ANALYSE: «Keine Zeit mehr für gutes Essen»

Norbert Epple, Präsident von Gastro Wil, stellt im Interview Diagnosen und Prognosen für die Wiler Gastronomie. Der 66-Jährige über Fast-Food-Trends, Wirtewechsel und die Nachfrage nach veganer Kost.

Miranda Diggelmann
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Nach bald 37 Jahren in der Gastronomie kann der Wirt des Restaurants Fass, Norbert Epple, eine grosse Entwicklung und Veränderung der Bedürfnisse erkennen. (Bild: Miranda Diggelmann)

Nach bald 37 Jahren in der Gastronomie kann der Wirt des Restaurants Fass, Norbert Epple, eine grosse Entwicklung und Veränderung der Bedürfnisse erkennen. (Bild: Miranda Diggelmann)

Miranda Diggelmann

miranda.diggelmann@wilerzeitung.ch

Seit 1980 arbeitet der Wiler Norbert Epple in der Gastronomie. Er ist Wirt und Koch des Restaurants Fass in Wil. Wer schon so lange Erfahrungen in einem Gebiet machen durfte, kann mit ansehen, wie sich dieses im Laufe der Jahre verändert. Auch die Wiler Gastronomie hat sich stark verändert und ist in stetigem Wandel. Im Interview deckt Norbert Epple Probleme, Bedrohungen, Trends und Veränderungen der Wiler Gastronomie auf.

Norbert Epple, der Januar ist schon wieder vorüber. Gibt es auch in der Gastronomie das Phänomen des Januarlochs?

Von einem Januarloch kann man wohl nicht sprechen. An Ende Monat oder in den Ferien leidet die Gastronomie jedoch an reduzierter Kundschaft. Weil im Januar Sportferien sind, haben auch die Wiler Restaurants weniger Gäste. Da kann man aber nicht viel dagegen machen, Preisanpassungen wären sinnlos.

Was hat sich im letzten Jahr bezüglich der Wiler Gastronomie bedeutend verändert?

Mir fällt auf, dass Fast-Food-Restaurants immer mehr die «traditionellen» Restaurants verdrängen – auch in Wil. Dies vielleicht aus dem Grund, dass in ganz Europa ein Trend zur Amerikanisierung besteht. Heute ist alles so schnelllebig. Die Leute nehmen sich kaum noch Zeit für gutes, qualitativ hochstehendes Essen. Oft muss es einfach schnell gehen. Ich finde dies eine zu bedauernde Veränderung, da deswegen einige Wiler Restaurants schliessen mussten. Andererseits besteht aber auch der Trend zur Nachhaltigkeit, weshalb vegetarische oder gar vegane Speisen immer mehr gefragt sind. Ich konnte im Jahr 2016 erkennen, dass die Wiler Restaurants deshalb öfters ihre Speisekarte an diesen Trend angepasst haben, was ich gut finde.

Sind die Leute heutzutage – trotz der Schnelllebigkeit – noch bereit dazu, einen gewissen Preis für Essen zu bezahlen?

Sofern das Angebot gut ist, bezahlen Restaurantgäste nach wie vor gerne einen bestimmten Preis. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss einfach stimmen. Ausgefallene und innovative Menus kommen gut an, dafür bezahlen die Leute gerne. Die Qualität der Speise ist wichtiger als ihr Preis.

Sehen Sie die Lieferdienste auch als eine Bedrohung?

Durch die Lieferdienste werden die Leute zwar bequem, eine Bedrohung für die traditionellen Restaurants sind diese jedoch nicht. Derweil gibt es schon viele Wiler Restaurants, die Caterings anbieten. Dass man aber irgendwann gar nicht mehr aus dem Haus und ins Restaurant geht, weil man sich das Essen liefern lassen kann, denke ich nicht.

Letztes Jahr gab es in Wiler Restaurants einige Wirte-wechsel. Wie sieht die Lage für die Wirte aus?

Wenn ein Restaurant nicht mehr rentabel ist, schliesst man es besser. Dafür, dass ein Restaurant nicht rentiert, kann es diverse Gründe geben. Der Trend zum Fast Food ist nur einer von vielen. Es kann aber genauso gut auch am Wirt des Restaurants liegen. Heutzutage müssen Restaurantbesitzer keinen Wirtekurs mehr absolvieren. Dies führt dazu, dass Leute gar nicht mehr wissen, was es genau heisst, ein Wirt zu sein. So haben sie nicht viel oder sogar keine Ahnung davon, wie man ein Restaurant führt, wie man administrative Arbeiten wie beispielsweise die Buchhaltung erledigt oder wie man den Verpflichtungen gegenüber dem Personal nachkommt. Auch die fehlende Fachkenntnis in die-sem Bereich könnte ein Grund für diese vielen Wirtewechsel im letzten Jahr gewesen sein.

Wie sieht es mit dem Wirte-wechsel beim Restaurant Fass aus? Haben Sie vor, schon bald in Pension zu gehen?

Solange es mit der Gesundheit stimmt, möchte ich weiterhin wirten. In Pension zu gehen kann ich mir noch nicht vorstellen, dafür fühle ich mich noch zu fit. Ausserdem wäre es aus genannten Gründen schwierig, einen Nachfolger zu finden. Vielleicht müssten wir dann das Restaurant Fass ebenfalls schliessen. Aber das kann man nie sicher sagen.

Wie schauen Sie ins Jahr 2017? Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Wiler Gastronomie?

Wil ist eine schöne Stadt mit tollen Leuten. Auf gastronomischer Ebene bietet die Äbtestadt ein vielschichtiges Angebot. Natürlich könnte man immer noch Verbesserungen anbringen. Ich hoffe einfach, dass alle Wirte durchhalten und viel Herzblut investieren, so dass die traditionellen Restaurants weiterhin erhalten bleiben können.

Gibt es eine Art von Restaurantkonzept, das in Wil noch fehlt?

Nein, das denke ich nicht. Wil leidet weder an einem Über- noch an einem Unterangebot. Wichtig ist nur, dass die Wirte stets innovativ bleiben und mit dem Wandel der Zeit gehen. So können die Wünsche unserer Gäste weiterhin erfüllt werden.