Am Ende lag der Erich im Staube

WIL. Theresia Walsers Komödie «Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel» war als bitterbös angekündigt worden. Doch dass in der Wiler Tonhalle dem Publikum die Apfelstücke reihenweise im Halse steckenblieben – davon konnte nicht die Rede sein.

Christof Lampart
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Am Ende der Vorstellung gab es für das Ensemble des deutschen Gastspieltheaters Euro-Studio Landgraf einen warmen Applaus – aber nicht mehr. (Bild: Christof Lampart)

Am Ende der Vorstellung gab es für das Ensemble des deutschen Gastspieltheaters Euro-Studio Landgraf einen warmen Applaus – aber nicht mehr. (Bild: Christof Lampart)

Imelda aus den Philippinen, Margot aus der DDR und Leila aus Tunesien waren alles einst grosse Damen. Damals, als ihre Männer Länder beherrschten und tyrannisierten, waren sie mehr oder weniger wichtige Randfiguren im Kuriositätenkabinett der Weltgeschichte.

Zu viel Banales

Nun sitzen sie hier und warten auf eine Pressekonferenz, welche ihnen einen Hauch an Bedeutung zurückgeben soll. Der Stalinistin den Glauben an die Gleichheit der Massen, der Schuhfetischistin den Glauben ans Schöne und der Jüngsten den Glauben an eine Rückkehr: «Ich trage meine Heimat in mir. Und wenn ich eines Tages zurückkehre, dann bringe ich sie meinem Volk zurück», zwitschert die naive Kokette.

Solche pathosgeschwängerten Sätze gibt es an diesem Abend viele. Zu viele. Denn was anfänglich noch wie die Überspanntheit dreier Damen aussieht, die gierig aufs Comeback sind, verkommt, je länger der Abend, immer mehr zum Phrasendreschen. Banales über einstige Grössen, welche menschlich ebenso medioker waren wie sie selbst. Und Banalität – und mag sie noch so maliziös geäussert werden – ist zu wenig, als dass sie durch einen ganzen Theaterabend trägt.

Zu wenig bekannt

Ein weiteres Manko des Stücks – welches sich in Deutschland garantiert weniger gravierend äussern würde als hier in der Schweiz – ist der Umstand, dass die grosse Masse von den Protagonistinnen zwar die Namen kennt, kaum aber etwas über die Lebensgeschichte. Auch Margot Honecker, welche eine der verhasstesten Personen im deutschen Bauern- und Arbeiterstaat war, dürfte für viele Schweizerinnen und Schweizer eine Frau ohne Gesicht sein. Von Imelda Marcos weiss man wenigstens, dass sie Tausende von Schuhen besass und eine Schönheitskönigin war.

Aber das reicht halt auch nicht, um zwei Stunden lang das Publikum zu fesseln. Und Leila Trabelsi – nun ja, da müssten wohl die meisten schon googeln, um wirklich Genaueres über sie zu wissen.

Gar kein roter Faden

Da half es auch nicht, dass der Simultandolmetscher, der zwischen den drei Frauen manchmal richtig, zumeist aber bewusst falsch hin und her übersetzte, und alle nur möglichen rhetorischen Tricks versuchte, um ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – auch wenn er zuerst vorgab, nur das Werkzeug der drei Frauen zu sein. Kurz: Es gab an diesem Theaterabend in der Wiler Tonhalle ein paar witzige Sätze, durchaus auch amüsante Dialoge, doch was nicht auszumachen war, war ein roter Faden.

Dass am Ende die Urne Erich Honeckers, welche Margot die ganze Zeit in ihrer riesigen Handtasche auf dem Schoss balancierte, zerbrochen auf dem Boden lag, die für so manche die Welt bedeutet, machte es auch nicht viel besser. Die Scherben hätte es nicht als «Holzhammer» gebraucht, um auch dem letzten Zuschauer klar zu machen, dass es für die Welt von gestern keine Chance für eine Rückkehr gibt.

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