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Einsam im Führerstand: Marcel Trottmann, Lokführer der Frauenfeld-Wil-Bahn, ist hochkonzentriert bei seiner täglichen Arbeit. (Bilder: Mareycke Frehner)

Einsam im Führerstand: Marcel Trottmann, Lokführer der Frauenfeld-Wil-Bahn, ist hochkonzentriert bei seiner täglichen Arbeit. (Bilder: Mareycke Frehner)

Auf Schienen durch die Zeit – Eine Reportage aus dem Führerstand der Frauenfeld-Wil-Bahn

Sein Anspruch ist die Pünktlichkeit: Marcel Trottmann ist Lokführer der Frauenfeld-Wil-Bahn. Seine Arbeit ist geprägt von Konzentration trotz Routine. Er fährt in stetiger Erwartung des Unerwarteten.
David Grob


5.50 Uhr, Dienstbeginn. Marcel Trottmann, glattgeschoren und kahlrasiert, ein dicker metallener Ohrring im linken Ohrläppchen, warmer, wacher Blick, verlässt das Depot, betritt die Zugkomposition in Rot-Weiss und setzt sich in den Führerstand. Seine Arbeit ist Voraussetzung dafür, dass andere pünktlich mit ihrer Arbeit beginnen können. Er ist Lokführer der Frauenfeld-Wil-Bahn.

Der 33-Jährige drückt auf einen gelb leuchtenden Knopf, zieht mit der linken Hand den Bremshebel zum Körper, eine Lampe erleuchtet grün – Bremstest bestanden. Diesen Ablauf wird Trottmann an diesem Arbeitstag nach jedem Wechsel des Führerstandes wiederholen. Er zieht das Mikrofon zum Mund. «42/11.» Die Betriebszentrale stellt die Weichen so, dass das Fahrzeug 7005 vom Abstellgleis 42 aufs Gleis 11 gelangt.

Vereinzelte Gestalten warten auf dem Perron, die Blicke gesenkt, die müden Gesichter blauweiss beleuchtet. Trottmann verlässt den Führerstand, schreitet durch den Zug in den anderen Führerstand. Bremstest. Ein kurzer Kontrollblick in den Rückspiegel rechts.

Hochkonzentriert bei der Arbeit: Marcel Trottmann, Lokführer der Frauenfeld-Wil-Bahn, im Führerstand. (Bilder: Mareycke Frehner)
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Einblicke in den Führerstand der Frauenfeld-Wil-Bahn

Sanftes Beschleunigen und Abbremsen mit Rechts

6.11 Uhr, grünes Licht, Abfahrt. Marcel Trottmann drückt den schwarzen Hebel sanft nach vorne, langsam gleiten die 64 Tonnen in Richtung Fluchtpunkt. Blass beleuchtet der Vollmond die Schienen. Immer sind Trottmanns Hände an zwei Hebeln. Mit Rechts kontrolliert er die Geschwindigkeit: Drückt er nach vorne, so beschleunigt der Zug, zieht er den Hebel zu sich, so bremst der Motor. Mit dem silbernen Knopf an der Spitze aktiviert er den Tempomat. Seine rechte Hand bewegt den Hebel permanent. Leicht nach vorne, ein leichtes Beschleunigen. Ein sanftes Zurückziehen, ein kaum merkliches Tempodrosseln. Trottmann sagt:

«Es geht darum, den Gästen ein möglichst sanftes Fahrgefühl zu geben.»

Immer ist seine linke Hand direkt neben einem schwarzen Hebel, der pneumatische Bremse. Diese erzielt eine stärkere Wirkung als die Motorbremse. «Es ist Vorschrift, dass wir stets bremsbereit sind.» Jederzeit könnte etwas passieren.

Beschleunigen und abbremsen: Mit der rechten Hand bestimmt Marcel Trottmann das Tempo.

Beschleunigen und abbremsen: Mit der rechten Hand bestimmt Marcel Trottmann das Tempo.

Den Fahrplan stets im Blick

Die ersten Fahrten zur morgendlichen Stosszeit sind ein Wettlauf gegen die Zeit. Trottmann wirft stets einen Blick zur rechten Seite und vergleicht die grünen Ziffern der Digitaluhr mit den Abfahrzeiten der einzelnen Haltestellen. Diese kennt Trottmann auswendig. Zudem stehen die Zeiten auch auf dem Display eines Tablets.

«Morgens und abends müssen wir die Höchstgeschwindigkeit voll ausreizen, um den Fahrplan einhalten zu können.»

Der rechte Hebel zittert nach vorne und hinten, Beschleunigen und Abbremsen.

Einfahrt Münchwilen, Abbremsen, Stopp, müde Gesichter links, Kontrollblick in den Rückspiegel, grünes Licht, beschleunigen. Zwei gelbe Lichter mit aufgedrucktem «H» leuchten auf, ein hohes Piepsen ertönt: das Zeichen, dass Fahrgäste im Zug einen Halt verlangen. Einfahrt Rosental, Abbremsen Stopp, müde Gesichter links, Kontrollblick, grünes Licht, beschleunigen.

