Altes Mühleli macht Platz für Neues

Über Generationen war das Mühleli im spätmittelalterlichen Siedlungskern von Oberbazenheid goldener Boden für das örtliche Handwerk. Seit Mitte August dieses Jahres ist das alte, baufällige Mühleli aber nicht mehr. Es wurde abgebrochen.

Josef Moser
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Das Mühleli mit Scheune anno 2014, Ansicht von der Steigstrasse her. Hinter der Scheune der Burghügel und links die neu erbaute Bogenbrücke. (Bilder: pd)

Das Mühleli mit Scheune anno 2014, Ansicht von der Steigstrasse her. Hinter der Scheune der Burghügel und links die neu erbaute Bogenbrücke. (Bilder: pd)

BAZENHEID. Dort, wo der Nuetenwilerbach in Oberbazenheid zwischen Burghügel und Steigstrasse zum Hörachbach hinunterfliesst, nutzte der Mensch schon früh das Gefälle zu gewerblichen Verrichtungen. Das Kloster St. Gallen, das bis zu dessen Aufhebung 1805 in Bazenheid einen regionalen Schwerpunkt an nicht beweglichen Gütern besass, liess im Jahre 1564 «glych nebent ober Batzenhaid» eine Balliermühle erbauen und verlieh diese noch im selben Jahr an «Jacoben denn harnester von Constanntz» (Jakob den Harnischmacher aus Konstanz), gegen einen jährlichen Zins von zehn Gulden an Lichtmess. Die nahe Mühle zu Bräägg kommt deswegen als Standort nicht in Frage, weil jene gemäss Zinsurbar der Pfarrei Kirchberg bereits vor 1560 als Getreidemühle existierte¹.

Der genannte Jakob schliff Kugeln für Waffen und stellte weiteres Kriegsgerät her. Die Lehensurkunde beschreibt seinen Arbeitsbereich mit «Ballieren schlyffen und annderem derglychen vertigen». Ausserdem oblag ihm die Unterhaltspflicht am Gebäude («tach, gmach»), an den Wasserleitungen («keneren») und an der Mühle («rederen»).²

Nicht nur Getreidemühle

In frühindustrieller Zeit definierte sich der Begriff «Mühle» denn auch mit «mechanisch genutzter Wasserkraft» im Allgemeinen. In den Mühlen wurde daher nicht nur Getreide gemahlen, sondern auch Öl gepresst, Steine, Holz und Metall geschnitten, gebohrt und geschliffen, Tuch gewalkt oder Hanf gestampft. Bezüglich der Balliermühle von Oberbazenheid fällt auf, dass ihr Betrieb mit relativ wenig Wasser gesichert war. Dieser Gewerbebetrieb sollte die Zeit bis zur Neuordnung der politischen Verhältnisse nach 1800 aus unbekannten Gründen nicht überstehen, weil er in den Lehensbüchern des ausgehenden 18. Jahrhunderts und in den Stiftsliquidationsakten nicht erwähnt wird.

Baumaterial aus dem Dorf

Indessen förderten die Abbrucharbeiten des bestehenden Gebäudes Grundmauern aus mehreren Bauphasen zutage. Flusskiesel (Bollensteine) und behauene Gesteinsblöcke stammen wohl aus den nahen Bächen und Teile davon aus den Mauern der Burgruine derer ab Egge in unmittelbarer Nähe. Gesägte Tuffsteinquader brachten Pferdefuhrwerke aus dem Bruch in der Risi an der Thur. In einzelnen Mauerabschnitten steckten wiederverwendete Dachziegel und industriell sowie von Hand geformte Backsteine aus gebranntem Lehm. Zementmauern stabilisierten altes Gemäuer und bildeten den Rahmen für Zubauten. Die Wohngeschosse bestanden grösstenteils aus gemauertem Riegelwerk.

Gemäss Pfandschatzungsprotokoll der Politischen Gemeinde Kirchberg liess der Oberbazenheider Georg Anton Baumgartner anno 1845 am genannten Ort ein neues Gebäude mit Zwirnerei und Schleiferei errichten. Dazu gehörte ein Wasserwerk, welches für die Maschinen die nötige Energie lieferte.³

Vier Jahre später ersteigerte Franz Karl Rütsche die Liegenschaft aus nunmehr Mühlengebäude, Weiher und Wasserleitung. Zudem verpflichtete er sich dazu, zwei Dorfbewohnern, darunter dem Schäfliwirt, vom Weiher ein «Wässerrecht» für ihre Wiesen zu gestatten.? Nach weiterem Besitzerwechsel kaufte Franz Karl Grämiger 1856 den Mühlenbetrieb, den die Dorfbewohner fortan «Grämigers Mühle» oder «Mühleli» nannten, weil er die Anlage über 30 Jahre lang als kleine Getreidemühle mit Backofen bewirtschaftete.? Das Mahlwerk betrieb er mit einem Wasserrad in der neu erbauten, freistehenden Scheune, in welche er zusätzlich eine kleine Landwirtschaft integrierte. Dazu gehörten bis 1884 120 Aren Wiesland, 78 Aren Wald und 90 Aren Acker, Wies- und Streuboden. Der Sockel, auf dem der untere Mühlstein lag, und die zugemauerte Öffnung für das Wasserrad gegen den Bach hin sind im Scheunenbereich heute noch erkennbar.

