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Assyrer: Das vergessene Volk

Der in Wil wohnhafte Simon ist ein Christ, der die Sprache Jesu spricht. Am Nationenfest vom nächsten Samstag macht er auf das Schicksal seines Volkes aufmerksam, der christlichen Minderheit im Südosten der Türkei.
Philipp Haag

WIL. Die Jugend in der Türkei erhebt sich dieser Tage, wehrt sich gegen das Regime von Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der Widerstand im Gezi-Park und beim Taksim-Platz in Istanbul, anfänglich gegen das Fällen einiger Bäume, entwickelt sich zu einem Protest gegen die Islamisierung des Landes und die Bevormundung der Bevölkerung. Erdogan geht zuweilen brutal gegen die Demonstranten vor, lässt sie von der Polizei nieder prügeln, vertreibt sie mit Wasserwerfern, hüllt sie in Tränengaswolken.

Es ist ein Vorgehen, das auch Simon kennt. Nicht die Übergriffe der Ordnungskräfte wie bei der gegenwärtigen Protestbewegung, aber die Methode der Einschüchterung. Simon, wohnhaft in Wil, gehört einem vergessenen Volk an. Einem Volk, das aus seiner Heimat Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im Dreieck Türkei, Syrien, Iran (Irak), vertrieben wurde: die Assyrer. Die Assyrer sind Christen, sprechen aramäisch, die Sprache Jesus von Nazareths.

2000jährige Geschichte

«Eine 2000jährige Geschichte und Tradition verschwindet allmählich», sagt Simon. Die Assyrer werden in den vier Ländern des Nahen Ostens, wo der Islam Staatsreligion ist, «unterdrückt und verfolgt», wie Simon sagt. Seinen Angaben zufolge nicht nur in der Türkei, sondern auch im Irak, Iran und im Libanon. In Syrien geraten die Christen beim Bürgerkrieg zwischen die Fronten der Rebellen und Assads Armee. Simons Heimatdorf im Südosten der Türkei ist heute fast menschenleer, quasi ein Geisterdorf. «Die meisten flohen vor der Unterdrückung und Verfolgung durch den Staat», sagt Simon. Zurückblieben die alten Leute. Die Assyrer leben vorwiegend in der Diaspora, verstreut über Europa, Amerika und Australien. In der Schweiz leben etwa 10 000 Familien, in der Ostschweiz rund 300. Die Gebräuche, die Gepflogenheiten und die Sprache – die Kultur des Volkes – gehen verloren. Ein Umstand, den Simon traurig macht, ihn schmerzt und ihn seit 30 Jahren gegen das Vergessen ankämpfen lässt. So auch wieder am nächsten Samstag beim Fest der Nationen im Foyer des Kirchgemeindezentrums St. Peter in Wil (siehe Kasten), wo er an einem Stand auf das Schicksal seines Volkes aufmerksam macht.

Seit 30 Jahren in der Schweiz

1979 war es, als der heute 55jährige Simon als Gastarbeiter in die Schweiz kam. Es war vielmehr eine Flucht denn ein Auswandern. Über Winterthur, das Toggenburg fand er mit seiner Familie – Ehefrau und drei Kindern – vor 13 Jahren eine Wohnung in Wil. Aufgewachsen in einem Dorf im Südosten der Türkei an der Grenze zu Syrien, wo seine Familie von der Landwirtschaft lebte, hinterliess der zweijährige Militärdienst, den jeder junge Türke absolvieren musste, tiefe Wunden bei Simon. Vorgesetzte und Kameraden versuchten, ihn zum Konvertieren zum Islam zu bewegen, und zwar hinterhältig und grausam. «Sie mobbten mich, bedrohten mich, schlugen mich. Ein schlimme Zeit.» Die Angst von damals verfolgt ihn zwar nicht mehr, verflogen ist sie aber auch nicht. Darum möchte er auch nicht mit seinem vollen Namen hinstehen. Er prangert seit Jahren die Unterdrückung der Assyrer an, kritisiert «die fehlende Toleranz, die mangelnde Freiheit und die eingeschränkte Demokratie in der Türkei». Er befürchtet Racheakte.

Dass die Schikanen wegen seiner Religionszugehörigkeit bis heute andauern, musste Simon vor kurzem erfahren. Seine Frau, ebenfalls mit einem christlichen Vornamen, wollte auf der türkischen Botschaft ihren Pass verlängern. Zwei Mal wurde das Ehepaar gemäss eigener Aussage ohne Begründung abgewiesen. Erst als eine Wiler Stadtparlamentarierin die beiden begleitete, klappte es.

«Wissen, wie wir lebten»

Simon hat es sich darum zur Lebensaufgabe gemacht, auf die Missstände aufmerksam zu machen, zu mahnen, zu kritisieren und zu informieren. «Mein Volk darf nicht ganz in Vergessenheit geraten», sagt er, «auch die nächsten Generationen sollen von unserem Schicksal erfahren, wissen wie wir lebten, wie wir sprachen.»

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