Ameisen, Vindex und Wissenschaft

In einer Gedenkausstellung zum 25. Todestag von Heinrich Kutter erinnert das Ortsmuseum Flawil an das Leben und Wirken des international anerkannten Insektenforschers aus Flawil. Die Ausstellung wird am 28. März eröffnet.

Ueli Schärli
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Eine alte Ansicht der Apotheke Kutter in Flawil, vor der Umgestaltung zur «Ameisen-Apotheke». (Bilder: pd)

Eine alte Ansicht der Apotheke Kutter in Flawil, vor der Umgestaltung zur «Ameisen-Apotheke». (Bilder: pd)

FLAWIL. «1928 bezog ein junges Ehepaar die Apotheke im Flawiler Dorfzentrum: Heinrich und Luise Kutter-Trüb, beide ausgebildete Apotheker», schreibt der Präsident des Vereins und Kurator des Ortsmuseums Flawil in seiner Porträtierung der Exponenten der neuen Ausstellung im Ortsmuseum. «Während Luise Kutter die Begegnungen im Tagesgeschäft und ihre Apothekertätigkeit schätzte, zogen die Insektenwelt, insbesondere die Ameisen, ihren Mann Heinrich seit den Jugendjahren in den Bann. Schon früh verfasste er Studien im Mitteilungsblatt der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft. Er zog damit die Aufmerksamkeit von Professor Auguste Forel, Psychiater im zürcherischen Burghölzli und selbst Ameisenforscher, auf sich und durfte mit diesem an einer Forschungsreise teilnehmen.»

«Geh hin zur Ameise!»

Wenig später publizierte Kutter, laut den Ausführungen Schärlis, sein Büchlein «Geh hin zur Ameise!». Darin beschrieb er Grundsätzliches zur Ameisenwelt und gab Anleitungen zur Haltung und Beobachtung der Tiere. «Sein Ruf als Insektenkenner brachte ihm in den Zwanzigerjahren einen Auftrag der Eidgenössischen Versuchsanstalt Wädenswil ein. Im Rheintal studierte der Apotheker aus Flawil die Bekämpfungsmöglichkeit für einen Erbsenschädling. Nach eingehenden Beobachtungen gelangte Kutter zur Erkenntnis, dass unter anderem mit einem periodischen Wechsel der Anbaufelder dem Käfer die Lebensgrundlage entzogen würde, und damit die Schädlingsplage ohne chemische Eingriffe zu beseitigen sei. Diese Feststellungen bildeten später die Grundlage für seine Dissertation, mit der er sich den Doktortitel in Naturwissenschaften erwarb.

Mitentwickler von Vindex

In späteren Jahren war Heinrich Kutter an der Entwicklung des Wundheilungsproduktes Vindex der Flawa AG beteiligt. Ganz in der Tradition früherer Forscher entschloss er sich 1936 zu einer Forschungsreise nach Kamerun. Von dieser Reise brachte er Ende März 1937 nicht nur Forschungsmaterial mit, sondern auch Filmaufnahmen. Letztere zeigte er unter dem Titel «Meine Afrikareise» bei zahlreichen öffentlichen Auftritten. Etwas über 50 «Reisemitbringsel» schenkte er der ethnologischen Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen.

Zwei Ehrendoktortitel

Kutters Ameisenforschungen trugen ihm weltweit Anerkennung ein. Als Spezialist in der Artenbestimmung wurde er Teil eines weltumspannenden Netzes mit Forschern wie Gösswald und Wheeler. Auf seine Traumstelle als Kurator des Deutschen Naturhistorischen Museums in Berlin verzichtete er des Zweiten Weltkrieges wegen schweren Herzens. 1959, im Alter von 63 Jahren, verkaufte er das inzwischen als «Ameisen-Apotheke» bekannte Geschäft in Flawil und zog mit seiner Frau Luise nach Egg im Kanton Zürich.

Dort schrieb und zeichnete er auch sein Standardwerk zur Schweizer Ameisenwelt, das als sogenannte «Fauna» in Entomologen- und Myrmekologenkreisen noch heute oft für Artenbestimmungen beigezogen wird. Zwei Ehrendoktortitel sind Zeichen der wissenschaftlichen Wertschätzung von Kutters Werk. Sein Nachlass dient heute der Zoologischen Universität von Lausanne für Forschungen und zu Referenzzwecken. 1990 starb Heinrich Kutter im Alter von 94 Jahren.

Das Ehepaar Kutter kurz vor der Abreise aus Flawil 1959.

Das Ehepaar Kutter kurz vor der Abreise aus Flawil 1959.