Heute Donnerstag wird Roland Bosshart zum «höchsten Wiler» gewählt

Heute Abend folgt für Roland Bosshart (CVP) der Höhepunkt seiner politischen Karriere: die Wahl zum Parlamentspräsidenten.

Interview: Gianni Amstutz
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Parlamentspräsident Roland Bosshart freut sich auf die Präsidiumsfeier im Pfarreizentrum.

Parlamentspräsident Roland Bosshart freut sich auf die Präsidiumsfeier im Pfarreizentrum.

Bild: gia

An der ersten Sitzung des Stadtparlaments in diesem Jahr übergibt Marc Flückiger (FDP) am Donnerstagabend in der Tonhalle das Amt des Parlamentspräsidenten an Roland Bosshart (CVP).

Roland Bosshart, heute Abend übernehmen Sie für ein Jahr das Zepter des Wiler Stadtparlaments. Nervös?

Nein, nervös bin ich eigentlich nicht. Ich konnte im Jahr als Vizepräsident ja bereits Erfahrungen sammeln. Dass ich nun nach zehn Jahren im Parlament das Präsidium ausüben darf, empfinde ich als grosse Ehre.

Die Sitzungen zu leiten, dürfte aber trotz der einjährigen Einarbeitung nicht immer einfach werden.

Als Schulinspektor im Amt für Volksschule des Kantons Thurgau bin ich es gewohnt, Sitzungen zu leiten – wenn auch nicht mit 40 Personen. Vieles lässt sich jeweils vorbereiten. Aber manchmal braucht es doch ein bisschen Improvisationstalent. Wichtig ist, dass am Ende alles korrekt abläuft.

Trotz der Bezeichnung «Höchster Wiler» ist das Amt keine Machtposition. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Parlamentspräsident?

Nebst der Sitzungsführung vor allem darin, eine repräsentative und vermittelnde Rolle gegen aussen auszuüben. Die Bevölkerung soll das Parlament verstärkt positiv wahrnehmen. Als Gesicht der Legislative kann ich an Anlässen hoffentlich etwas dazu beitragen.

Politisch haben Sie sich gar keine Ziele für Ihr Präsidialjahr gesetzt?

Ich werde mich davor hüten, politische Akzente zu setzen. Vielmehr will ich neutral wahrgenommen werden. Zudem eignet sich das Amt des Parlamentspräsidenten auch gar nicht dazu, Parteipolitik zu betreiben – nur schon, weil man seine Meinung während der Sitzungen nicht kundtut.

Herrscht bei Abstimmungen Gleichstand, entscheidet aber Ihre Stimme.

Ja, das ist – wenn es denn so weit kommt – meine einzige politische Einflussnahme während dieses Jahres.

Gibt es einmal einen Stichentscheid, dürfte Ihnen als CVP-Politiker die Rolle als Zünglein an der Waage behagen. Ihre Partei hat in Wil ja oft diese Funktion.

Das stimmt. Als Mittepartei können wir bei knappen Abstimmungen oft den Ausschlag geben. Zumindest dann, wenn wir uns innerhalb der Partei einig sind. Darin sehe ich auch unsere Aufgabe im Parlament. Die CVP kann aus Extrempositionen der Polparteien von links und rechts Kompromisslösungen schmieden, denen letztlich alle etwas abgewinnen können. Diese Konsensdemokratie funktioniert nur mit einer starken Mitte und macht die Schweiz aus. Gleichzeitig ist diese Rolle manchmal undankbar.

Wie meinen Sie das?

Extreme Positionen lassen sich einfacher verkaufen als lösungsorientiertes Schaffen. Vielleicht muss die CVP mehr darauf achten, ihre Haltungen mutiger zu kommunizieren.

Sie haben es angetönt. Auch innerhalb der CVP gibt es ein gewisses Meinungsspektrum. Wo würden Sie sich da verorten?

Nur schon aufgrund meines politischen Ursprungs bei der CSP bin ich im christlich-sozialen Flügel und damit wohl eher etwas links der Mitte. Soziale Anliegen sind mir wichtig.

Wieso sind Sie dann der CVP bzw. CSP beigetreten?

Einerseits, weil mir Werte wie Solidarität, Gemeinschaft und Familie wichtig sind. Anderseits wäre es zu kurz gegriffen, mich als linken CVP-Politiker zu betiteln. Ich stimme manchmal auch mit der SVP und der FDP überein. Das hängt immer vom Thema ab.

Als Parlamentspräsident können Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen im Rat mit der Glocke zur Ordnung mahnen, wenn die sich während der Diskussion im Ton vergreifen. Wie nehmen Sie die Debatte im Parlament wahr?

Es gibt da und dort Voten, die sehr zugespitzt sind. Manchmal sind das Schelten an einzelne Mitglieder des Stadtrats, manchmal richtet sich die Kritik an andere Parlamentarier. Das müsste nicht sein, gehört aber in der Politik ein Stück weit dazu. Vor zehn Jahren, als ich erstmals im Parlament sass, war der Umgangston aber auch nicht besser.

Es gäbe aber schon noch Verbesserungspotenzial.

Ja, oft werden die Dinge auch schlechter dargestellt als sie sind. Als Stadt stehen wir eigentlich gut da. Das dürfen wir nicht schlechtreden. Ich hoffe deshalb auf gute und sachliche Debatten, auch wenn 2020 ein Wahljahr ist.

Apropos Wahljahr: Ist es für Sie ein Vorteil, dass Sie in Ihrer Rolle ohnehin viel mit der Bevölkerung in Kontakt kommen werden?

Es ist sicher kein Nachteil, wenn die Leute den Namen auf dem Wahlzettel mit einem Gesicht in Verbindung bringen können. Das ist aber ein Nebeneffekt. Es ist nicht meine Absicht, meine Teilnahme an Anlässen für Wahlkampf zu nutzen.

Die repräsentativen Aufgaben dürften zeitintensiv werden. Freuen Sie sich trotzdem darauf?

Ja, denn es gibt mir die Möglichkeit, neuen Menschen zu begegnen. Auf diese Gespräche freue ich mich. Zudem kann ich dank meiner Frau Andrea auf gute Unterstützung zählen. Als Seelsorgerin der katholischen Pfarrei und als Ortsbürgerrätin ist sie ebenso im Gemeinschaftsleben der Stadt engagiert.

Im vergangenen Jahr Vize-, jetzt Parlamentspräsident: Ist der nächste Schritt das Stadtpräsidium, das eventuell frei wird?

Nein, dafür hege ich keine Ambitionen.

Am Donnerstagabend findet die traditionelle Präsidiumsfeier statt. Ist etwas Spezielles geplant?

Es wird eine Band geben, die den Abend umrahmt. Sonst habe ich nichts geplant. Es soll genug Zeit für Gespräche haben, fernab von den üblichen politischen Diskussionen. Auch solche Anlässe sind wichtig für das gegenseitige Verständnis.

Hinweis
Erste Parlamentssitzung des Jahres heute Abend um 17 Uhr in der Tonhalle (öffentlich).