Augenzeuge berichtet aus der Schlacht

Heute sind es genau 500 Jahre her seit der Niederlage der Eidgenossen in Marignano. Im Jahr nach der Schlacht musste sich der Bazenheider Hans Germann am Hof vor dem Wiler Gericht verantworten, weil er am zweiten Kampftag das Fähnlein verloren hatte.

Franz Germann *
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WIL. Unter den Eidgenossen, die vor 500 Jahren in die Schlacht nach Marignano zogen, befand sich auch ein Kontingent der Abtei St. Gallen als zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Es bestand aus Truppen aus dem Fürstenland und dem Toggenburg. Das Fähnlein der Toggenburger Abteilung trug Hans Germann am Hof aus Bazenheid.

«Zerteilt und zertrent»

Da er das Fähnlein am Morgen des 14. Septembers, des zweiten Kampftages, schmählicherweise verloren hatte, musste er sich im Jahr darauf in Wil für sein Verhalten in der Schlacht vor Gericht verantworten. Zu seiner Verteidigung trat sein Kampfgefährte Hainrich Grübler auf. Dank dessen Aussagen enthält das im Stadtarchiv von Wil aufbewahrte Gerichtsprotokoll einen Augenzeugenbericht aus der Schlacht von Marignano. Grübler berichtet, «er sy by andern in der ordnung gestanden und am frytag am morgen keme Hanss am Hoff uss siner ordnung zu ihnen und redt: <Lieben gesellen, haltent üch zesamen, dan ir wüssend nit, was noch vorhanden ist.> Und indem si ordnung machtent, so schüssend die feind. Do redt Hanns am Hoff: <Es gadt nit recht zu, ich wil gon und min fähnli nemen im selben schüssen und im rouch.> Do lauffent si am Graben, do käment Riter under si und si wurdent also zerteilt und zertrent, das er Hansen am Hoff nümen sehen möchti.»

Unorganisierte Einzelgruppen

Schon diese erste Aussage enthält die bekannten Ursachen der Niederlage: Die fehlende Ordnung bei den Eidgenossen infolge der Führungsschwäche und der unklaren Befehlsstruktur, die Überlegenheit der Franzosen dank starker Artillerie und beweglicher Reitertruppen. Auf dem durch Wasserläufe durchzogenen Gefechtsfeld waren die Eidgenossen in unorganisierte Einzelgruppen auseinandergerissen worden.

«Es ist mir übel gangen»

Schliesslich findet Grübler seinen Kameraden wieder: «Und nachdem si übern Graben käment, do käme Hanss am Hoff, hielt den rücken do hinden mit beiden händ und war beschissen wie ein sau im kot und gesalbet. Do sprach ihm Hainrich Grübler zu und redte: <Hanss, wie ist es gangen?> Do sprach Hanss am Hoff: <Es ist mir übel gangen, ich bin nider geritten und geschlagen worden, das ich nit eines pfennigs wertt bin, und bin ums fähnli komen.>»

Mit Eidgenossen zurückgezogen

Den beiden bleibt nichts anderes übrig als der Rückzug mit den andern Eidgenossen von Marignano: «Auch als man am letsten abzüge, so sig Hanss am Hoff mit ihm widder gen Maijland in die Stadt zogen und als si schier gen Maijland käment, da zog das fähnli Appenzell und Glarus und andere fähnli gegen sie uss der Stadt entgegen.»

Rückzug wirft Fragen auf

Auch diese Aussage gibt Anlass zu Fragen über den legendären Rückzug: Waren die den Toggenburgern aus Mailand entgegenkommenden Eidgenossen am Vortag gar nicht in die Schlacht gezogen oder hatten sie sich schon nach dem ersten Kampftag aus dem Gefecht abgesetzt und wollten jetzt den Abzug der andern schützen? Bekannt ist, dass der teilweise gelungene Rückzug in erster Linie dem Befehl des französischen Königs zu verdanken war, die Eidgenossen nicht zu verfolgen, mit denen er schon bald nach Marignano für ein neues Soldbündnis wieder ins Geschäft kommen wollte.

Vom Gericht freigesprochen

Kein Zweifel blieb dem Wiler Gericht gegenüber Hans Germann am Hof, als der Augenzeuge dessen Verhalten zusammenfasste: «Und si ihm zu wüssen, das sich Hanss am Hoff an der Schlacht hette gehalten als ein fromm biderman. Denn hette sich jederman gehalten als er, es were nie so übel gangen.»

* Der Autor ist gebürtiger Toggenburger und entstammt der Linie Germann Käufi, einer Linie neben Germann am Hof. Ob die beiden Linien früher eins waren und sich später teilten, ist unklar. Der promovierte Historiker lebt in Urdorf. In seinem Text bezieht er sich auf Dokumente aus dem Stadtarchiv Wil, Mappe 1, Urkunde 163. Die Schreibweise wurde zum besseren Verständnis teilweise angepasst.