Auf der «Queen Mary 2» ist allein der Weg das Ziel

In drei losen Beiträgen berichtet der Degersheimer Reisejournalist Michael Hug von seiner Transatlantikfahrt über die Weihnachtstage. Die Fahrt auf der «QM2» führte von Southampton nach New York.

Michael Hug
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Luxuriöse Ausstattung und weihnachtlicher Lichterglanz im Bauch der «Queen Mary 2». (Bild: Michael Hug)

Luxuriöse Ausstattung und weihnachtlicher Lichterglanz im Bauch der «Queen Mary 2». (Bild: Michael Hug)

In drei losen Beiträgen berichtet der Degersheimer Reisejournalist Michael Hug von seiner Transatlantikfahrt über die Weihnachtstage. Die Fahrt auf der «QM2» führte von Southampton nach New York.

Das Einchecken ist endlich durch, anderthalb Stunden hat es gedauert, eine Geduldsprobe. Man hat Gesundheitszustands-formulare ausgefüllt (Ebola ist überall!), Pass und Ticket gezeigt, hat in Schlangen gestanden, beim Sicherheitscheck Handgepäck ausgeräumt und Hosengürtel aus- und wieder eingefädelt. Dann aber ist man endlich drin in der «Grand Lobby» auf Deck 3, im Bauch der «Queen Mary 2», dem vor 10 Jahren noch grössten Passagierschiff der Welt. 345 m lang, 62 m hoch und eine Million Dollar teuer, beladen mit 4350 Personen, Treibstoff und Champagner und knapp 80 000 Tonnen schwer. Eine gewichtige, pompöse Queen. Luxus wo man hinschaut, Stahl, Samt, Teak, Gold und Gips, luxuriös auch die Espresso- und Weinpreise.

Fünf-Sterne-Hotel mit Casino

Drinnen und draussen: Welten sind dazwischen. Draussen normaler grauer englischer Montag. Drinnen Fünf-Sterne-Hotel mit Jaccuzzi und Casino. Freundliche Stewards weisen den Weg, drei Fotografen sind schwer beschäftigt, das entsprechende Erinnerungsfoto kann man sich später in der «Photo Gallery» ausdrucken oder auf CD brennen lassen. Von hinten drängen schon die nächsten Passagiere, Gepäckträger verschwinden in Aufzügen, in der Bar des «Chart Room» sitzen schon erste Passagiere am Tresen. Bezahlt wird mit der Magnetkarte, die man beim Check-in erhalten hat und auf die Kreditkarte bucht, was «not included» ist.

Kabine heisst Stateroom

Drin – und nun wohin? «Deck 5, Aufzug C, rechter Gang», klärt ein Steward auf. In Englisch, Deutsch sprechen nur etwa 60 Mitreisende, 2 Prozent aller Passagiere. Kaum auf der Kabine – die von nun an «Stateroom» heisst –, wird man per Handzettel aufgefordert, «unbedingt und unverzichtbar» an der Notfallübung teilzunehmen. Der für diesen Bereich zuständige philippinische Steward zeigt, wo die Schwimmwesten sind. Passagiere von Deck 5 haben sich mit der Schwimmweste unter dem Arm im Restaurant Princess Grill auf Deck 7 einzufinden. Es wird das Notfallzeichen erklärt (7 kurze Töne, ein längerer, dann der Durchsage Folge leisten), der Grund, der zu Notfällen führen könnte (Brände – nicht Untergang!), und wie man die Schwimmweste anzieht.

Formell und informell

Nach der Pflichtübung ist es Zeit, die «QM2» unter die Lupe zu nehmen. Doch weit gefehlt. Schon um 18 Uhr ist man für die erste Schicht des Nachtessens eingeteilt. Nachtessen ist aber «informell», was bedeutet, dass man adäquat bekleidet erscheinen sollte. «Formell» (an den folgenden zwei Abenden) würde dann heissen, dass man noch adäquater gekleidet sein sollte, nämlich mit Anzug oder gleich im Smoking. Die Damen dementsprechend. Also umziehen, Kittel aus dem Gepäck schälen, Falten glätten, Frisur richten, allenfalls duschen. Und ja nicht vergessen: Hände waschen (das Norovirus lauert überall!). Dann runter auf Deck 3, in die Schlange stehen, an den zugewiesenen Tisch (76) geführt werden, fremde Menschen am selben Tisch begrüssen und smalltalken. Dazwischen Speisekarte studieren, Brötchen streichen, Eiswasser schlürfen und rätseln, welche und wie viele Kellner für diesen Tisch zuständig sind (ca. vier).

Schwimmendes Altersheim

Die «Queen Mary 2» ist ein Hotel, eine schwimmende Stadt und ein schwimmendes Altersheim. Der grösste Teil der Passagiere ist im Rentenalter, der Gebrauch von Stöcken und Rollstühlen ist überproportional. Doch es rennen auch Kinder herum, turteln Jungverliebte und Heiratswillige (man kann auf der «QM2» auch heiraten), und es gibt eine grosse Fraktion Alleinreisender. Eine Transatlantiküberquerung auf dem Flaggschiff der 140 Jahre alten Traditionsreederei «Cunard» ist keine Reise, sondern eine Zelebration. Keiner fährt mit dem Schiff nach New York wie zu Zeiten der «Titanic» 1914. Auf der «QM2» interessiert sich niemand wirklich für das Ziel, New York. Denn der Weg ist das Ziel.