Am Freitag spricht man Deutsch

Draussen scheint die Sonne. Danach zu urteilen könnte es Sonntag sein. Von der Sonne habe der Sonntag nämlich seinen Namen, erklärt die Lehrerin ihrer Gruppe. Diese ist gerade damit beschäftigt, die Wochentage in deutscher Sprache zu lernen.

Ursula Ammann
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Rahel schreibt die repetierten Zahlen auf den Flip Chart. (Bild: unknown)

Rahel schreibt die repetierten Zahlen auf den Flip Chart. (Bild: unknown)

Draussen scheint die Sonne. Danach zu urteilen könnte es Sonntag sein. Von der Sonne habe der Sonntag nämlich seinen Namen, erklärt die Lehrerin ihrer Gruppe. Diese ist gerade damit beschäftigt, die Wochentage in deutscher Sprache zu lernen. Eine Schülerin beginnt mit dem Aufzählen: «Montag, Dienstag, Samstag…» Die Lehrerin unterbricht. «Das wäre ja schön», lacht sie.

Neben Mittwoch und Donnerstag hat die Frau mit der selbstbewussten, kräftigen Stimme auch den Freitag ausgelassen. Ein Tag, der ihr und allen anderen aber sehr wohl ein Begriff ist. Immer am Freitag findet in den Räumen der evangelischen Kirchgemeinde Deutschunterricht statt.

60 Personen, über 10 Nationen

Die allermeisten der Teilnehmenden sind Asylsuchende, die der Stadt Wil und den umliegenden Hinterthurgauer Gemeinden zugeteilt worden sind. Das Angebot – organisiert vom Solidaritätsnetz Wil/Hinterthurgau – ist freiwillig und kostenlos. Nur das Lehrmittel müssen die Teilnehmer selbst berappen. Mittlerweile besuchen rund 60 Personen aus über zehn Nationen den Deutschunterricht. Menschen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren. Menschen mit ganz unterschiedlichen Bildungshintergründen. Einige sind Analphabeten, andere sind mit dem lateinischen Schriftsystem nicht vertraut. Um den Niveau-Unterschieden gerecht zu werden, sind die Teilnehmenden in sechs Gruppen eingeteilt. Acht ehrenamtliche Lehrerinnen vom Solidaritätsnetz Wil/ Hinterthurgau betreuen diese. Unterstützung erhält die Bewegung von der Evangelischen und der Katholischen Kirchgemeinde Wil. Einerseits in Form eines finanziellen Zustupfs, anderseits in Form des Gastrechts in den Räumen der Kirchgemeinde. Das Solidaritätsnetz selbst sei jedoch ideologisch unabhängig, sagt Sabine Bruni, die alle organisatorischen Fäden in der Hand hält.

Sprache und Gepflogenheiten

Die Tür zum Kursraum geht auf. Ein junger Mann huscht ins Zimmer und setzt sich etwas verlegen an seinen Platz. Auf die Frage, warum er zu spät sei, antwortet er – so gut es seine Deutschkenntnisse zulassen – er habe den Bus verpasst. Dies, weil er mit ganz vielen Leuten in einem Haushalt wohne, es aber nur eine Dusche gebe. «Trotzdem», in der Schweiz sei es wichtig, pünktlich zu sein, erklärt die Lehrerin.

Ein Nebeneffekt des Deutschunterrichts ist, dass die Teilnehmer auch mit kulturellen Werten und Gepflogenheiten vertraut gemacht werden können.

Sozialer Treffpunkt

Im Zimmer nebenan rekapituliert eine Gruppe die Zahlen von eins bis hundert. Eine nach der anderen wird laut und deutlich ausgesprochen. Einige Zahlen entpuppen sich als Zungenbrecher. «Fünfundfünfzig» zum Beispiel oder «Sechsundsechzig». Regelmässig bricht die Gruppe in lautes Lachen aus, weil sich jemand verhaspelt hat.

«Bei unserem Angebot geht es nicht nur darum, die Sprache, zu lernen, sondern auch um den sozialen Aspekt», erklärt Sabine Bruni. Für viele Teilnehmende sei der Deutschunterricht die einzige Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen und die erworbenen Sprachkenntnisse anzuwenden. Zwischen den Lektionen findet jeweils auch ein gemeinsames Mittagessen statt. Die Asylsuchenden helfen in der Küche mit und nicht selten steht so auch einmal eine Delikatesse aus einem fernen Land auf dem Tisch. Ab und zu organisiert das Solidaritätsnetz auch öffentliche Anlässe, um den Austausch zwischen Schweizern und Flüchtlingen zu fördern und so auch Vorurteile abzubauen.

Weihnachten auf Arabisch

Im grossen Saal des Kirchgemeindehauses steht ein bunt geschmückter Christbaum. Die Tische sind mit glänzenden Kugeln und mit Ästen dekoriert. Nach dem Mittagessen soll hier eine Weihnachtsfeier stattfinden. Eine Weihnachtsfeier für alle , egal welcher Religion sie angehören. Auch Frauen mit Kopftüchern sind da. Nach einer musikalischen Einleitung sind die Asylsuchenden selbst gefragt. Ein Afghane, ein Kurde, eine Syrerin und ein Eritreer lesen je einen Abschnitt aus der Weihnachtsgeschichte vor – in ihrer Landessprache: auf Dari, Kurdisch, Arabisch und Tigrinya. Einige im Saal filmen die Darbietung mit ihren Handys.

Jesus der Flüchtling

Die Weihnachtsgeschichte habe auch heute noch grosse Aktualität, sagt Pater Peter Suffel vor den Anwesenden. «Sie soll uns sensibel machen für die grosse Not der Menschen, die auf der Flucht sind vor Krieg und Terror.» So wie sich Jesus einst mit seinen Eltern auf der Flucht befunden habe. «Viele stehen heute vor unserer Tür wie einst Josef und Maria. Viele haben noch keine Herberge gefunden. Sind wir bereit, ihnen unsere Tür zu öffnen?»

Trotz allem Leid sei Weihnachten auch eine Zeit der Freude, sagt der evangelische Pfarrer Christoph Casty. «Es ist wichtig, diese Freude zu zeigen, auch wenn nicht alles gut ist.» Denn wenn man warte, bis alles gut sei, könne man lange warten. Ein «Oh du Fröhliche» hallt danach durch den Saal. Jeder bemüht sich, nach seinen Kräften mitzusingen, auch wenn das eine oder andere Wort noch unbekannt ist.

Diese Gruppe beschäftigt sich mit den Wochentagen. (Bild: unknown)

Diese Gruppe beschäftigt sich mit den Wochentagen. (Bild: unknown)

Die Deutschlektionen sind vorüber. Die Teilnehmer und ihre Angehörigen haben sich zu einer Weihnachtsfeier im grossen Saal versammelt. (Bilder: Ursula Ammann)

Die Deutschlektionen sind vorüber. Die Teilnehmer und ihre Angehörigen haben sich zu einer Weihnachtsfeier im grossen Saal versammelt. (Bilder: Ursula Ammann)

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