Austausch auf Augenhöhe: Clienia Klinik Littenheid beschreitet mit Seminar neue Wege

In einem Weiterbildungsseminar lernen Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung, wie sie ihre eigene Genesung nachhaltig fortführen können. Anstatt mit Therapeuten arbeiten die Teilnehmer mit Menschen, die selber eine solche Erkrankung durchgemacht haben.

Sascha Erni
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Gemeinsam auf dem Genesungsweg: Andreas Salina (vorne links) und Martin Weyer (vorne rechts) begleiten Chris, Yanis und Andy im Recovery-Seminar.

Gemeinsam auf dem Genesungsweg: Andreas Salina (vorne links) und Martin Weyer (vorne rechts) begleiten Chris, Yanis und Andy im Recovery-Seminar.

Bild: Sascha Erni

Chris*, Yanis* und Andy* sitzen in der Runde, ihnen gegenüber Andreas Salina und Martin Weyer. Was nach einer Gesprächsgruppe aussieht, wie sie in jeder Psychiatrie des Landes anzutreffen sind, ist ein neues Angebot der Klinik Clienia Littenheid. Mit dem Weiterbildungsseminar «Recovery-Wege entdecken» sollen Menschen mit Erfahrung einer psychischen Erkrankung praktische Hilfsmittel für den weiteren Lebensweg erhalten.

So soll im Anschluss an eine Therapie die Genesung mittels vorhandener persönlicher Ressourcen und vorausschauender Methoden unterstützt werden. Ende Oktober fand das letzte von sechs Modulen statt. Das Interesse am Angebot war gross; seit August haben zwölf junge Menschen, zehn davon Klienten der Klinik, unter Anleitung der beiden Peer-Mitarbeiter Andreas Salina und Mario Sonderegger an solchen Recovery-Werkzeugen gearbeitet. Martin Weyer begleitete das Pilotprojekt als Leiter Fortbildung und Entwicklung Pflege.

Hilfe von Leidensgenossen einfacher anzunehmen

Der Peer-Ansatz ist ein zentrales Element des Seminars. Statt mit Therapeutinnen arbeiten die Teilnehmer mit Menschen zusammen, die selbst eine psychische Erkrankung durchmachten. Ein Austausch auf Augenhöhe also. «Als ich in stationärer Therapie war, gab es solche Angebote noch nicht», erinnert sich Peer-Mitarbeiter Andreas Salina.

Seither habe ein Umdenken in den Kliniken stattgefunden, die Leute hätten gemerkt, dass es für einige Betroffene einfacher sein kann, Hilfe von Menschen mit ähnlichem gesundheitlichem Hintergrund statt von Fachpersonal anzunehmen. Als Peer-Mitarbeiter der Klinik Littenheid bildete er sich weiter und ist nun zusammen mit seinem Kollegen Mario Sonderegger als Trainer für Recovery-Wege zertifiziert.

Starker Praxisbezug des Seminars

Den Peer-Ansatz erlebt Chris als Vorteil. Seine Depression wurde über Jahre mit mehreren Klinikaufenthalten therapiert, grosse Fortschritte sah er persönlich aber nicht. «Ich habe zwar, symbolisch gesprochen, von den Fachleuten einen Schlüssel gegen meine Erkrankung erhalten.» Der Schlüssel, den er von einem Peer erhalte, sei jedoch grösser, besser zu fassen.

«Es wird die Sprache gesprochen, die tief in mir drin ist. Das hat eine ganz andere Wirkung.»

Am Peer-begleiteten Seminaransatz schätzt Yanis den extremen Praxisbezug. Denn nur zu wissen, wo das Problem liegt, reiche nicht. An den Seminartagen erarbeiten die Klienten zusammen mit den Peers praktische Ansätze, die wirken sollen, bevor weitere klinische Interventionen nötig werden. «Ich hatte es satt, in der Vergangenheit zu wühlen und wollte endlich mal nach vorn schauen, lernen, wie ich damit umgehen kann», fasst es Andy zusammen.

Die in der Gruppe erarbeiteten Werkzeuge sind mannigfaltig, reichen von traditionellen psychologischen Konzepten bis zu Methoden aus der Management-Lehre.

Recovery-Seminar soll sich etablieren

Nun ist das erste Recovery-Seminar Geschichte, die zwei Peers und Martin Weyer zeigen sich äusserst zufrieden. Die nächsten Monate wird der Genesungsverlauf der zwölf Teilnehmer weiter beobachtet und begleitet. Weyer erklärt: «Es ist wichtig, dass das Angebot genügend Interessenten findet, dass es kostenneutral durchgeführt werden kann und, natürlich, dass es auch wirksam ist.» Die ersten zwei Punkte hätten sich schon vor der Durchführung erfüllt, und für den dritten sehe es zurzeit sehr gut aus.

Damit steht einer Weiterführung des Angebots nichts im Wege? Martin Weyer nickt. «Es ist uns ein Anliegen, das Recovery-Seminar als Brücken- und Folgeangebot zu etablieren.» Nicht als Ersatz für eine klassische Therapie, sondern als Nachpflege also. In welcher Form das genau geschehen soll, sei aber noch offen.

* Namen der Redaktion bekannt.