Apfelbitzgis unter der Brücke: Das Theater Bruderboot beschäftigt sich mit der Frage der Schuld

Ein erfolgreicher Architekt und ein vom Schicksal gebeutelter Penner: Einsam sind beide, bis sie sich treffen. Das Theater «Die Brücke» in Niederuzwil erwies sich als lebensnahes Schauspiel, das vom Umgang mit eigener und fremder Schuld handelt.

Kathrin Meier-Gross
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Die Notizen in ihrer Bibel zeigten auf, wie sich Jana gefühlt hatte. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Die Notizen in ihrer Bibel zeigten auf, wie sich Jana gefühlt hatte.
(Bild: Kathrin Meier-Gross)

Der Dienstag ist für viele der TV-Krimiabend. Jene aber, welche die heimische Stube verlassen und der Einladung gefolgt waren, erlebten einen bereichernden Abend. Erstens wegen dem gut gespielten und inhaltlich tiefgründigen Schauspiel der Brüder Beni und Christian Hunziker. Und zweitens, weil sich Gelegenheit für zwischenmenschliche Begegnungen bot. «Wann waren sie zum letzten Mal im Theater?», hatte Pfarrer Marc Ditthardt bei der Begrüssung zum Schauspielabend der evangelischen Kirchgemeinde rhetorisch gefragt. Und angefügt: «Lassen sie sich in eine andere Welt entführen und tauschen sie sich beim anschliessenden Apéro aus.»

Fragen aufwerfen

Die Brüder Hunziker haben vor zwei Jahren das Theater Bruderboot gegründet. Aktuell sind sie mit zwei Stücken unterwegs, die vorwiegend in Kirchgemeinden aufgeführt werden. Zusätzlich machen sie Kindertheater und Projektarbeiten. «Wir möchten Glaubensthemen etablieren. Über den Glauben soll man genauso unbeschwert reden können wie über anderes», sagte Beni Hunziker. Und weiter: «Wir werfen gerne Fragen auf, lieben Geschichten und schätzen die Zusammenarbeit mit Menschen. Unsere Geschichten sollen nahe am Leben sein, anregen und Begegnung ermöglichen.»

Zwei Einsame lernen sich kennen

Gegliedert war das Schauspiel in vierzig Tage. Der Schauplatz war unter einer Brücke. Dort lernte Gustav, der erfolgreiche Architekt, Jack, den Penner kennen. Gustav kam jeden Tag an diesen Ort, ass einen Apfel und häufte die «Bitzgis» dort an. Allmählich wurden die Streitgespräche der beiden Männer versöhnlicher, schälten sich die persönlichen Schicksale heraus. Jack hatte als Taxifahrer eine Frau, Jana, überfahren, die zuvor von der Brücke gesprungen war. Gustav war Janas Ehemann, der sich nur um seine Karriere gekümmert hatte. Anhand von persönlichen Mitteilungen, die Jana in ihre Bibel geschrieben hatte und die Jack als seinen Schatz hütete, erfuhren die Männer, wie sich Jana gefühlt hatte. Jack, der von den Medien vorverurteilt worden war und der seine Arbeit verloren hatte, war vom Gericht freigesprochen worden. Er hatte aber das Vertrauen in die Menschen verloren und war zum Obdachlosen geworden. Gustav merkte, dass in seinem bisherigen Leben kein Platz für Emotionen geblieben war. Gemeinsam beschlossen sie, ein Buch über Janas Notizen zu schreiben. Aus den Apfelkernen, die Gustav sorgfältig verteilt hatte, war inzwischen ein kleines Apfelbäumchen gesprossen. So wie es Jana gewünscht hatte: Dass die Natur den Beton (und die Herzen) aufbrechen möge.