Aufbau
In wenigen Stunden steht das Zelt: Der Circus Knie trotzt in Wil Regen und sprachlichen Barrieren, das freut die örtliche Raiffeisenbank

Der Schweizer Nationalzirkus macht von Samstag bis Montag Halt auf dem Parkplatz Allmend. Für den Aufbau des Zeltes brauchen die rund 80 Arbeiter nur ein paar Stunden.

Renato Schatz
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Dunkle Wolken über Wil und dem Gerüst des Zeltes. Der Aufbau klappt trotzdem reibungslos.

Dunkle Wolken über Wil und dem Gerüst des Zeltes. Der Aufbau klappt trotzdem reibungslos.

Bild: Benjamin Manser

Es herrscht ein fast babylonisches Sprachengemisch an diesem Freitagmorgen an der Glärnischstrasse in Wil. Rund 80 Männer aus allen Herren Länder tragen zusammengefaltete Zeltplanen oder metallene Säulen umher. Sie bauen aber keinen Turm, sondern ein Zelt auf. Jenes des Circus Knie, der in Wil zwischen Samstag und Montag insgesamt sechs Vorstellungen anbietet.

Frühere Generalversammlungen im Rahmen der Vorstellung

Drei davon, jene am Samstagabend, sowie die beiden am Sonntag, werden jedoch exklusiv für die gut zwölftausend Genossenschafterinnen und Genossenschafter der örtlichen Raiffeisenbank durchgeführt. «Wir haben diese Tradition seit 15 Jahren», sagt Christian Stieger, Leiter Services bei der Wiler Raiffeisenbank, die in Zeiten ohne Corona ihre Generalversammlungen im Rahmen der Knie-Vorstellungen abhält. Entsprechend war das 2020, 2021 und auch in diesem Jahr nicht möglich, sie fand schriftlich statt. Also keine GV, in diesem Jahr aber wieder Zirkus.

Fredy Knie im Jahr 2015. Inzwischen ist er 75-jährig. Und bekleidet kein offizielles Amt mehr im Zirkus.

Fredy Knie im Jahr 2015. Inzwischen ist er 75-jährig. Und bekleidet kein offizielles Amt mehr im Zirkus.

Bild: Sandra Ardizzone

Dessen Zelt wird seit halb acht am Morgen aufgebaut. Es geht schnell vorwärts, die Handgriffe sitzen. Viele der Arbeiter sind seit Jahren dabei. Es sind Italiener und Polen, Rumänen und Marokkaner. Wobei es bei den Marokkanern so ist: Geht der Vater in Pension, übernimmt häufig der Sohn seinen Job beim Aufbau des Zeltes.

Ein bisschen wie bei der Familie Knie, die den Zirkus 1919 gründete und noch immer führt. Gegenwärtig steht Géraldine Knie dem Zirkus vor. Sie entwirft das Programm. In diesem ist auch Sohn Maycol Junior, vier Jahre alt, die achte Knie-Generation, vertreten. Am 18. März, beim Tourauftakt in Rapperswil, gab er sein Début in der Manege. Beigebracht hat ihm die Nummer mit einem Pony der Grossvater, Fredy Knie, der den Zirkus einst selbst leitete.

Vierjährig und schon bühnenerprobt: Maycol Knie Junior Mitte März in Rapperswil, wo die Tour begann.

Vierjährig und schon bühnenerprobt: Maycol Knie Junior Mitte März in Rapperswil, wo die Tour begann.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Ukrainische und russische Artisten, das geht

Unter den Zirkusleuten versteht man sich, über Sprachen und Generationen hinweg. Und auch über Grenzen: Von den 37 Artistinnen und Artisten kommen einige auch aus Russland und der Ukraine. Tamara Kury, verantwortlich für die Medienarbeit, sagt, sie verständen sich gut. Und weiter:

«Sie kennen sich nämlich schon lange.»

Im Laufe der zweieinhalbstündigen Vorstellung kommen neben den Artisten auch andere Protagonisten zum Einsatz: Sänger Bastian Baker etwa, das Comedy-Duo Ursus und Nadeschkin ebenfalls. Auch gibt es einen Quadbikefahrer, der einen Backflip vorführt. «Nur zwei Quadbikefahrer auf der Welt können das», sagt Kury, die durch den verregneten Parkplatz Allmend navigiert, wo nun ein temporäres, gewissermassen babylonisches Dorf entsteht. Die Einwohnerzahl: rund 140. Abgesehen von den 80 Bauarbeitern sind das auch Künstlerinnen und Künstler sowie Schreiner, Schneidermeister oder Sattler. Zudem reisen 50 Tiere mit. Als Teil der Vorstellung.

295 Shows an 23 verschiedenen Orten

«Ancora, ancora!», ruft einer dieser Dorfbewohner, weil jemand gerade einen der über einhundert Wagen parkiert. Darin: Alles, was es zum Leben braucht. «Es gibt auch einen Wagen, in dem wir waschen können», sagt Kury. Sie hat, wie viele andere auch, einen eigenen Wagen zum Schlafen. Man ist schliesslich viel unterwegs. Bis zum 31. Dezember stehen 295 Shows an 23 verschiedenen Orten auf dem Programm. Nun also Wil und dreimal für die Raiffeisenbank. Weshalb eigentlich? Stieger sagt:

«Der Zirkus Knie fragt uns jeweils ein Jahr im Voraus an, ob wir weiterhin Interesse hätten, die Generalversammlung in der Manege abzuhalten. Wir haben bereits Gespräche geführt für das nächste Jahr. Und hoffen, unsere GV dann wieder in der Manege durchführen zu können.»
Es ist kalt und die Plane schwer. Trotzdem geht es ruckzuck, bis das Zelt steht.

Es ist kalt und die Plane schwer. Trotzdem geht es ruckzuck, bis das Zelt steht.

Bild: Benjamin Manser

Im laufenden Jahr dürften von den gut zwölftausend Mitgliedern der Bank in Wil etwa die Hälfte eine der drei Exklusivvorstellungen besuchen. Denn gut zweitausend Menschen passen ins Zelt, das nun langsam Gestalt annimmt.

Im Gegensatz zur biblischen Geschichte, in der das ambitionierte Bauprojekt scheitert, weil alle Bauarbeiter auf einmal eine andere Sprache sprechen, wird das Zelt des Zirkus Knie fertiggestellt. Und wie: Um zehn Uhr schon thronen die vier roten Spitzen des Zelts auf 15 Metern Höhe. Den unterschiedlichen Sprachen zum Trotz.