Aufstieg und Fall einer Industrie

Historisches Flawil (3) – Ab 1860 entstanden in Flawil überall Stickfabriken. 1905 arbeitete über Dreiviertel der Arbeiter im Dorf in der Textilindustrie. Diese glanzvollen Jahre endeten abrupt mit dem Ersten Weltkrieg.

Vivien Steiger
Drucken
Teilen

FLAWIL. Die Region St. Gallen war einst eine der weltweit wichtigsten und grössten Herstellungs- und Exportgebiete von Stickereiprodukten. Die Entwicklung der Ostschweizer Textilindustrie lässt sich grob in drei Phasen unterteilen: Das Leinwandgewerbe blühte seit dem frühesten Mittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Abgelöst wurde das Leinen durch die Produktion von Baumwollgeweben. Die Baumwollindustrie wurde schliesslich um 1850 mit der Erfindung der Handstickmaschine durch die Stickerei abgelöst.

Die Krisenjahre

Der Siegeszug der Stickereien erfasste ab 1860 auch Flawil. Überall entstanden Stickfabriken: Im Feld, an der Degersheimer- und Bahnhofstrasse, in Alterschwil, Langenentschwil, aber auch in privaten Haushalten wurde eifrig gestrickt. 1872 zählte man in Flawil 300 Handstickmaschinen. Die Stickerei ergänzte anfänglich die Tätigkeiten in kleinbäuerlichen Betrieben, verdrängte diese aber schliesslich. 1905 arbeiteten 77 Prozent der Flawiler Industriearbeiter in der Textilindustrie. Nebst den typischen Stickerhäusern mit dem Sticklokal im Erdgeschoss entstanden vornehme Fabrikantenhäuser und Geschäftshäuser. Es war eine glanzvolle Zeit, die dem Dorf eine noch nie erlebte Bautätigkeit bescherte.

Diese glanzvolle Epoche endete abrupt mit dem Ersten Weltkrieg. Mit dessen Beginn fiel die Nachfrage nach dem Luxusgut sprunghaft zurück. Dadurch wurden sehr viele Beschäftigte arbeitslos, was zur grössten Wirtschaftskrise der Region führte. Auch Flawil spürte die Krisenjahre. Hatte der Dorfchronist 1919 noch einen befriedigenden Geschäftsgang der Stickerei notiert, so sprach er schon im folgenden Jahr von schweren Zukunftssorgen. 1921 hielt er erstmals Monat für Monat Arbeitslosenzahlen fest, regelmässig 350 bis 375 Personen – der grösste Teil aus der Textilbranche. Die Stickereiindustrie raffte sich aber wieder auf und spielte weiterhin eine wichtige Rolle im Dorf Flawil.

Das endgültige Aus

Schleichend nahm allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg die Bedeutung der Textilindustrie ab, bis das endgültige Aus in den 1990er-Jahren kam. Die Textil- und Stickereifirmen verlegten teilweise ihre Standorte oder mussten schliessen. So auch die Stickereifirmen A. Naef Nüesch AG, die Firma Hubatka AG, Färberei, Bleicherei, Druckerei und die Habis Textil AG.

Letztere ist auch heute noch in der Textilbranche tätig. Die zwei wichtigsten Produktionsbereiche sind allgemeiner Metallbau und Maschinenunterhalt in Textilunternehmen. Diese wurden in den letzten Jahren immer weiter ausgebaut. Edelstahltische und -stühle in verschiedenen Varianten gehören heute zum festen Programm. Im Textilbereich werden hauptsächlich Kleiderständer hergestellt.

Pariser Haute Couture

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Textilindustrie der Ostschweiz – gemessen an ihrer früheren Grösse – nur noch geringe Bedeutung. Heute hat sich die Stickereiindustrie wieder einigermassen erholt, die ehemalige Grösse hat sie jedoch nie mehr erreicht. Dennoch gelten die St. Galler Spitzen noch immer als beliebtes Ausgangsmaterial für teure Kreationen der Pariser Haute Couture. Die St. Galler Stickerei gilt nach wie vor als wegweisend für die Stickerei weltweit.

Die schnelllebige Modewelt

Der Hauptgrund der Stickereikrise war ein tiefgreifender und bleibender Wechsel der Damenmode. Im Krieg hatten sich die Frauen in vielen bisher Männern vorbehaltenen Tätigkeiten bewährt und dabei ein neues Lebensgefühl und Selbstbewusstsein entwickelt. Bestickte Blusen und weite, knöchellange Röcke wichen sachlichen Gewändern, und an Stelle der Spitzenunterwäsche traten Trikotstoffe. Ausserdem brauchte man in den vom Krieg betroffenen Ländern das knappe Geld für Dringenderes als Stickereien.

Weitere Gründe waren die Globalisierung, Billigprodukte drängten aus Asien auf den Schweizer Markt, die immer schnelllebigere Modewelt mit vier bis sechs Kollektionen pro Jahr und verschärfte Umweltvorschriften. In den Krisenjahren verschrotteten selbständige Stricker und Firmen ihre Maschinen oder verkauften sie ins Ausland. Von 1923 bis 1943 wurden 6700 Handstickmaschinen verschrottet. Der Bund bezahlte den Handstickern eine Abfindung von 250 Franken pro Maschine. Die Folgen waren, dass viele Stickereifirmen schliessen und ihr Personal entlassen mussten. Die Arbeitslosigkeit wuchs, viele wanderten aus der Ostschweiz ab in weniger betroffene Landesgegenden oder ins Ausland. Das Handsticken als Beruf starb nahezu aus.

Jungunternehmerförderung

Flawil verlor innerhalb eines Jahrzehnts rund 700 Arbeitsplätze. Dies entspricht rund einem Fünftel. Als eine Wirtschaftsförderungsmassnahme wurde im Oktober 2000 ein Gründerzentrum für Jungunternehmer ins Leben gerufen, das Technologie- und Dienstleistungszentrum (Tedi-Zentrum). Es entwickelte sich rasch und ist heute für die Jungunternehmerförderung für das Toggenburg und das Fürstenland mit Zentren in Flawil, Wil und Wattwil zuständig.

Mit dieser Serie blickt die Wiler Zeitung in loser Folge in die Geschichte Flawils zurück und nimmt Bezug auf aktuelle Flawiler Themen. Grundlage ist das Buch «Flawil – eine Zeitreise».