Bauliche Zeugen der Stickereiblüte

Die Blüte der Stickereiindustrie veränderte Wolfertswil markant. Wer konnte, wollte finanziell am Boom partizipieren: Es wurde Raum für Stickmaschinen geschaffen. Die Geschichte prägt noch heute das Dorfbild.

Andrea Häusler
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WOLFERTSWIL. Er ist und bleibt der bestbesuchte Dorf-Feierabend-Anlass im Jahresprogramm, der Dorfrundgang mit den Wolfertswiler Dorfchronisten. Daran vermochten am Freitagabend weder die Temperaturen um 10 Grad noch die grauen Regenwolken etwas zu ändern. Wiederum waren es um die 40 Einheimische und Auswärtige, die sich beim Dorfbrunnen versammelt hatten, um sich mit der Blüte der Stickereizeit, den Stickerhäusern und Stickfabriken zu beschäftigen.

Sticklokale veränderten Ortsbild

Denn gestickt wurde ab circa 1860 in fast jedem zweiten Haus im Wolfertswiler Dorfzentrum, sagte Leo Kessler vom Kultur- und Heimatverein. «In den fünfzig oder sechzig Jahren des Stickereibooms veränderte sich das Dorf gravierend: Scheunen wurden abgerissen, Böden ge- und verkauft, Bauernhäuser erweitert, um Raum für Stickmaschinen zu gewinnen.» Nach dem Niedergang der Stickereiindustrie sei dann das Ortsbild bis in die 70er-Jahre fast unverändert geblieben. Die Weltkriege hatten das Ihre dazu beigetragen, dass schlicht kein Geld für Bauten vorhanden war.

Es sind viele Namen, die Dorfchronist Albert Egger kennt, und mindestens ebenso viele Fakten über die Geschichte der Stickerhäuser, die Handänderungen, die Umbauten. «Leider darf man nur auf Daten zurückgreifen, die älter sind als hundert Jahre», bedauerte er: «Aus Datenschutzgründen.»

Fünf Schuhmacher im Dorf

Die Gruppe hatte sich inzwischen in Richtung Käserei verschoben, verweilte vor der imposanten ehemaligen Stickfabrik von Wilhelm Dudli. Der Eigentümer sei eine wichtige Person gewesen, sagte Albert Egger. Ihm habe man es wohl auch zu verdanken, dass Wolfertswil früh an die Postautolinie und ans Telefonnetz angeschlossen war. Das Sticken hatte dem Dorf Wohlstand beschert. Fünf Schuhmacher soll es zeitweilen gegeben haben. Der letzte, der vom Stickereiboom profitierte, sagte Egger, sei der Altmetallhändler Krähenmann aus Gossau gewesen: «Er kaufte schliesslich die stillgelegten Maschinen zusammen.»