Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Auflösung, Überalterung, Desinteresse: Die Kirchenchöre drohen zu verstummen

Die Situation um die Kirchenchöre in der Region ist prekär. Drei Musikexperten aus Wil und Umgebung schätzen die Lage ein.
Nicola Ryser
Gibt es noch ein «Halleluja»? Zurzeit haben einige Kirchenchöre der Region mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. Bild: Reto Martin

Gibt es noch ein «Halleluja»? Zurzeit haben einige Kirchenchöre der Region mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. Bild: Reto Martin

Zu Beginn des Jahres traf es den Cäcilia-Kirchenchor Niederuzwil. Noch 19 Mitglieder zählend, löste er sich nach 85 Jahren auf. Die übrig gebliebenen Sängerinnen und Sänger schlossen sich dem kürzlich ins Leben gerufenen Chorkreis Uzwil an. Es ist nur einer von mehreren Fällen, der sich in jüngster Vergangenheit ereignet hat. Den Kirchenchören fehlen die Mitglieder – und sie drohen zu verstummen. Da kommt die Frage auf: Können sie überhaupt noch gerettet werden? Drei Musikexperten aus der Region analysieren die Situation.

Kurt Pius Koller ist seit vier Jahrzehnten als Musikpädagoge tätig und seit über 30 Jahren Dirigent des St. Nikolaus Chors in Wil. Zudem dirigiert er das Sinfonische Orchester Wil, das Musiktheater Wil sowie das Openair Classic. Eine Koryphäe sozusagen. Doch die Koryphäe ist beunruhigt. «Allgemein fällt auf, dass weniger Leute in die Kirche gehen», sagt Koller. Zwar habe man bereits vor dreissig Jahren den Untergang der Katholischen Kirche prophezeit und doch existiere sie immer noch. Trotzdem: «Die Leute distanzieren sich vermehrt. Und darunter leiden die Kirchenvereine wie die Chöre.»

Schlechtes Image durch mangelnde Kommunikation

Koller sieht mehrere Gründe für die Krise: «Primär wäre da die Überalterung. Es kommt kein Nachwuchs zu uns.» Dem Kirchenchor schliessen sich die Leute erst mit 40 und älter an. Ein Problem, mit dem jedoch auch andere Vereine – Koller nennt Schützen- und Sportvereine – hadern. «Die Jungen haben mehr Zeit und Möglichkeiten, sind schneller an verschiedenen Orten auf der Welt. Wie will man sie da längerfristig binden?» In der St. Nikolaus Kirche versuche man, über die Musik die Jugend zu mobilisieren: «Wir führen die Singbox oder Jugendbands, um die Jungen vielleicht so für den Chor zu begeistern.»

Was Koller jedoch stärker beschäftigt, ist das Image der Katholischen Kirche. Dieses verschlechtert sich zunehmend und färbt auf die Chöre ab: «Dauernd wird über Misshandlungen berichtet, die Kritik an der Kirche ist laut. Und auch im neuen Zwingli-Film steht sie in keinem guten Licht da.» Koller fügt an, dass die Kirche auch nichts dagegen unternimmt.

«Es braucht mehr Konfrontation. Weder heikle Themen aus der Vergangenheit wie die Hexenverbrennung noch aktuelle wie die Misshandlungen werden offen dargelegt oder aufgeklärt.»

Dies sei vor allem deswegen schade, weil die offizielle Kirche eigentlich enorm viel Hilfe auf sozialer Ebene leiste, was jedoch ebenfalls zu wenig kommuniziert werde.

Trotz aller Probleme und Kritik: Dem Kirchenchor St. Niklaus geht es aktuell gut. «Es fehlen uns zwar ein paar Männerstimmen, doch mit unseren 55 Sängerinnen und Sänger sind wir gut aufgestellt», sagt Kurt Pius Koller. «Doch die Überalterung wird auch bei uns Fuss fassen.» Dementsprechend gestalte sich die Zukunft unsicher. Koller befürchtet, dass es mit dem Chor zu Ende gehen werde. «Die Auflösung wäre ein substanzieller Verlust für die Kirche. Ohne die Musik würde sie verarmen.»

