Auf dem Weg zurück ins Leben

WIL. Remo* weiss, was es heisst, sich ohne Dach über dem Kopf und ohne Geld durchzuschlagen. Auf dem steinigen Weg zurück in ein geregeltes Leben hat er sich beim Verein «Notwende» Hilfe geholt.

Monique Stäger
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Der Bahnhof war Dreh- und Angelpunkt für Remo. (Symbolbild: Mario Fuchs)

Der Bahnhof war Dreh- und Angelpunkt für Remo. (Symbolbild: Mario Fuchs)

Remo* ist in der Nähe von Wil in ländlicher Umgebung in einer intakten Familie aufgewachsen. Seine schulische Karriere verlief nicht immer geradlinig, teilweise musste er eine Sonderschule besuchen. Die Eltern waren überfordert mit dem rebellischen Jugendlichen. Mit 15 Jahren riss Remo von zu Hause aus. Sein Leben spielte sich fortan beim Bahnhof in Wil ab.

Im Juni dieses Jahres klingelte Remo an der Tür der «Notwende» (dem diakonischen Netzwerk, welches unter anderem hilft, Verbindungen zu Behörden herzustellen). Er war nicht allein. «Begleitet hatte ihn damals ein Kollege», erzählt Esther Wiedmer, freiwillige Mitarbeiterin bei «Notwende». Bei diesem Kollegen hatte der 18jährige Remo während mehreren Monaten Unterschlupf gefunden. Doch für den Bekannten war der Punkt gekommen, an dem ihm die Situation über den Kopf gewachsen war. Er überredete Remo, sich bei der «Notwende» zu melden.

Gang zum Sozialamt

«Mir war der Junge von meiner Arbeit als Gassenarbeiter am Bahnhof bekannt», erklärt Ruedi Rieser, Leiter der «Notwende». Der Jugendliche habe aber die Angebote um Unterstützung jeweils abgelehnt, geblieben war jedoch sein Wissen um diese Anlaufstelle an der Gallusstrasse.

Ruedi Rieser vereinbarte für den jungen Mann einen Termin bei seiner Mitarbeiterin Esther Wiedmer. «Remo war sehr verzweifelt», erinnert sich die ehrenamtliche Mitarbeiterin an den jugendlichen Punker. Er war obdachlos und hatte nichts zu essen. Ernährt habe er sich, indem er aus dem Container beim Denner das alte Brot herausgefischt habe. Esther Wiedmer verhalf dem Verzweifelten zu den notwendigen Unterlagen, damit auf dem Sozialamt der Stadt Wil die Notunterstützung beantragt werden konnte. «Doch das war gar nicht so einfach, denn Remo fehlten sämtliche Dokumente und Unterlagen, die bei einem solchen Antrag eingereicht werden müssen», sagt Wiedmer. Die Notunterstützung von täglich zwanzig Franken wurde Remo schliesslich gewährt. «Die erste Not war gelindert.»

Leben am Waldrand

Remo hatte sich ein Zelt und einen Gaskocher besorgt und lebte während der warmen und trockenen Junitage am Waldrand in der Nähe des Wiler Turms. Anfangs meldete sich der junge Mann noch regelmässig bei der «Notwende», doch dies hörte nach einigen Wochen auf. «Es kommt oft vor, dass sich die Leute zurückziehen, sobald die erste Not gelindert ist», weiss Esther Wiedmer aus Erfahrung.

Doch im August stand Remo wieder vor der Tür. «Ich brauche Hilfe, ich muss in den Knast», wandte er sich in offensichtlicher Bedrängnis erneut an Esther Wiedmer. In der Hand hielt Remo einen Stapel Briefe und Formulare, einige davon bereits mehrere Wochen alt.

Remo war während der nassen und kalten Tage des Zeltens müde geworden und hatte sich in eine nahe gelegene Gemeinde abgesetzt. «Dort hatte er erneut Unterschlupf gefunden. Auf engstem Raum, gerade so viel Raum, dass seine Schlafmatte Platz fand», erzählt Wiedmer. Das Einwohneramt des neuen Wohnortes musste wohl Kenntnis von dieser Wohnsituation bekommen haben, denn unter den Briefen, die Remo Esther Wiedmer überreichte, fanden sich mehrere Schreiben der Behörden. «Die Fristen waren abgelaufen, und Remo bekam Panik ob der angedrohten Strafen, denn von Bussen bis Gefängnis war alles dabei.»

Angst vor dem Gefängnis

Die erfahrene Verwaltungsangestellte – Esther Wiedmer arbeitet in Bettwiesen in der Einwohnerkontrolle in einem Teilpensum – versuchte Remo zu beruhigen: «So schnell musst du nicht in den Knast.» Doch Remo blieb misstrauisch. Den Rat Wiedmers, möglichst schnell alle Formulare auszufüllen und Belege einzureichen, stellten Remo erneut vor eine unlösbare Aufgabe. Von den Unterlagen, die Esther Wiedmer ihm vor wenigen Monaten für die Behörden in Wil zusammengestellt hatte, hatte der chaotische junge Mann die meisten bereits wieder verloren. «Wenn wir Menschen begleiten, dann bewahren wir die Unterlagen, die wir für sie zusammengestellt haben, bei uns auf», so Wiedmer.

Erneut unterstützte sie Remo bei seinem Gang zu den Behörden. «Ein erleichterter Mensch fiel mir um den Hals, als er noch im Gemeindehaus merkte, dass er nicht ins Gefängnis muss», erzählt die «Notwende»-Mitarbeiterin schmunzelnd.

«Rückschläge gehören dazu»

Für Remo begann im Herbst ein neuer Abschnitt. Das Sozialamt seines neuen Wohnortes verlangt von ihm monatlich 15 Bewerbungen für eine Arbeitsstelle. Esther Wiedmer sieht bei Remo eine positive Entwicklung. «Er hat erkannt, dass er selber etwas beitragen muss, wenn er nicht wieder obdachlos und ohne Geld dastehen möchte.»

«Der Weg zurück in ein geregeltes Leben ist nicht einfach, und Rückschläge gehören dazu», weiss Esther Wiedmer. Für den Oktober hat Remo seine Aufgabe beim Sozialamt mit Unterstützung von Esther Wiedmer erledigt. «Nun habe ich im November erneut mit ihm einen Termin vereinbart.» Doch ob es klappen wird, sei keinesfalls sicher. «Ich bin jedoch zuversichtlich, dass Remo den <Rank> findet.»

*Name von der Redaktion geändert

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