Trottmann kennt die Streckte auswendig, kennt die stets wechselnden erlaubten Geschwindigkeiten. Jede seiner Aktionen wird in einer Black-Box aufgezeichnet und kontrolliert. Sollte ein Lokführer zu schnell unterwegs sein, würde die computerisierte Überwachung eingreifen und die Fahrt stoppen. Trottmann blickt auf die grünen Ziffern der Digitaluhr. Ein leichter Rückstand auf den Fahrplan. Zitternde Bewegungen mit Rechts, Beschleunigen und Abbremsen. Wängi. Jakobstal. Matzingen.

In Frauenfeld wird der Zug zum Tram

Dann drängen sich links die Autos Stossstange an Stosstange, Vorder- an Rücklicht, Rot an Weiss. Sanft gleiten die Lichter vorbei, Frauenfeld Marktplatz folgt. Abbremsen, Stopp, müde Gesichter rechts. grünes Licht.

Die Schienen stechen nach links in die Strasse. Die Frauenfeld-Wil-Bahn wird temporär zum Tram und darf nun nur mit maximal 15 Kilometern pro Stunde fahren. Ein oranges Blinklicht warnt die morgendlichen Autofahrer. Trottmann beugt seinen Oberkörper nach vorne. Sein Kopf bewegt sich nach allen Seiten, die Augen schnellen hin- und her. Stetige Bremsbereitschaft ist im Strassenverkehr nochmals wichtiger. Dann schwenkt die Schiene nach rechts ab, der Bahnhofsplatz erstreckt sich im Dunkel. Einfahrt Frauenfeld. Ankunftszeit 6.43 – ein Rückstand von vier Minuten.

Trottmann verlässt den Führerstand, schreitet durch die kühle Luft den schwarzen Fenstern der Bahn entlang und betritt den Führerstand am anderen Ende. Das Ende wird zum neuen Anfang. Ist die Bahn eine ewige Pendlerin zwischen Frauenfeld und Wil, so pendelt Trottmann zwischen den beiden Führerständen hin- und her.

Ein Pendler zwischen den Führerständen: Marcel Trottmann beim Wechsel in Frauenfeld.

Ein Pendler zwischen den Führerständen: Marcel Trottmann beim Wechsel in Frauenfeld.

Höchste Konzentration bei ewiger Routine

6.49 Uhr, grünes Licht, Abfahrt. Bremstest. Nur kurze Zeit später und einige Meter weiter wird aus dem Test Ernst. Beim Postkreisel beim Schloss Frauenfeld möchte ein dunkler Kombi im letzten Moment die nahende Bahn passieren. Trottmanns linke Hand schnellt zurück, die pneumatische Bremse greift, die 64 Tonnen halten abrupt. Ein genervtes Kopfschütteln Trottmanns, ein böser Blick des Autofahrers, seinen Schrecken überdeckend. Die Bahn nimmt wieder Fahrt auf. Frauenfeld Marktplatz, Lüdem, Weberei.

Es ist eine einsame Arbeit. Die Einsamkeit in der Kabine wird nur durch das stummes Winken einer entgegenkommenden Bahn und durch den Funk durchbrochen. Und doch erfordert seine Arbeit bei gleichbleibender Routine höchste Konzentration. Sie ist dabei seinem früheren Job gar nicht so unähnlich. Während mehrerer Jahre arbeitete er als Lastwagenchauffeur. Doch ein Unterschied besteht:

«Mit dem Lastwagen konnte ich bei Zwischenfällen ausweichen. Hier kann ich nur bremsen.»

Sanft schlängeln sich die Schienen der Strasse entlang durchs Murgtal. Lichter, orange, gelb, grün, rot, weiss, blinkend oder statisch, sind ständige Begleiter. Sie warnen, stoppen, kündigen an, wenn ein Wartender an einer Haltestelle einen Halt verlangt. Ebenso zahlreiche Signale, Geschwindigkeitsangaben, Hinweise. Der Himmel verfärbt sich langsam von einem Schwarzblau in ein zartes Orange. Die Schienen glänzen goldgelb. Ankunft Wil. Führerstandwechsel. Bremstest. Weitere Fahrten folgen.

Nach Münchwilen glänzen die Schienen goldgelb im Morgenlicht.

Nach Münchwilen glänzen die Schienen goldgelb im Morgenlicht.

Dann hat Marcel Trottmann knapp zwanzig Minuten Pause. Er lehnt am Türrahmen des Pausenraums am Ende des Perrons, die kühle Sonne im Gesicht, raucht eine Zigarette, isst ein Gipfeli, tankt Energie.

9.41 Uhr, Abfahrt in Wil. Die Fahrgäste werden spärlicher, die Gesichter wacher. Auch jetzt, in vormittäglichen Randzeiten fährt Trottmann gegen die angegeben Fahrtzeiten. Er spielt mit seinen Streckenkenntnissen, drosselt das Tempo früher als nötig, fährt langsamer als die angegebenen 60 Kilometer pro Stunde.

«Ich versuche mit dem Tempo zu spielen, um nicht unnötig halten zu müssen.»

Um 11.20 hat Trottmann Mittagspause. Insgesamt fährt Marcel Trottmann an diesem Tag sechsmal nach Frauenfeld und zurück und einmal nur bis nach Wängi und zurück. Um 16.20 Uhr, endet seine Schicht.

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