Zu schmackhaft für den Abfall: Wie sich eine Sirnacher Bäckerei  und eine Kita in Bronschhofen gegen Food-Waste einsetzen

Mit der App «Too good to go» gegen Lebensmittelverschwendung: Auch in der Region machen zwei Betriebe mit.

Tobias Söldi
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Die App «Too good to go» ermöglicht es, Lebensmittel von Geschäften und Restaurants abzuholen, die sonst im Abfall landen würden.

Die App «Too good to go» ermöglicht es, Lebensmittel von Geschäften und Restaurants abzuholen, die sonst im Abfall landen würden.

Bild: Urs Bucher

Die Zahl rüttelt auf: Laut dem Verein foodwaste.ch werden jedes Jahr alleine in der Schweiz über 2,8 Millionen Tonnen Essen weggeworfen – sei es auf den Feldern, im Einzelhandel, in der Gastronomie oder zu Hause. Das entspricht rund einem Drittel aller produzierten Lebensmittel. Die Gründe dafür sind vielfältig: überflüssige Einkäufe, Qualitätsmangel, strenge Ablaufdaten. Zu den Folgen gehören unnötige Nutzung von Land, die Belastung des Klimas, Wasser- und Geldverschwendung sowie Menschen, die hungern.

Quelle: ETH/Grafi: rom

Dem wollen die Macherinnen und Macher der App «Too good to go» entgegenwirken. Über die App können seit Sommer 2018 Restaurants, Bäckereien, Cafés, Hotels und Supermärkte ihr überschüssiges Essen zu einem vergünstigten Preis an Selbstabholer anbieten. Mittlerweile sind über 1700 Partnerläden dabei, und die App wurde bereits 540000-mal heruntergeladen.

Attraktiv für Leute mit kleinerem Budget

Auch in der Region machen zwei Betriebe mit: die Bäckerei-Konditorei und Café Botti in Sirnach sowie die Tagesschule und Kindertagesstätte Kits in Bronschhofen – die erste Privatschule und Kita auf der App. Die Umfrage zeigt: Das Angebot stösst auch in der Region auf Resonanz – obwohl oder gerade weil die Dichte an Anbietern im Vergleich mit grösseren Städten tiefer ist.

«Die Nachfrage ist wirklich sehr gut. Wir können fast immer alle Portionen abgeben», sagt Larissa Fehr, Inhaberin des «Botti». Seit bald einem Jahr bietet sie jeden Abend zwei kleine und zwei grosse Tüten mit bis zu sieben verschiedenen Produkten an: Gipfeli, Patisserie, Sandwiches oder Brote, die sonst in den Abfall gewandert wären. Eine Tüte von «Botti» kostet 6.90 Franken beziehungsweise 13.90 Franken.

Der Gedanke hinter der App ist Larissa Fehr nicht fremd:

«Der ökologische Aspekt ist mir sehr wichtig. Ich habe grosse Mühe mit Lebensmittelverschwendung.»

Schon vor dem Gebrauch der App sei sie immer auf der Suche nach Möglichkeiten gewesen, um Nicht-Verkauftes vor der Tonne zu bewahren. So geht ein Teil seit Jahren an das Café Grüezi in Sirnach, ein Begegnungsort für Zugewanderte und Einheimische. Auch Angestellte des «Botti» dürfen sich bedienen. «Da sind wir kulant», sagt Fehr.

Das Angebot bei «Too Good to Go» ist auch für Menschen mit kleinerem Budget attraktiv, werden die Überreste doch zu einem vergünstigen Preis angeboten. Besonders zu Beginn sei das Angebot von Alleinerziehenden, Studenten oder Lehrlingen genutzt worden, erinnert sich Fehr. «Mittlerweile ist die Kundschaft aber durchmischt.»

Erste Kita und Privatschule bei «Too good to Go»

Auch die Kindertagesstätte und Tagesschule Kits in Bronschhofen hat bis jetzt positive Erfahrungen mit «Too good to go» gemacht. Treibende Kraft ist dort Küchenchefin Saskia Wagner. Sie nutzt die App auch privat. «Ich fragte mich: Kann ich die App auch fürs Geschäft brauchen?» Seit rund zwei Monaten bietet sie nun jeden Abend zwei Portionen an, Übriggebliebenes vom Mittagessen desselben Tages oder des vorherigen Tages.

«Das Angebot wird eigentlich jeden Tag nachgefragt», sagt sie. Ein Menu von der «Kits» kostet über die App 5.90 Franken. Zu Beginn sei das Angebot besonders bei den Angestellten der Firmen, die im gleichen Gebäude eingemietet seien, beliebt gewesen. «Mittlerweile kommen aber auch Leute, die nicht einmal wussten, dass es hier eine Kita gibt.»

Dass eine Kita bei «Too good to go» mitmacht, überrascht. Und in der Tat ist die Teilnahme nur deshalb möglich, weil das Essen in der Tagesschule in einer Mensa ausgeschöpft wird. Würde das Essen direkt auf den Tischen serviert, dürften die restlichen Mahlzeiten aus hygienischen Gründen nicht über die App angeboten werden, erklärt Wagner.

Werbung und Geld als positiver Nebeneffekt

Auch wenn die treibende Kraft bei Wagner und Fehr ökologischer Natur ist – Lebensmittelverschwendung einzudämmen und dadurch die Erde zu schonen –, so besteht doch auch ein finanzieller Anreiz. Denn der Verkauf der übriggebliebenen Lebensmitteln spült zusätzliches Geld in die Kasse. Fehr bestätigt:

«Natürlich erhalten wir so einen Batzen, den wir sonst nicht hätten.»

Wagner betont allerdings: «Uns geht es nicht ums Geldverdienen.» Ähnlich verhält es sich mit dem Werbeeffekt: ein positiver Nebeneffekt, aber nicht die Hauptmotivation. Klar ist für Wagner und Fehr denn auch: Sie werden nicht zusätzlich backen beziehungsweise kochen, nur damit sie über «Too good to Go» mehr verkaufen können.