Auf dem Weg zur digitalen, grünen Stadt: Wil will eine Smart City werden

Hohe Lebensqualität, geringer Ressourcenverbrauch – Wil ist auf dem Weg, eine Smart City zu werden. Was steckt hinter den schönen Worten?

Tobias Söldi
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Einen Schwerpunkt legt das Smart-City-Konzept der Stadt Wil auf Ressourcenschonung und erneuerbare Energien, etwa durch Förderung von Fotovoltaikanlagen.

Einen Schwerpunkt legt das Smart-City-Konzept der Stadt Wil auf Ressourcenschonung und erneuerbare Energien, etwa durch Förderung von Fotovoltaikanlagen.

Bild: Fotolia

Der Begriff Smart City weckt allerlei Assoziationen: Drohnen, die Pakete vor die Haustüre liefern; intelligente Strassenbeleuchtungen, die nur dann die Nacht erhellen, wenn sie auch wirklich gebraucht werden; mit Sensoren ausgestattete Unterflurbehälter, die automatisch eine Meldung senden, wenn sie voll sind.

Immer öfters stolpert man über diese Bezeichnung, unter welcher technologiebasierte Innovationen in urbanen Räumen zusammengefasst werden. Dahinter steckt die Idee, die aktuellen Herausforderungen mit digitalen Technologien zu meistern: den Klimaschutz, die Ressourcenknappheit, das Bevölkerungswachstum, den demografischen Wandel – um nur einige zu nennen.

Auch die Stadt Wil will eine Smart City werden. An einer Medienkonferenz stellt Stadtpräsidentin Susanne Hartmann ihre Vision für die Äbtestadt vor:

«Die smarte City Wil ermöglicht, all ihren Einwohnerinnen und Einwohnern in einer attraktiven und zukunftsorientierten Stadt bei hoher Lebensqualität und geringem Ressourcenverbrauch zu leben, zu arbeiten und die Freizeit zu verbringen.»
Susanne Hartmann, Stadpräsidentin Wil

Susanne Hartmann, Stadpräsidentin Wil

Die digitalen Möglichkeiten nutzen

Schöne Worte – doch was steckt dahinter? Die Rahmenstrategie für die Entwicklung hin zu einer Smart City, welche die Stadt in den letzten Jahren erarbeitet hat, beinhaltet sieben Massnahmenfelder mit entsprechenden Projektideen. Deren Spannweite ist gross und reicht von der weiteren Forcierung erneuerbarer Energien über den Einsatz digitaler Technologien in den eigenen vier Wänden oder die Stärkung des öffentlichen Verkehrs gegenüber dem motorisierten Individualverkehr bis zu Online-Plattformen, auf denen sich die Einwohner der Stadt untereinander vernetzen können. «Wir wollen den Menschen und das Digitale zusammenführen», sagt Stadtpräsidentin Hartmann.

Stadtrat Daniel Meili vom Departement Versorgung und Sicherheit wird konkreter. So beschreibt er unter dem Begriff Active and Assisted Living – in der Smart-City-Thematik scheint Englisch die Sprache der Wahl zu sein – wie digitale Technologien älteren Menschen einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen helfen. Auch der Austausch – Sharing – ist ein wichtiger Aspekt der Smart City: Online-Nachbarschaftsnetzwerke sollen Möglichkeiten schaffen, damit sich Bewohner eines Quartiers untereinander vernetzen können. Das soll es vereinfachen, Gegenstände – ein Fahrrad, ein Auto oder auch nur einen Rasenmäher – gemeinsam zu nutzen, statt sie zu besitzen und nur selten zu gebrauchen. Auch laufen laut Meili beispielsweise Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Quartiers, die sich für den Zusammenschluss ihrer Fotovoltaikanlagen interessieren. Meili sagt:

«Die smarte City ist aber kein Selbstläufer. Es braucht Überzeugungsarbeit.»
Daniel Meili, Stadtrat

Daniel Meili, Stadtrat

Der Einbezug der Bevölkerung als Besonderheit

Die Massnahmenliste der Rahmenstrategie ist weder abschliessend noch sind die Massnahmen bis ins Detail bestimmt. «Es geht vielmehr um mögliche strategische Stossrichtungen», sagt Stadtrat Daniel Stutz, Vorsteher des Departements Bau, Umwelt und Verkehr. Denn:

«Es gibt nicht nur einen Weg zur Smart City. Jede Stadt muss ihren eigenen Weg finden.»

Die Themenauswahl sei riesig und verlange einen Fokus.

Daniel Stutz, Stadtrat

Daniel Stutz, Stadtrat

Stutz präsentiert das Smart City Wheel, die fachliche Grundlage in der Branche: Es ordnet die Charakteristiken einer Smart City in sechs Dimensionen, die jeweils drei Arbeitsbereiche umfassen. Den Weg, den die Äbtestadt dabei gewählt hat, legt den Fokus auf den Aspekt Smart People, was eine inklusive, partizipative Gesellschaft meint. So basiert die Rahmenstrategie denn auch zu einem guten Teil auf Befragungen der Bevölkerung. Rund 300 Wilerinnen und Wiler gaben Auskunft, wo ihrer Meinung nach der grösste Handlungsbedarf besteht. «Wir wollen die Bevölkerung in den Prozess mit einbeziehen, besonders die Jugend und die Senioren», sagt Stutz.

Das Resultat: Am wichtigsten ist ihnen das Thema Smart Living – ein barrierefreies, gemeinschaftliches, sicheres und gesundes Leben –, gefolgt von einer sauberen, effizienten Mobilität und einer ressourcen- und umweltschonenden Entwicklung der städtischen Umgebung. Berücksichtigt wurden auch die Ansichten des Stadtrates sowie der Leitenden der städtischen Departemente. «Das hat uns geholfen, Schwerpunkte zu setzen, die wiederum die Grundlage für unsere Vision bilden», sagt Stutz.

Gut Ding will Weile haben

Der Postulatsbericht Smart City Wil mit der Rahmenstrategie wurde bereits an das Stadtparlament überwiesen und wartet dort auf seine Beratung. Nach der Diskussion im Parlament soll, so der Plan, eine 50-Prozent-Projektleitung eingesetzt werden, welche die Massnahmen koordiniert und den Transformationsprozess hin zur Smart City vorantreibt.

Dass eine solche Stelle nötig ist, sind sich alle Beteiligten einig. Die Professionalisierung sei ein entscheidender Erfolgsfaktor, so Stutz. Und Meili sagt, mit Blick auch auf die lange Zeit, die es gebraucht hat, bis die Rahmenstrategie fertig war:

«Das Ganze hat viel mehr Arbeit gebraucht als gedacht. Es ist ein Irrglaube, zu meinen, dass so etwas schnell gemacht werden kann.»

Initiiert wurde das Projekt zur Formulierung einer Rahmenstrategie 2018. Der Auslöser liegt nochmals ein paar Jahre zurück, ein 2016 von FDP-Politiker Urs Etter eingereichtes Postulat zum Thema Smart City. Erste Projekte sollen nun aber schon in diesem und nächsten Jahr umgesetzt werden.