AQUAKULTUREN: Beim Fisch säuft die Rendite ab

Der Fischzucht wird ein regelrechter Boom nachgesagt. Bei der Micarna SA ist man anderer Meinung: «Die Mengen aus Zucht und Mast in der Schweiz sind seit Jahrzehnten konstant», sagt Rüdiger Buddruss. Er befürchtet eine fatale Entwicklung.

Hans Suter
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Blick in die Aquakultur der Micarna SA in Kirschau. Hier wird die Zucht von Edelfischen in der Praxis erforscht. (Bild: PD)

Blick in die Aquakultur der Micarna SA in Kirschau. Hier wird die Zucht von Edelfischen in der Praxis erforscht. (Bild: PD)

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

Es klingt verlockend: Mit dem Aufbau einer Fischzucht können die Landwirte in der Region ein lukratives Zusatzgeschäft etablieren. Es steht genügend frisches Wasser zur Verfügung, der Landbedarf ist gering, einheimischer Fisch begehrt und rar. Das verspricht eine gute Rendite. Zum Beispiel für eine Zanderzucht in Kombination mit einer Setzlingaufzucht.

Schenkt man dem Beschrieb von Anlagenverkäufern Glauben, lassen sich mit 800 Quadratmetern ebenerdiger Grundfläche und einem Personalaufwand von 2,5 Mitarbeitern jährlich 20 Tonnen Zander produzieren. Bei einem voraussichtlichen Verkaufspreis von 25 Franken pro Kilo ergäbe das einen Jahresumsatz von gut 500000 Franken. Damit aber noch nicht genug. Mit der Anlage sollen sich zusätzlich etwa 525000 Setzlinge produzieren lassen. Das sind Jungfische, die ihren ersten Sommer hinter sich haben. Abzüglich eines Eigenbedarfs von 90000 Stück, ergibt das einen Verkaufserlös von 435000-mal 1.50 Franken, also gut 650000 Franken.

Viel Unkenntnis in der Wertschöpfung

In den Augen von Rüdiger Budd­russ ist diese Zanderzucht in Kombination mit einer Setzlingsaufzucht nicht viel mehr als Schönklang und Harmonie. «Nur schon der Begriff Fischzucht ist eine semantische Unmöglichkeit», sagte der Leiter Seafood bei der Micarna SA. «Bauern haben ja auch keine Säugetierzucht, sondern eine Schweine-, Rinder- oder Geflügelzucht.» Bei den Fischen sei der Abstraktionslevel aber noch viel grösser. «Wir sprechen hier von etwa 85 Arten.» Je nach Fischart brauche es viel spezifisches Wissen. Buddruss bemängelt auch die Unkenntnis in der Wertschöpfung: «Auf Basis der ermittelten Daten deutet sich an, dass niemand die Planung vom Ei bis zum verkaufenden Produkt durchzieht.» Die Erfahrungen zeigten, dass die Ausbeute beim Fisch etwa bei 40 Prozent liege. Dies sei mit ein Grund, weshalb die Amortisation der Investitionen durch Erlöse aus dem Betrieb noch in weiter Ferne läge.

Nicht durchdacht sei auch, dass sich Fische wie etwa Egli nicht so einfach reproduzieren liessen, und schon gar nicht zum gewünschten Zeitpunkt. «Fische, die für die Schweiz geeignet sind, vermehren sich meist nur einmal pro Jahr», sagt Rüdiger Buddruss. Damit spricht er schon das nächste Problem an. «Der Fischmarkt lebt von der Vielfalt.» Es funktioniere schon deshalb nicht, einmal im Jahr eine Riesenmenge auf den Markt zu bringen und danach nichts mehr. Und dann sei da noch der Transport. «Im Gegensatz zu Schweinen und Hühnern kann man Fische nicht einfach auf Lastwagen laden, weil sie ersticken würden», gibt Buddruss zu bedenken. Wolle man sie lebend transportieren, würde mehr Wasser als Fisch herumkutschiert. Töte man die Fische, müssten sie sogleich ausgenommen werden. Das wiederum sei nur mit einer kostenintensiven Infrastruktur machbar.

Nebst all dem gelte es, auch den Absatz in diesem angeblich boomenden Markt zu betrachten: «Die Menge aus Zucht und Mast in der Schweiz ist seit Jahrzehnten konstant – und nicht etwa boomend, wie oft behauptet.» Das führt Rüdiger Buddruss zum Schluss: «Treiber der Euphorie sind die Anbieter von Anlagen. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich viele Projekte als reine Fantastereien.»

Landwirtschaft oder normales Gewerbe?

Landwirte, die sich für eine Aquakultur interessieren, müssen sich auch mit den regulatorischen Begebenheiten auseinandersetzen. Dabei werden sie feststellen, dass Fischzüchter hierzulande als normale Gewerbler der Privatwirtschaft gelten. Deshalb erhalten sie auch keine staatliche Unterstützung wie die Bauern. Zum anderen ist die Frage zu klären, ob die Aquakultur auf Landwirtschaftsland überhaupt zulässig ist oder in der Gewerbezone anzusiedeln ist.

Manfred Bötsch, Leiter Nachhaltigkeit bei der Micarna SA, kommt zum Schluss: «Aquakulturen im grösseren Stil können wir heute nicht mit gutem Gewissen empfehlen, aber wir müssen dahinkommen.» Was jedoch funktioniere, seien kleine Anlagen mit Direktvermarktung in Restaurants und Läden im regionalen Umfeld des Produzenten. Der Trend weist in diese Richtung. Laut WWF dürfte eigentlich nur einmal pro Monat Fisch aus Wildfang verzehrt werden. «Aquakultur aus Kreislaufanlagen ist heute noch kein flächendeckend mögliches System», sagt Rüdiger Buddruss. «Aber wir müssen es dahin entwickeln und die realen Ergebnisse und Aufwände so weit verbessern, dass sie dereinst dem weiter steigenden Fischereiaufwand eine bezahlbare Alternative entgegensetzen.» Das gehe immer nur punktuell, Fischart für Fischart.