Auf dem Weg zur Seele

WIL. Der Kurs am Montag beschäftigte sich diese Woche mit der Psychotherapie. Thomas Maier informierte über die Grundprinzipien, die verschiedenen Ansätze, die Anwendungs- und Wirkungsweisen.

Carola Nadler
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«Es gibt viele Missverständnisse und Vorurteile bezüglich der Psychotherapie», meinte Thomas Maier, Chefarzt der Akutpsychiatrie, Sucht- und Psychotherapie, in seiner Einleitung am Montagabend.

Es sind Menschen mit psychischen Störungen, denen eine Therapie hilft – doch was sind psychische Störungen? «Es hat absolut nichts mit dem Begriff «gestört» zu tun, erläuterte Maier. Psychische Störungen sind eine Ansammlung von verschiedenen Symptomen, die durch ihren Schweregrad und Leidensdruck die Funktionsfähigkeit eines Menschen erheblich beeinträchtigen. Dazu gehören vor allem Ängste, Depressivität, Realitätsverwirrtheit, Denkstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, aber auch chronische Schmerzen.

«Nicht oft sind die Ursachen solcher chronischer Schmerzen durch eine Psychotherapie aufzulösen», so Maier. Doch die Einsicht der Schmerzpatienten in die Zusammenhänge mit der Seele sei schwer zu erreichen.

Multifaktoriell

Die Symptome an sich stellen keine Krankheit dar, erst die Dauer und Schwere der Symptome ergeben eine zu behandelnde Störung. Die Ursache für die Gesundheit und Krankheit eines Menschen ist die Summe verschiedenster Einflüsse. Dazu gehören genetische Faktoren ebenso wie das soziale Umfeld, der historische und kulturelle Kontext, Wertevorstellungen. Und natürlich Beziehungserfahrungen: Traumatische Kindheitserlebnisse können sich später in den verschiedensten Symptomen zeigen. Sowohl psychische Störungen als auch ihre Ursachen seien jedoch multifaktoriell, darum setzen sich auch die Therapieansätze aus verschiedenen Methoden zusammen.

Sinnvoll ist dabei auch der Miteinbezug der biologischen, sprich medikamentösen und der sozialen Ebene (Unterstützung in der konkreten Lebenssituation).

Es gibt in der heutigen Psychotherapie unzählige Methoden und Theorien. Die drei Hauptströmungen sind jedoch die psychoanalytische Psychotherapie, die kognitive Verhaltenstherapie sowie die systemische Psychotherapie, die sich aber in der Anwendung überlappen können.

Drei Strömungen

Wo die analytische Psychotherapie Unbewusstes bewusst machen und damit Symptome zum Verschwinden bringen will, arbeitet die kognitive Verhaltenstherapie direkt mit den Symptomen. Ersteres, so Thomas Maier, sei mittlerweile etwas verstaubt, und heutzutage könne man kaum mehr Zeit und Geld für drei bis fünf wöchentliche Sitzungen über einen längeren Zeitraum hinweg investieren.

Die Verhaltenstherapie dagegen zeige schon nach wenigen Stunden erste Wirkungen, könne sich aber auch, je nach Schwere und Ursachen der Störungen, über Monate und Jahre hinziehen. Eine dritte Strömung ist die systemische Therapie, die sehr gute Erfolge bei Essstörungen und Suchterkrankungen aufweist, da sie das soziale Umfeld des Patienten mit einbezieht.

Studien konnten keiner dieser drei Strömungen gegenüber einer anderen eine bessere Wirksamkeit nachweisen.

Harte Arbeit an sich selbst

Die erfolgreiche Wirkung einer Psychotherapie beruht auf mehreren Faktoren, die in allen Methoden gleich sind. Dazu zählen Empathie und eine Werteneutralität: Der Therapeut wird niemals moralisierende Kommentare zur Lebensführung eines Patienten abgeben. Ebenso massgeblich ist die Reflexivität des Therapeuten und niemals wird eine Therapie erziehend, disziplinarisch sein. Vielmehr sieht sich der heutige Therapeut als Coach, als Trainer, der seinem Patienten bei der harten Arbeit an sich selbst zur Seite steht.

Abschliessend kann gesagt werden, dass Psychotherapie keinen neuen Menschen schafft, sondern diesem hilft, seine eigenen Fähigkeiten und Ressourcen besser zu nutzen und die Lebensgestaltung besser an die eigenen Stärken und Schwächen anzupassen. Ziel sei es dabei nicht, so Maier am Ende seines Vortrages, die Seele zu erkennen. Doch die Psychotherapie kann dazu verhelfen, «sein innerstes Wesen besser zu erkennen und mit sich und seiner Umwelt im Einklang leben zu können».