Archaische Männerspiele im Karo-Rock

«Vorsicht, sie können manchmal auf die Seite fliegen!» warnt der Spielleiter alle, die den starken Männern zu nahe kommen. «Sie», das waren Bäume, bzw. Pfähle, und die, die sie warfen, waren Kinder. Es waren die ersten Highland Games für Kinder in Degersheim.

Michael Hug
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Schottische Wachablösung: Hoch das Bein, stramm der Schritt; im Vordergrund blasen die Sackpfeifenbläser. (Bild: Michael Hug)

Schottische Wachablösung: Hoch das Bein, stramm der Schritt; im Vordergrund blasen die Sackpfeifenbläser. (Bild: Michael Hug)

«Vorsicht, sie können manchmal auf die Seite fliegen!» warnt der Spielleiter alle, die den starken Männern zu nahe kommen. «Sie», das waren Bäume, bzw. Pfähle, und die, die sie warfen, waren Kinder. Es waren die ersten Highland Games für Kinder in Degersheim. Organisiert von der Marktkommission, durchgeführt vom Verein Appowila Highland Games aus Abtwil. Jenem Team, das in Abtwil alle zwei Jahre die Olympischen Spiele nach schottischer Art für Profis durchführt. Baumstammwerfen («Tossing the Caber») und Steinestossen («Putting the Stone») sind dort ein Teil des Disziplinenkatalogs.

Schräge Sportarten haben Hochkonjunktur und werden immer beliebter beim Publikum. Publikum, das ist das was der Degerscher Dorfmarkt braucht, also warum nicht Schräges mit Geradem kombinieren und etwas machen, das dem Dorfplatz mehr Leben gibt. Am vergangenen Samstag also rief Franziska Jud von der stets initiativen Marktkommission zu den ersten schrägen schottischen Hochlandspielen für Kinder. Es flogen die blank gehobelten Bäume (Pfähle) und polierten Steine, es schlossen sich, im besten Falle, blank geputzte Hufeisen um die Stange im Ziel. Fleissige Spielinstruktoren waren da, berockt selbstverständlich, ältere Herren mit viel Geduld für die Ungeduld der stark sein wollenden Knaben.

Und dann der erste Höhepunkt im Rahmenprogramm: Dudelsackbläser, in Röcken selbstverständlich, bliesen zur Wachablösung. Drei Soldaten, in Röcken selbstverständlich, inszenierten diese nach strengen highlanderischen Regeln: Hoch das Bein, hart der Gesichtsausdruck, stramm das Gewehr geschultert und dann auf den Boden geknallt. Doch nicht allzu energisch der Stechschritt, sonst sieht man eventuell unter den Rock – «Kilt» genannt im hohen britischen Norden. Was da drunter ist, man weiss es nicht und will es vielleicht auch gar nicht wissen. Die Jungs an den Stämmen und Steinen interessierte dies sowieso nicht, sie wollten weit und noch weiter werfen und vielleicht, wenn es niemand merkt, nochmals antreten. Aber das geht gar nicht, Fairness muss in jedem Fall sein, jeder hat seine Chance gehabt.

Am Markt gab's schottische Spezialitäten wie Knabbergebäck und süsse schottische Erdbeer-Whisky-Konfitüre sowie weisse «Marshmellow Cream», was immer das auch ist. Natürlich durfte da der schottische Whisky nicht fehlen, man konnte ihn degustieren oder gleich flaschenweise kaufen.

Nichts zu kaufen gab es bei Franz Ritter, dem bekanntesten aller Schweizer Highland Gamer. Dafür gab dieser Ritter Autogramme und mit schier grenzenloser Ausdauer kompetente Antworten auf alle Fragen. Und zudem hatte der Zwei-Meter-Mann seine ungeputzten Wettkampfschuhe ausgestellt – damit jeder Neueinsteiger weiss, um was es geht bei den schrägen schottischen Spielen: Um archaische-urig-deftige Männerspiele. An denen natürlich auch Frauen teilnehmen können. In Röcken selbstverständlich beide. Pardon: im Kilt!