«Auch die Starken brauchen Hilfe»: Das Coronavirus trifft die ganze Wirtschaft der Region

Schwere Zeiten für das regionale Gewerbe: Die Coronaepidemie hat massive Umsatzeinbussen zur Folge.

Philipp Stutz
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Die verordneten Gastroschliessungen treffen die Restaurantbetreiber besonders hart.

Die verordneten Gastroschliessungen treffen die Restaurantbetreiber besonders hart.

Symbolbild: Marc Schumacher

Von der Coronakrise sind die Wirtschaft und namentlich das Gewerbe betroffen. Dabei spielt die Unsicherheit über den künftigen Verlauf der Pandemie eine wichtige Rolle. Die behördlich verordneten Massnahmen zeigen Folgen, auch in dieser Region. Zumal die Dauer dieser Restriktionen nach wie vor ungewiss ist. Ernst Dobler, Präsident des Gewerbevereins Oberuzwil, äussert sich zur gegenwärtigen Situation.

Die Unternehmen in der Region waren mehrheitlich zufrieden mit dem Geschäftsgang in den ersten beiden Monaten dieses Jahres. Umso unerwartet hat sie die Corona-Epidemie getroffen. Wie dramatisch präsentiert sich die Sicht des Gewerbes?

Ernst Dobler: Ein grosser Teil der Wirtschaft, so zum Beispiel das Baugewerbe, kann, vielleicht mit Einschränkungen, immer noch weiter arbeiten. Das Arbeitsvolumen ist mittelfristig durch die laufenden Projekte weiter vorhanden. Schon vor der Coronakrise sind aber Anzeichen dagewesen, dass sich die Konjunktur abflachen könnte.

Welche Unternehmen sind in der Region Uzwil besonders betroffen? Haben Sie entsprechende Rückmeldungen erhalten?

Ernst Dobler, Präsident Gewerbeverein Oberuzwil.

Ernst Dobler, Präsident Gewerbeverein Oberuzwil.

Bild: PD

In erster Linie sind die Branchen tangiert, die ihre Geschäftstätigkeit vom einen auf den anderen Tag staatlich verordnet einstellen mussten, wie beispielsweise Gastronomie, Detailhandel, Eventbranche und Dienstleister aller Art. Aber auch Firmen, die Partner und Zulieferer der direkt Betroffenen sind, erleiden massive Umsatz-und Ertragseinbussen.

Wie beurteilen Sie die Massnahmen des Bundes? Gehen diese aus Ihrer Sicht weit genug?

Ob die Massnahmen verhältnismässig und auch genügend wirkungsvoll sind, kann erst im Nachhinein beurteilt werden. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Es geht ja schliesslich primär um unsere physische Existenz.

Sind Sie zufrieden mit dem kantonalen Massnahmenpaket, das unter anderen KMU entlasten soll? Der Kanton St.Gallen hat ja ein 40-Millionen-Hilfspaket für die Wirtschaft garantiert, um für Härtefälle, die vom Bund nicht gedeckt werden, Liquiditätshilfe sicherzustellen. Die verbürgten Kredite sollen bis zu 500'000 Franken betragen.

Absolut gesehen sind 40 Millionen sicher eine grosse Summe. Pro Kopf der St.Galler Bevölkerung sind das aber nur gerade 80 Franken. Viele Härtefälle darf es da nicht geben.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht noch offen?

Ich bin gespannt, wie wir die Krise nach der Krise bewältigen. Bis jetzt haben in unserem Staat immer viele Starke wenigen Schwachen geholfen. Aber zurzeit brauchen ja auch die bis anhin Starken Hilfe.

Sind weitere Projekte am Anlaufen, um regionalen Betrieben zu helfen?

Es gibt einige Initiativen, wie die Organisation von Lieferservice oder Internetplattformen, die jetzt auf allen Ebenen lanciert werden.

Wie lange kann das regionale Gewerbe eine solche Situation durchstehen?

Ich kann dies nicht beurteilen. Vielleicht stehen es nicht alle durch, aber viele werden auch wieder aufstehen. Bei unseren nördlichen Nachbarn gab es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einen grossen Teil der Bevölkerung, die mehr als einmal ihrer Existenzgrundlagen beraubt wurde: zweimal Krieg und dazwischen eine Hyperinflation. Diese Generation hat nach dem Zweiten Weltkrieg viele heute immer noch erfolgreiche Unternehmen aufgebaut.

Haben die Betriebe hierzulande genug Reserven gebildet? Und wie steht es allgemein um ihre Liquidität?

Ob die Betriebe genügend Reserven gebildet haben, wird sich erst noch zeigen. Der Staat hilft jetzt mit Überbrückungskrediten. Kurzfristig mag das ja funktionieren. Aber auf die Dauer kann dies nicht gut gehen.

Müssen die Unternehmen im ersten Halbjahr aufgrund der Coronaepidemie mit Umsatzeinbussen rechnen? Sind vereinzelt gar Konkurse zu erwarten?

Je nach Dauer oder sogar noch Verschärfung der wirtschaftlichen Einschränkungen ist sicher mit Umsatzeinbussen und folglich sogar mit Verlusten in den meisten Branchen zu rechnen. Es kann aber auch Gewinner geben. Ich denke, der Einkaufstourismus ist vollständig eingebrochen, die Güter des täglichen Bedarfs werden wieder regional eingekauft. Konkurse sind nicht ausgeschlossen, vor allem bei Firmen, die an einer «Vorerkrankung» leiden.

Welche Branchen sind besonders von Kurzarbeit betroffen?

Gesuche für Kurzarbeit sind schon viele eingereicht und auch vom Kanton speditiv bewilligt worden. Einerseits sind es die Branchen, die ihre Leistungen nicht mehr anbieten dürfen und deren Markt zusammengebrochen ist. Ebenfalls betroffen von Kurzarbeit sind Mitarbeiter, die zur Risikogruppe gehören und denen kein Homeoffice angeboten werden kann, zum Beispiel Handwerker.

Wie lange wird die Krise Ihrer Meinung nach noch andauern?

Ich will und kann hier keine Prognose wagen. Ich bin aber gespannt, ob die Wirtschaft und unser Leben gleich sein werden wie vorher. Stichwort: Grenzen des Wachstums!