Projektchor als Lösungsansatz

Stephan Giger, der in der evangelischen Kirchengemeinde unter anderem die Kirchen- und Gospelchöre leitet, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Koller. Auch der ausgebildete Organist, Pianist und Kantor nimmt eine steigende Überalterung in den Chören wahr, betont aber gleichzeitig: «Vor zehn Jahren hat alles noch pessimistischer ausgesehen. Da fehlte uns der Nachwuchs komplett, die guten Stimmen wurden älter und weniger leistungsfähig.» Heute gebe es wenigstens einige über 50, die den Weg wieder in die Kirche finden. «Wir bekommen Mitglieder, die früher bereits Berührungspunkte in der Musik oder Kirche hatten.»

Generell sei jedoch eine grössere Fluktuation entstanden, erklärt Giger. Die Leute blieben nicht mehr über Jahrzehnte hinweg dem Chor erhalten. «Alles ist schnelllebiger, man verändert sich, will nicht mehr zu stark an etwas gebunden sein.» Bei den Jungen, dem schwierigsten Klientel für klassische Musik, ist dies am stärksten zu spüren.

Deshalb hat man einen Projektchor eingeführt, den Giger auch leitet. Sechs- bis siebenmal kommt man dort zusammen, probt und tritt dann an einem Gottesdienst auf. Der Vorteil: weniger Verbindlichkeit. Eine befriedigende Lösung, wie Giger findet: «Wir bekommen viele gute Sänger, weil alles kurzfristiger geplant werden kann. Zudem gibt es viele, die nach dem ersten Mal wieder kommen. So entsteht eine Kontinuität.»

Doch Stephan Giger will sich keine Illusionen machen. Er sieht der Zukunft zwar leicht optimistisch entgegen, sagt aber: «Die Jungen zu begeistern, ist sehr schwierig. In unserem Chor ist niemand unter 40 Jahren.» Auch sei die Zahl der Kirchenbesucher rückläufig. Dort hofft Giger jedoch auf eine Trendwende:

«Es mag zwar zynisch klingen, aber ich habe gehört, dass viele Menschen den Weg zur Spiritualität finden, wenn sich die Weltpolitik zu ihren Ungunsten verändert.»

So könnte auch die Kirche wieder zum Thema werden. «Aber das ist nur ein Gedanke.»

Schule soll Bezug zu klassischen Chormusik schaffen

Werner Baumgartner sieht in der Krise wenige Hoffnungsschimmer: «Einige Chöre in dörflichen Pfarreien haben sich gut behauptet. Ganz sicher trägt dort ein gutes Vereinsleben zur Existenz bei. Dies ist aber nicht überall der Fall.» Auch der Komponist und ehemalige Kirchenmusiker weiss um die Überalterung, den Imageverlust sowie das wachsende Desinteresse Bescheid. Er fügt jedoch noch weitere Gründe für den Mitgliederschwund hinzu:

«Fehlende Attraktivität als Verein, unmotivierte Proben, uninteressante Werke oder die mangelnde Bereitschaft, an Feiertagen gebunden zu sein: Die Liste ist lang.»

Folglich sei es essenziell, dass die Dirgenten der Chöre ein vielseitiges Programm gestalten. So würde es auch wieder mehr Mitglieder geben. Baumgartner nennt als Paradebeispiel den St. Nikolaus Chor: «Mit anspruchsvollen Werken oder ihrem Mitwirken beim Classic Openair haben sie ein abwechslungsreiches Programm.»

Doch auch die Schule stehe in der Pflicht. «Die klassische Chormusik wird dort kaum mehr gepflegt. Lehrer scheuen sich, klassische Chormusik mit den Schülern zu studieren, da dies als ‹uncool› gilt», erklärt Baumgartner. Schaffe man es allerdings, sie an die Chormusik heranzuführen, «was anfänglich sicher etwas Mühe bereiten kann», würde dies die Begeisterung und das Verständnis dafür steigern.

Davon ist Baumgartner überzeugt, spricht er doch aus Erfahrung. So habe er bereits mit der Sekundarschule Oberuzwil Schubert aufgeführt. Darum seine Devise :

«Wenn sich wirklich alle um die Pflege anspruchsvoller Kirchenmusik und das Bestehen der Chöre bemühen, wird es immer Leute geben, die sich fürs Singen im Kirchenchor einsetzen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.