Auch fluchen macht sich gut

Menschen mögen Rezepte. Kochrezepte. Warum das so ist, liegt im dunkeln. Dass es so ist, beweist zum Beispiel die «New York Times»: Deren erfolgreichste App ist angeblich jene für Kochrezepte.

Hans Suter
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Bild: Hans Suter

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Menschen mögen Rezepte. Kochrezepte. Warum das so ist, liegt im dunkeln. Dass es so ist, beweist zum Beispiel die «New York Times»: Deren erfolgreichste App ist angeblich jene für Kochrezepte. Ähnliches lässt sich im Fernsehen feststellen: Kaum ein Sender, der nicht ein Kochformat entwickelt oder eingekauft hat. Allerdings nicht mehr wie einst als lehrreiche Lektion gestaltet, sondern als Unterhaltungsknüller. Kochen ist zum Spektakel geworden. Deshalb braucht es keine Gäste mehr, die das zubereitete Mahl geniessen. Heute braucht es Gewinner und Verlierer. Es müssen Tränen fliessen, es muss gelitten werden, es müssen Fehler unterlaufen. Muss! Auch fluchen macht sich gut.

Das Publikum will die Schwächen der Teilnehmer sehen, mit ihnen leiden, über sie lachen. Was gibt es Herrlicheres als ein Soufflé, das innert Sekunden in sich zusammenfällt. Ein sündhaft teures Rindsfilet, das zum schwarzen Bratklumpen mutiert. Oder eine Sauce, die sich auf dem Teller in ihre Einzelteile scheidet. Wunderbar! Solche Dinge erfüllen den Zuschauer heute. Er wird zum Kritiker, er urteilt und richtet. Es heisst ja nicht umsonst Gericht.

Nach der x-ten Werbepause entflieht der Zuschauer wieder in die Realität, wo es um profane Dinge geht, wie: Was koche ich denn morgen? Wie lange braucht ein Schweinscarré? Bei welcher Temperatur? Vorher anbraten oder nicht? Vor dem Garen salzen oder erst danach? In der Kochsendung sah das viel einfacher aus, obwohl der Depp am Herd seinem Fleischstück im rauchenden Olivenöl ein Trauerkleid verpasste. Und seine Konkurrentin in Tränen ausbrach, weil sie das Soufflé vergeigt hatte.

Also, was kochen wir denn morgen? Nehmen wir etwas vom Pizzakurier oder wieder mal was Asiatisches? Oder einen richtig dicken Burger?

hans.suter@wilerzeitung.ch