AUSNAHMEZUSTAND: Mit dem rutschenden Hang leben

Nach dem grossen «Schlipf» von Anfang März ist nichts mehr wie vorher. Zwar geht das Leben im Gebiet Rumpf weiter, weil man sich arrangiert. Doch es ist beschwerlich und entbehrungsreich. Betroffen sind auch die Wirtsleute der «Chrüzegg».

Patricia Wichser
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Edy Suters Alltag hat sich durch den Rutsch massgeblich verändert. (Bilder: Patricia Wichser)

Edy Suters Alltag hat sich durch den Rutsch massgeblich verändert. (Bilder: Patricia Wichser)

Patricia Wichser

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Der Rutsch im Rumpf veränderte das Leben der Bewohner im westlichen Gemeindezipfel Wattwils. «Heute morgen musste ich einen Müllsack zum Unterflurbehälter bringen», erzählt Edy Suter. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Wüsste man nicht, dass Edy Suters Haus seit dem Erdrutsch von vorletzter Woche von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Seither parkiert er sein Auto vor der Strassensperre ab. Steigt 40 Meter hoch, 60 Meter über die Schadenstelle und 40 Meter wieder hinunter zu seinem Haus. An diesem Morgen eben mit Müllsack.

Frühmorgens um 5 Uhr, wenn Edy Suter zur Arbeit geht, verlässt er das Haus mit Wanderstöcken und Stirnlampe. «Letzte Woche lag Neuschnee, da musste ich besonders aufpassen, wo die Spalten sind», blickt er zurück. An einem normalen Arbeitstag legte er die 60 Meter der nun abgerutschten Strasse mit dem Auto in Sekunden zurück, nun plant er jeden Tag 15 Minuten dazu. An Besuch ist nicht zu denken. Die Sicherheit geht vor. Und auch das Motorrad hätte der leidenschaftliche Rider schon längst hervorgenommen, bei dem herrlichen Frühlingswetter.

Keine Nervosität: «Es ist so, wie es ist»

Doch jammern mögen die Bewohner des betroffenen Gebietes nicht. Es hätte noch schlimmer kommen können, so bleibt es Glück im Unglück. Edy Suters Lebenspartnerin durchfuhr die Strecke, kurz bevor das Bord zu rutschen begann. Sie bemerkte die Wellen in der Strasse. An diesem Morgen, als der Hang kam, blieben die Vögel im Wald still und die Katzen im Haus verhielten sich untypisch. Der wasserdurchtränkte Hang ist unruhig und immer noch in Bewegung. «Jedes Mal, wenn ich oben durchlaufe, sieht es anders aus», beobachtet der Toggenburger. «So etwas gab es noch nie im Rumpf», erklärt auch Landwirt Sepp Good. Ihm gehört das betroffene Pachtland. Er betrachtet die landwirtschaftliche Seite. Mitte April geht es normalerweise los. Da brechen die Landwirte auf, um den ersten Mist zu führen, auf der Alp heisst es «hage», «wägä» und einrichten. «Am 1. Mai gehen die Tiere z’Alp im Schwämmli», weiss Sepp Good. Aber auch die anderen umliegenden Alpen Egg-li, Tweralp, Kreuzegg und Stöcken sind auf die Rumpfstrasse angewiesen. Auf die Frage, ob die Landwirte langsam nervös werden, antwortet er: «Nein, es ist so, wie es ist.» Es ist mehr das Ungewisse, das die Leute beschäftigt. Wie lange wird der Hang noch in Bewegung sein? Wann können die ersten baulichen Schritte gemacht werden? Fragen, die derzeit niemand beantworten kann. Dafür wird eifrig diskutiert. Viele Schaulustige besichtigten den «Schlipf», es hat sich ein kleiner Besichtigungstourismus gebildet. «Aber das ist normal», wiegelt Sepp Good ab.

Material für das Bergrestaurant Chrüzegg

Weit weg von der Normalität ist auch Röbi Manser, Wirt des Bergrestaurants Chrüzegg. Normalerweise beginnt jetzt die Zeit, in der sich die Wirtefamilie auf die Saisoneröffnung vorbereitet und die Vorräte aufstockt für den bevorstehenden Gästeansturm. Dies geschieht über die Rumpfstrasse. Derzeit führen sie das Material zu Fuss oberhalb des Rutsches durch und verladen es bei Edy Suters Haus auf einen Traktor. Die Zufahrt ist mit einem Traktor oder einem Transporter auch von der Libiger Seite her möglich. «Der Hang liegt schattig, es hat noch Schnee und so ist das zurzeit nicht machbar», erklärt Röbi Manser. Der grösste Anteil der Gäste kommt von der Zürcher Seite. «Viele, die am Wochenende hier waren, wussten gar nichts von diesem Erdrutsch», erzählte Röbi Manser. Die grosse Frage, welche die Wirtefamilie beschäftigt, ist der Pfingsttanz. Er ist für die Chrüzegg ein wichtiger Anlass und zugleich Saisoneröffnung. «Wir hoffen, dass sich bald eine provisorische Lösung ergibt», erklärt Röbi Manser.