«Angst darf man niemals haben»

Wenn Freddy Nock junior (45) ungesichert übers Seil in luftiger Höhe balanciert, sind feuchte Hände der Zuschauer keine Seltenheit. Der Star des aktuellen Knie-Programms und fünffache Weltrekordhalter über Nervenkitzel, Ängste und Tränen.

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Hand aufs Herz, Herr Nock: Plagt Sie kein schlechtes Gewissen?

Freddy Nock: Nein, nicht dass ich wüsste. Wie kommen Sie darauf?

Es erstaunt, dass Sie im Circus Knie und nicht im familieneigenen Unternehmen Nock auftreten. Wie kam es dazu?

Nock: Darauf bezog sich also die Anspielung. Die Wege der beiden Zirkusdynastien kreuzen sich nicht zum ersten Mal.

Unter anderem tourte bereits der Cousin meines Grossvaters, Arthur Nock, in den Sechzigerjahren mit dem Circus Knie durchs Land. Das Verhältnis zwischen den beiden Familien kann als entspannt bezeichnet werden. Für mich persönlich ist Knie kein Konkurrent, vielmehr sind es andere Seilläufer.

Immer wieder überraschen Sie mit spektakulären Balanceakten. Sei es auf dem Tragseil der St. Moritzer Signalbahn oder dem Stahlseil der Gondelbahn auf die Zugspitze. Kürzlich haben Sie in China dank dem höchsten durchgeführten Seillauf aller Zeiten auf über 500 Metern Höhe Ihren fünften Weltrekord gesichert. Darf man Sie als sensationsgierig bezeichnen?

Nock: Zugegeben, das was ich mache, ist aussergewöhnlich. Als Ausgleich zur klassischen Hochseilnummer suche ich den Nervenkitzel bei den abenteuerlichen Läufen auf den Drahtseilen der Bergbahnen. Hier spüre ich pures Adrenalin.

Im Circus Knie ist das Seil auf einer Höhe von knapp zehn Metern gespannt. Also ein Kinderspiel für Sie, nicht wahr?

Nock: Nein, ganz und gar nicht, das ist sogar ein sehr gefährliches Spiel. Zwischen zehn und 500 Metern Höhe sehe ich keinen Unterschied, es herrschen dieselben Gefahren. Wichtig ist, dass man den Respekt niemals verliert. Im Übrigen enden teils Stürze aus geringer Höhe fatal. Denken Sie an einen Sturz von einer fünf Meter hohen Leiter. Es reicht, um sich lebensgefährlich zu verletzen. Daher sind die zehn Meter hoch genug.

Sie erwecken den Eindruck eines Draufgängers. Geniessen Sie es, im Mittelpunkt zu stehen?

Nock: Ich will niemals im Mittelpunkt stehen, bloss weil es mich persönlich fasziniert, verrückte Acts aufzuführen. Ich habe einfach wahnsinnig Freude an den Eskapaden, die ich mache. Dass ich in meiner Disziplin gut bin, weiss ich schon, aber deswegen den Boden unter den Füssen zu verlieren, wäre nicht mein Ding. Einzig geniesse ich, dass mir so viele Menschen ihr Vertrauen schenken.

Verbirgt sich hinter Ihrer harten Schale auch ein weicher Kern?

Nock: Aber sicher. Obwohl ich ein Teufelskerl bin, habe ich sehr wohl auch meine sensiblen Seiten. Als ich mir die Tragikomödie «Ghost – Nachricht von Sam» angeschaut habe, sind mir Tränen gekommen.

Kennen Sie Angstgefühle?

Nock: Angst darf man niemals haben. Wenn man sich vor etwas fürchtet, so muss man unbedingt davon absehen. Meine langjährige Erfahrung gibt mir das Gefühl von Sicherheit.

Worin besteht die Motivation, tagtäglich Ihr Leben aufs Spiel zu setzen?

Nock: Ich bin nicht der Auffassung, dass ich mein Leben riskiere. Seiltänzer sein ist nicht gefährlicher, als einem anderen Beruf nachzugehen. Auch wenn ich für spezielle Events wie etwa Jubiläen oder Einweihungen auf dem Hochseil ein regelrechtes Feuerwerk, welches ich auf meinem Rücken trage, entfache, verspüre ich keinerlei Ängste. Wenn man sich Bilder davon anschaut, könnte man wirklich meinen, dass ich vollständig brenne.

Sie sind vierfacher Familienvater. Wie lässt sich Ihre Risikobereitschaft mit der Verantwortung gegenüber der Lebenspartnerin und den Kindern vereinbaren?

Nock: Meine Familie steht voll und ganz hinter mir. Sie haben ihre Freude, wenn sie mir bei der Arbeit zuschauen. Ich bin fest davon überzeugt, dass auf der Strasse erheblich mehr Gefahren lauern als auf dem Hochseil.

Welcher Herausforderung möchten Sie sich unbedingt noch stellen?

Nock: Oh ja, die gibt es, allerdings ist das Vorhaben noch alles andere als spruchreif. Einzig verrate ich, dass es sich um einen Schauplatz in der Schweiz handelt. Hierfür benötige ich auch die Unterstützung seitens Politik und Behörden. Ich habe mir bereits als Kind immer gesagt: Wenn ich das schaffe, dann bin ich definitiv der Seilläufer, der in die Geschichte eingeht.

Interview: Marcel Theiler