Asylsuchende aus Thur gerettet

OBERBÜREN/FLAWIL. Erna Niedermann geht mit ihrem Hund regelmässig an der Thur spazieren. Als zwei junge Frauen beim Baden um Hilfe schrien, sprang die 70-Jährige ins Wasser und rettete die beiden. Das Zentrum für Asylsuchende ist ihr unendlich dankbar.

Urs Bänziger
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Mit dieser Karte hat sich die gerettete 17-Jährige aus Eritrea bei Erna Niedermann bedankt.

Mit dieser Karte hat sich die gerettete 17-Jährige aus Eritrea bei Erna Niedermann bedankt.

OBERBÜREN/FLAWIL. Im nachhinein wundere sie sich, wie sie das nur geschafft habe, sagt Erna Niedermann. Es geschah an einem heissen Sommerabend vor einigen Tagen. Erna Niedermann ging mit ihrem Hund an der Thur in Oberbüren spazieren. «Wenn es heiss ist, kühlt sich Nico gerne im Fluss ab. Deshalb gehe ich mit ihm regelmässig an die Thur», erzählt die 70-Jährige aus Flawil. Etwa 10 Minuten flussabwärts von der Thurbrücke ging sie mit ihrem Hund auf eine Kiesbank.

«Vier junge dunkelhäutige Frauen und ein Kleinkind waren auch dort. Zwei von ihnen standen im Wasser, sie lachten und waren fröhlich.» Doch plötzlich habe sie Schreie gehört, erzählt Erna Niedermann. «Eine der Frauen hatte das Gesicht im Wasser, die andere fuchtelte mit den Händen wild um sich.» Die 70-Jährige handelte sofort. «Ohne zu überlegen, stürzte ich mich ins Wasser, packte die eine an den Armen und während ich versuchte, sie ans Ufer zu ziehen, hat sich die andere Frau ebenfalls an mich geklammert.»

Steil abfallende Stelle

Erna Niedermann zeigt auf die Stelle, wo sie die beiden Frauen rettete. Das Kiesufer ist steil abfallend, drei, vier Schritte und das Wasser ist tief. «Irgendwie ist es mir gelungen, die beiden ans Ufer zu ziehen. Dabei bin ich keine besonders gute Schwimmerin. Aber als ich die beiden Frauen in ihrer Notlage sah, haben sich in mir Kräfte freigesetzt, die ich in meinem Alter nicht für möglich gehalten habe», sagt Erna Niedermann. Erst als sie wieder festen Boden unter den Füssen hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie sich samt Schuhe und Bauchtasche ins Wasser gestürzt hatte.

Bei der Rettungsaktion habe sie ihre beiden Brillen verloren. «Da ich erfahren hatte, dass drei der vier jungen Frauen im Thurhof leben, habe ich dort mit einem Brief nachgefragt, ob sie mir die beiden Brillen ersetzen könnten», erzählt Erna Niedermann. Ihre Rettungsaktion hatte im Zentrum für Asylsuchende längst die Runde gemacht.

Ein paar Tage später erhielt die Flawilerin Besuch aus Oberbüren. Neben der geretteten 17-Jährigen aus Eritrea war auch die Leiterin für den Zentrumsbetrieb, Charlotte Vögelin, mit dabei. «Sie sind extra vorbeigekommen, um mir zu danken. Die junge Frau, Fiori, hat mich umarmt und einen Blumenstrauss mit einer herzigen Dankeskarte übergeben.»

Zurzeit viele Jugendliche

«Wir sind Erna Niedermann unendlich dankbar. Was sie getan hat, ist sehr mutig und beeindruckend», sagt Charlotte Vögelin. «Wir haben zurzeit sehr viele Jugendliche im Asylzentrum. Obwohl wir ihnen verboten haben, in der Thur zu baden und sie immer wieder darauf aufmerksam machen, dass der Fluss gefährlich ist, sind die jungen Leute übermütig. Die meisten können nicht schwimmen. Wir tun, was wir können. Aber alle rund um die Uhr zu kontrollieren ist nicht möglich.»

Dankbar ist auch Erna Niedermann. «Dafür, dass die beiden jungen Frauen und ich heil aus dem Wasser gekommen sind.» Um die beiden Brillen muss sie sich keine Sorgen machen. «Das ist das wenigste, was wir für Frau Niedermann tun können», sagt Charlotte Vögelin.

Erna Niedermann und ihr Hund Nico an der Stelle, wo die beiden jungen Frauen in Not gerieten. Das Kiesufer ist hier steil abfallend und für Nichtschwimmer gefährlich. (Bild: Urs Bänziger)

Erna Niedermann und ihr Hund Nico an der Stelle, wo die beiden jungen Frauen in Not gerieten. Das Kiesufer ist hier steil abfallend und für Nichtschwimmer gefährlich. (Bild: Urs Bänziger)