Mechanische Werkstätte

Im Anschluss an einen Zwischenhandel kamen Haus und Scheune 1892 in den Besitz von Juliane Bridler-Gmür.? Ihr Mann verzichtete auf die Müllerei und richtete im westlich ans Wohnhaus angegliederten Zubau eine mechanische Werkstätte ein. Beim Ausfluss des Nuetenwilerbachs am Fuss des Walls, über den die 1880 erbaute Bahnhofstrasse führt, zweigte er einen Teil des Wassers ab und leitete es durch eine 25 Meter lange Druckleitung auf die vertikalachsige Turbine, von der aus er mittels Transmissionsriemen Bohr-, Schneid- und Schleifmaschinen zur Bearbeitung von Metall und Holz in Bewegung setzte, um Werkzeuge produzieren und mechanische Reparaturen ausführen zu können. In einem Ablaufkanal floss das gebrauchte Wasser in den Nuetenwilerbach zurück.?

Zu seinem Warenangebot zählten verschraubbare Längsspannstäbe zum Verleimen von Holz, Stüpfelbohrer (einfache Handbohrer aus länglichem Holzgriff mit rechteckig dazu eingelassenem kurzem Bohrgewinde), grössere Bohrer. Karl Bridler verstand sich auch auf Reparaturen an Stickmaschinen sowie auf Schlosserarbeiten.? Nach seinem plötzlichen Hinschied um 1900? verkaufte die Witwe die Liegenschaft, welche nach drei Jahren abermals die Hand änderte.¹?

Stickerei eingerichtet

Johann Sturzenegger setzte das Wasserwerk ausser Betrieb und baute in der ehemaligen Werkstätte die Fundamente für eine Stick- und Fädelmaschine, wobei er die übernommene Landwirtschaft nach wie vor beibehielt. Bis 1916 erfolgten acht weitere Besitzerwechsel, davon einige aus Spekulation. Jakob Lendenmann war es dann, der kurz nach dem genannten Jahr wie manche andere Dorfbewohner aus mode- beziehungsweise schutzzollbedingten Gründen die Heimstickerei aufgeben und sich nach anderer Arbeit umsehen musste.¹¹

Gelegenheitswerkstätte

1934 erwarb Chauffeur Johannes Wild das Anwesen, welches fortan gewerblich keine Existenz mehr bildete für eine Familie. Die Landwirtschaft blieb zur Selbstversorgung noch erhalten.¹² Nachfolgend an eine längere Besitzdauer der Erbengemeinschaft Wild übernahm Drechsler Ernst Wild die Liegenschaft 1975 käuflich und richtete im ehemaligen Stickereiraum seine Freizeitwerkstätte ein.¹³ Er war nahezu 50 Jahre lang Brunnenmeister des Schäfli-Brunnens der Brunnengenossenschaft Oberbazenheid. In seiner Eigenschaft als Holzbearbeiter verschönerte er den Brunnenplatz mit einer massiven Holzbank aus seiner Boutique im Mühleli. Im zweiten Jahr nach seinem Ableben verkaufte die Erbengemeinschaft das sehr baufällige Zeugnis von unermüdlichem Gewerbefleiss anno 2015 an die neue Eigentümergemeinschaft David und Nicole Mätzler sowie Heidi Geissbühler. Sie schaffen an der Stelle des abgebrochenen Gebäudes neben der stehengebliebenen Scheune neuen Wohnraum für die Zukunft.

Quellenangaben: ¹Stiftsarchiv St. Gallen, Ru 99 Fasc 3, No. 8-19 ² Stiftsarchiv St. Gallen, Ru 87 Fasc 1 ³ Politische Gemeinde Kirchberg (PGK), Pfandschatzungsprot. 20. Okt. 1845 ? PGK, Handänderungsprotokoll (HP) 8/229, 6. Mai 1850 ? PGK, HP 11/52, 17. Juli 1856 ? PGK, HP 24/365, 4. April 1892 ? Staatsarchiv St. Gallen, Wasserrechtskataster 1898, Blatt 36-38 ? Alttoggenburger, 29. April 1893 ? Katholisches Pfarramt Bazenheid, Nekrologe 9.1, 1900 ¹? PGK, HP 28/240, 3. Dez. 1900 u. HP 30/49, 7. Juli 1903 ¹¹ PGK, HP 36/21, 6. Jan. 1916 ¹² PGK, HP 42/261, 6. Sept. 1934 ¹³ PGK, HP 46/83, 2. Juli 1947 u. HP 55/111, 6. März 1975

Einer der Sockel für die Stickmaschine mit zwei Schleifsteinen.

Einer der Sockel für die Stickmaschine mit zwei Schleifsteinen.

Abbrucharbeiten am 14. August durch Franz Wick, Lütisburg.

Abbrucharbeiten am 14. August durch Franz Wick, Lütisburg.

Empfehlung für die Werkstätte im «Alttoggenburger», 29. April 1893.

Empfehlung für die Werkstätte im «Alttoggenburger», 29. April 1893.

Josef Moser Dorfhistoriker Bazenheid (Bild: Beat Lanzendorfer)

Josef Moser Dorfhistoriker Bazenheid (Bild: Beat Lanzendorfer)

Ernst Wild (1932–2013) Drechsler und letzter Bewohner des Mühlelis

Ernst Wild (1932–2013) Drechsler und letzter Bewohner des Mühlelis