ruhestand übertritt. «Bei dieser Bemerkung konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Kinder sind so herrlich ehrlich.» Einer der Gründe, weshalb sie nach über vierzig Jahren im Schuldienst davon überzeugt ist, den schönsten Beruf erlernt zu haben.

Von der Stadt aufs Land

Aufgewachsen ist Esther Burkhalter in St. Gallen. Obwohl seit vierzig Jahren mit Ehemann Fredy in Bazenheid wohnhaft, zieht es beide immer wieder in die Stadt. Nicht nur in Richtung Osten. «Unsere Kinder Annina und Tieni wohnen in Zürich. Wir besuchen sie häufig, die Grossstadt mit ihrem pulsierenden Leben, die erstaunlich viel Erholungsraum bietet, fasziniert uns gleichermassen.»

Als Lehrerin begonnen hat die heute dreifache Grossmutter nach dem «Semi» in Rorschach in Abtwil. Sechs Jahre, von 1973 bis 1979, war sie dort Teil der Unterstufe. Dabei kommt ihr eine Anekdote in den Sinn, die heute unvorstellbar wäre: «Das Zusammenleben zweier nicht verheirateter Personen war in den Siebzigerjahren gesetzlich noch verboten.» In der Stadt war das Verbot längst kein Thema mehr. «Fredy wurde beim Stellenantritt 1977 in Bazenheid aber nahegelegt, mich zu ehelichen, die ‹wilde› Ehe war hier verpönt.»

Der «richtigen» Ehe sind dann die erwähnten Annina (1980) und Tieni (1981) entsprungen. Sie waren der Grund, weshalb Esther Burkhalter das Anstellungsverhältnis in Abtwil beendete. Der Wiedereinstieg kam früher als geplant. «Auf Bitten von Hans Locher, dem langjährigen Kirchberger Schulpräsidenten, habe ich Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Bedingung war, dass ich dies wegen unserer zwei Kinder zu Hause tun darf.» Der Wunsch wurde erfüllt.

Der Wiedereinstieg «ausser Haus» kam ebenfalls früher als vorgesehen. Anfang der Achtzigerjahre kamen viele Flüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha in die Schweiz. Einige waren in einem Flüchtlingsheim in Dietfurt untergebracht. Esther Burkhalter erteilte den Erwachsenen von 1981 bis zur Auflösung des Heims 1983 Deutschunterricht. Vor ihren Anfängen an der Bazenheider Primarschule 1985 unterrichtete sie während zweier Jahre am Lütisburger Kinderdörfli. «Alle Fächer», wie sie betont, «obwohl mir Sprachen viel besser liegen als zum Beispiel die Mathematik.» Apropos Sprachen: Seit mehr als zehn Jahren treffen sich jeden Dienstagmorgen in der Stube im Hause Burkhalter sieben Freundinnen zum italienischen Sprachenkaffee. «Die Konversationsstunden verlaufen immer lustig und angeregt», bemerkt Esther Burkhalter.

Vor einem Jahrzehnt hat sie zu ihren elf Lektionen weitere fünf für die neu geschaffene Begabtenförderung übernommen und dabei ein Betätigungsfeld entdeckt, das ihr viel Spass bereitet. «Der sogenannte Forscherunterricht fordert mich und die Schüler gleichermassen. Letzthin haben sie gelernt, dass Strom nicht mit Glühlampen an der Schnur produziert wird, sondern dafür ein Stromkreis aufgebaut werden muss.» Ein spezielles Ritual von ihr war es, allen Geburtstagskindern mit einem Lollypop zum Geburtstag zu gratulieren. Dazu der Kommentar eines Mädchens: «Weisch, du bisch so ä gueti Lehrerin, will du allne Lollypops bringsch.»

Die Zeit nach dem Berufsleben

Zu entdecken gibt es auch im neuen Lebensabschnitt einiges: «Fredy und ich sind Asien-Fans. Noch in diesem Jahr geht es nach Vietnam, wo die Reise via Hanoi nach Saigon ins Mekongdelta geht. Das schenken wir uns zum 40. Hochzeitstag. Nächstes Jahr kommt Japan an die Reihe.» Esther Burkhalter, die sich selber als neugierig, unkompliziert und reiselustig charakterisiert, hält auch an Bewährtem fest. So bleibt sie Laienrichterin am Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig, gehört nach wie vor den Bazenheider «Theaterladies» an und spielt Geige beim Toggenburger Orchester. Auch der auf ihre Initiative hin entstandenen Kirchberger Familienbegleitung bleibt sie noch erhalten. «In einem Viererteam unterstützen wir rund 25 Familien – Erwachsene, Jugendliche und Kinder –, Strukturen in ihrem Alltag zu erarbeiten.»

Und dann wäre da noch die blaue Kiste. «Wenn ich beim Zeitungs- oder Magazinlesen einen Reisetipp entdecke, der mich spontan anspricht, reisse ich die ganze Seite heraus und lege sie in der blauen Kiste ab, vielleicht ergibt sich ja mal etwas», erklärt Esther Burkhalter deren Daseinsberechtigung. «Mit unserer gesunden Lebenseinstellung freuen wir uns, die kommende Zeit gemeinsam geniessen zu dürfen», schliesst die zukünftige Rentnerin das Gespräch.